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Deutschland Vorreiter bei Erneuerbaren: warum Strompreise zu den höchsten in der EU zählen

Ein Pumpenbock von Wintershall DEA fördert am Freitag, 18. März 2022, Rohöl in einem alten Ölfeld in Emlichheim in Deutschland.
Eine Ölpumpe von Wintershall DEA fördert am Freitag, 18. März 2022, Rohöl aus einem alten Ölfeld in Emlichheim, Deutschland. Copyright  Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.
Copyright Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.
Von Liam Gilliver
Zuerst veröffentlicht am
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Deutschland erzeugte 2025 mehr Strom aus Sonne und Wind als jedes andere EU-Land, doch die Strompreise hängen weiter an volatilen Fossilen.

Deutsche Haushalte zahlen für Strom rund ein Drittel mehr als der EU-Durchschnitt – obwohl das Land beim Abschied von fossilen Energien große Fortschritte gemacht hat.

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Laut dem Energie-Thinktank Ember gehört Deutschland weltweit zu den „Vorreitern“ beim Ausbau von Wind- und Solarenergie. Im Jahr 2025 stammten 59 Prozent des Stroms aus sauberen Quellen.

Seit der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 ist der Anteil von Wind- und Solarstrom allein von weniger als zwei Prozent auf fast 45 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen.

Gleichzeitig ist der Anteil von Kohle – oft als „schmutzigste“ Energieform bezeichnet – von mehr als der Hälfte der deutschen Stromerzeugung auf nur noch 21 Prozent gesunken.

„Deutschland hat 2025 mehr Strom aus Wind und Sonne erzeugt als jeder andere EU-Mitgliedstaat und stand für mehr als ein Viertel der gesamten Wind- und Solarproduktion in der EU“, heißt es bei Ember (Quelle auf Englisch).

Dennoch zeigt eine neue Analyse des Energiedienstleisters 1KOMMA5°, dass Deutschland weiterhin mit einigen der höchsten Strompreise in der EU kämpft.

Die Lösung aus Sicht der Branche: noch mehr erneuerbare Energien.

EU-Strompreise im Vergleich

Auf Basis von Eurostat-Daten zu den Strompreisen im zweiten Halbjahr 2025 berechnet 1KOMMA5° (Quelle auf Englisch) einen EU-Durchschnitt von 0,29 € pro Kilowattstunde (kWh) inklusive Steuern und Abgaben. In Deutschland zahlen Haushalte im Schnitt jedoch 0,39 €/kWh.

Für einen typischen Single-Haushalt mit einem Verbrauch von 1.500 kWh bedeutet das: Deutsche zahlen rund 150 Euro pro Jahr mehr als der EU-Durchschnitt. Bei einer Familie mit 5.000 kWh Jahresverbrauch summiert sich der Aufschlag auf etwa 500 Euro.

Karte mit den Strompreisen in der EU.
Karte mit den Strompreisen in der EU. 1KOMMA5°

An der Spitze der Preisliste steht allerdings Irland, das 2025 die Stromerzeugung aus Kohlekraft offiziell beendet hat. Dort liegt der Strompreis bei sehr hohen 0,40 €/kWh.

Die vollständige EU-Rangliste:

  1. Irland: 0,40 €
  2. Deutschland: 0,39 €
  3. Belgien: 0,35 €
  4. Dänemark: 0,33 €
  5. Österreich: 0,33 €
  6. Tschechien: 0,32 €
  7. Italien: 0,30 €
  8. Rumänien: 0,29 €
  9. Zypern: 0,28 €
  10. Schweden: 0,27 €
  11. Polen: 0,27 €
  12. Spanien: 0,27 €
  13. Luxemburg: 0,27 €
  14. Frankreich: 0,26 €
  15. Niederlande: 0,26 €
  16. Lettland: 0,25 €
  17. Portugal: 0,24 €
  18. Griechenland: 0,24 €
  19. Estland: 0,23 €
  20. Finnland: 0,23 €
  21. Slowenien: 0,21 €
  22. Litauen: 0,20 €
  23. Slowakei: 0,19 €
  24. Kroatien: 0,17 €
  25. Bulgarien: 0,14 €
  26. Malta: 0,13 €
  27. Ungarn: 0,11 €

Warum ist Strom in Deutschland so teuer?

Trotz des Booms bei erneuerbaren Energien bleibt der Strompreis stark an fossile Energieträger gekoppelt. Grund ist das sogenannte Merit-Order-Prinzip. Es sorgt dafür, dass sich der Börsenstrompreis am teuersten Kraftwerk orientiert, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird.

Reichen Wind-, Solar- und andere saubere Quellen nicht aus, springen teurere und klimaschädlichere Erzeuger wie Kohle- oder Gaskraftwerke ein.

Mehr erneuerbare Energien können diesen Effekt abmildern. Spanien zeigt das: Dort hat der Ausbau von Wind- und Solarenergie den Einfluss fossiler Kraftwerke auf den Strompreis seit 2019 um 75 Prozent verringert.

