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Tierschutzverbände empört über Brasilien-Fleischverbot: Problem sind nicht Antibiotika

ARCHIV - Rinder fressen in einem Mastbetrieb der Otavio-Lage-Gruppe in Goianésia im brasilianischen Bundesstaat Goiás, 13. Juni 2025.
Archivaufnahme: Rinder fressen in einem Mastbetrieb der Unternehmensgruppe Otavio Lage in Goianésia im brasilianischen Bundesstaat Goiás am dreizehnten Juni 2025. Copyright  AP Photo/Eraldo Peres, File
Copyright AP Photo/Eraldo Peres, File
Von Ruth Wright
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Nach Fleischverbot für Brasilien: Experten sehen Tierquälerei in der Landwirtschaft als größeres Problem als Antibiotika

Fleisch aus Brasilien wird in der EU verboten, nachdem Experten der Mitgliedstaaten einstimmig dafür gestimmt haben.

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Der Grund für das Verbot? Medikamente, die brasilianische Produzenten einsetzen, damit Tiere größer werden und dadurch profitabler sind.

Ab dem 3. September darf Fleisch aus Brasilien nicht mehr in die EU eingeführt werden, obwohl das neue EU-Mercosur-Handelsabkommen bereits seit dem 1. Mai gilt.

Brasilien ist der größte Rindfleischexporteur der Welt. Das Land lieferte 2025 rund 3,5 Millionen Tonnen in alle Welt und erzielte damit einen Rekordumsatz von 18 Milliarden Dollar (15,3 Milliarden Euro) – etwa 40 Prozent mehr als im Jahr davor. Die EU war der viertgrößte Absatzmarkt und importierte 128.900 Tonnen im Wert von mehr als 850 Millionen Euro, ein Anstieg um 132 Prozent gegenüber 2024.

Tierschutzorganisationen betonen, dass der massive Einsatz antimikrobieller Mittel nicht nötig wäre, wenn die Branche stärker auf „tierfreundlichere Haltungssysteme setzt, in denen Stress minimiert wird und Tiere ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können“, sagt Sabrina Gurtner von der Animal Welfare Foundation.

Tierfreundlichere Haltungssysteme mit möglichst wenig Stress würden den Bedarf an antimikrobiellen Mitteln verringern, so die Animal Welfare Foundation.
Tierfreundlichere Haltungssysteme mit möglichst wenig Stress würden den Bedarf an antimikrobiellen Mitteln verringern, so die Animal Welfare Foundation. Animal Welfare Foundation | Tierschutzbund Zürich

Strenge EU-Regeln für antimikrobielle Mittel in Lebensmitteln

Ob ein Lebensmittel in der EU produziert oder importiert wird, spielt keine Rolle: Es muss überall dieselben Standards erfüllen. „Jedes Produkt, das in der EU verkauft wird – unabhängig davon, ob es aus heimischer Produktion oder aus dem Ausland stammt – muss die SPS-Standards (Sanitär- und Phytosanitätsstandards) der EU einhalten“, heißt es auf der Website der Europäischen Kommission. Auch der strenge Umgang mit Medikamenten fällt unter diese Regeln.

Antimikrobielle Mittel ist ein Sammelbegriff für Stoffe, die Mikroorganismen hemmen oder abtöten, darunter Antibiotika (gegen Bakterien), Antimykotika (gegen Pilze) und Virostatika bzw. antivirale Mittel (gegen Viren).

Solche Wirkstoffe behandeln zwar kranke Tiere, in der Fleischproduktion dienen sie jedoch oft dazu, die Gewinne zu steigern. Werden sie an Nutztiere verfüttert, wachsen diese schneller, setzen Futter besser in Fleisch um und liefern mehr Ertrag; in intensiven Haltungssystemen sinkt teils auch die Sterblichkeit. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entfällt rund 75 Prozent des weltweiten Einsatzes antimikrobieller Mittel auf die Tierhaltung, und etwa 80 Prozent davon erfolgen nicht zu therapeutischen Zwecken.

Wachstumsfördernde Antibiotika sind in der EU streng geregelt. In Teilen Lateinamerikas, Asiens und in einigen afrikanischen Ländern bleiben sie jedoch erlaubt oder nur schwach kontrolliert.