Spanien hatte 2025 einen ähnlichen Wind- und Solaranteil wie Deutschland. Weitere saubere Quellen wie Wasserkraft und Atomstrom haben die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen allerdings deutlich stärker reduziert. Im vergangenen Jahr machten erneuerbare und andere saubere Energien 75 Prozent des spanischen Strommixes aus. In Deutschland waren es 59 Prozent.

Der weitere Kontext ist entscheidend. Laut dem Clean Power Progress Report von Montel (Quelle auf Englisch) hat sich der deutsche Strommix nach dem Atomausstieg grundlegend verändert.

Im Jahr 2022 trug die Kernenergie – trotz der Umweltdebatte um den radioaktiven Abfall meist als saubere Energie eingestuft – noch 6,6 Prozent zur gesamten Stromproduktion Deutschlands bei.

„Der Wegfall dieser verlässlichen, CO₂-armen Stromquelle hat eine große Lücke geschaffen, die rasch geschlossen werden musste – entweder durch fossile Erzeugung oder durch einen beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren“, heißt es in dem Bericht.

Nach dem schnellen Zubau von Wind- und Solaranlagen erwarten Fachleute, dass sich dieser „neue Schwung“ im Jahr 2026 deutlicher zeigen dürfte. Dann könnte die Verdrängung fossiler Energien stärker sichtbar werden, auch wenn die Nachfrage weiter steigt.

Warum verschwendet Deutschland saubere Energie?

Gleichzeitig weist Jannik Schall, Mitgründer von 1KOMMA5°, auf ein strukturelles Problem hin: „Deutschland hat nicht zu viel günstigen Wind- und Solarstrom, sondern zu wenig Flexibilität im System.“

Im vergangenen Jahr gab Deutschland 435 Milliarden Euro für Abregelung erneuerbarer Energien aus. Dabei schalten Netzbetreiber in Regionen mit Stromüberschuss Anlagen gezielt ab und fahren andernorts die Erzeugung hoch.

Betreiber, die ihren Strom nicht ins Netz einspeisen dürfen, erhalten Entschädigungszahlungen. Kraftwerke, die zur Schließung von Versorgungslücken gebraucht werden, bekommen Ausgleichszahlungen.

Abregelung tritt häufig auf, wenn die Bedingungen für Wind- und Solarstrom ideal sind, etwa an sonnigen, windreichen Tagen. Dann produziert das System mehr Strom, als das Netz aufnehmen kann. Übersteigt das Angebot die Nachfrage deutlich, kann dies sogar zu negativen Strompreisen führen.

Eine Lösung ist kompliziert. Das europäische Stromnetz ist ursprünglich nicht für einen massiven Anteil dezentraler Erneuerbarer gebaut worden, sondern für zentrale Großkraftwerke. Wind- und Solarparks stehen jedoch oft in abgelegenen Regionen. Der Strom kommt deshalb nicht immer dort an, wo er gebraucht wird – in Städten, Haushalten und Betrieben.

Batteriespeicher, sogenannte Battery Energy Storage Systems (BESS), gelten als wichtiger Baustein, um diese Probleme abzufedern. Sie können helfen, große Mengen sauberen Stroms vor der Verschwendung zu bewahren.

Laut einem Bericht von Solar Power Europe aus dem Jahr 2026 zum europäischen Batteriemarkt (Quelle auf Englisch) hat sich der EU-Batteriepark seit 2021 zwar verzehnfacht und umfasst heute mehr als 77 GWh. Dennoch ist Europa demnach „noch weit von dem entfernt, was nötig wäre“.

Um die Ziele für 2030 zu erreichen, müsste die EU dieses Verzehnfachen noch einmal wiederholen und die Speicherkapazität in den kommenden fünf Jahren auf rund 750 GWh ausbauen. Fünf EU-Märkte stellten 2025 mehr als 60 Prozent der neu installierten BESS-Kapazitäten. Deutschland und Italien liegen dabei vorn.

Deutschlands teure Abgaben

Die Strompreise in Deutschland hängen aber auch stark von Netzentgelten und Steuern ab.

Nach Berechnungen von 1KOMMA5° würden Haushalte ohne diese Abgaben nur 0,26 €/kWh zahlen. Strom wäre dann günstiger als in Belgien, Luxemburg oder den Niederlanden.

„Wir könnten die Netzentgelte deutlich senken, wenn sich zum Beispiel sogenannte Redispatch-Maßnahmen besser vermeiden ließen, also das kurzfristige Herunter- oder Hochfahren von Kraftwerken“, sagt Schall.

„Statt Erzeugungsanlagen gegen Entschädigung abzuschalten, ermöglicht ein intelligentes Steuersystem das vorausschauende Verschieben von Strommengen zwischen Speichern und flexiblen Verbrauchern. Das senkt die Netzkosten langfristig für alle.“

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