Welche konkreten antimikrobiellen Wirkstoffe die Europäische Kommission in brasilianischem Fleisch vermutet, ist bislang nicht bekannt. Brasilien hat zwar vor Kurzem fünf dieser Mittel verboten, das Verbot gilt jedoch nur für Fleisch, das im eigenen Land verkauft wird. Fleisch für den Export durfte weiterhin mit diesen Medikamenten erzeugt werden. Nach Angaben von DatamarNews stützt sich das EU-Verbot darauf, dass Brasilien „die strenge Rückverfolgbarkeit über den gesamten Lebenszyklus hinweg nicht gewährleisten konnte, die für die EU-Veterinärstandards von 2019 vorgeschrieben ist“.

Die brasilianische Regierung kündigte in einer gemeinsamen Erklärung der Ministerien für Landwirtschaft, Handel und Außenbeziehungen an, sie werde „umgehend alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um diese Entscheidung rückgängig zu machen“.

Tierschützer kritisieren, antimikrobielle Mittel würden eingesetzt, um die eigentlichen Ursachen von Krankheiten wie Überbelegung und mangelhafte Ställe nicht anzugehen.
Tierschützer kritisieren, antimikrobielle Mittel würden eingesetzt, um die eigentlichen Ursachen von Krankheiten wie Überbelegung und mangelhafte Ställe nicht anzugehen. Animal Welfare Foundation | Tierschutzbund Zürich

Warum sind antimikrobielle Mittel gefährlich?

Werden antimikrobielle Medikamente in der Tierhaltung übermäßig eingesetzt, begünstigt das die Entstehung resistenter Bakterien. Diese können über die Nahrungskette, direkten Kontakt oder die Umwelt auf den Menschen übergehen. Häufige Infektionen lassen sich dann nur noch schwer oder gar nicht mehr behandeln.

Die WHO stuft antimikrobielle Resistenzen (AMR) als „eine der größten globalen Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit“ ein. Sie nennt sie als direkte Ursache für 1,27 Millionen Todesfälle im Jahr 2019 und als beitragenden Faktor bei weiteren 4,95 Millionen Todesfällen. In der EU gehen demnach rund 35.000 Todesfälle pro Jahr auf AMR zurück.

Die WHO zählt „den Fehl- und Übergebrauch antimikrobieller Mittel“ in der Tierhaltung zu den „wichtigsten Treibern für die Entstehung resistenter Krankheitserreger“.

Neben dem Verlust von Menschenleben und dem Risiko bleibender Schäden verursacht AMR auch hohe Kosten. Die Europäische Kommission schätzt, dass antimikrobielle Resistenzen jährlich rund 1,5 Milliarden Euro an zusätzlichen Gesundheitsausgaben und Produktivitätsverlusten verursachen.

Antimikrobielle Mittel: Pflaster für schlechte Tierhaltung?

Tierschutzorganisationen argumentieren, antimikrobielle Mittel dienten oft als bloßer Notbehelf, um sich nicht mit den eigentlichen Ursachen von Krankheiten zu befassen – etwa zu vielen Tieren auf engem Raum, schlechter Unterbringung, Stress oder anfälligen Zuchtlinien.

„Das Problem ist, dass diese Praxis Systeme normal erscheinen lässt, in denen Tiere von vornherein unter Bedingungen leben, die Krankheitsdruck erzeugen“, sagt Elena Nalon, wissenschaftliche Leiterin bei der Eurogroup for Animals (Quelle auf Englisch), einem Dachverband von mehr als hundert Tierschutzorganisationen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit betont, dass gute Haltungsbedingungen Tiere gesund halten, während Stress und schlechte Tierwohlstandards die Anfälligkeit für übertragbare Krankheiten erhöhen.

Eurogroup for Animals fordert daher „einen Wandel der Haltungssysteme und der Menschen, die sie steuern. Das Problem sind nicht die Antibiotika, die wir für Tiere zur Verfügung haben, sondern die Systeme, in die wir sie stellen, und die Art, wie wir diese Systeme managen“.

ARCHIV: Landwirte protestieren am Montag, 18. November 2024, im nordfranzösischen Beauvais gegen das EU-Mercosur-Handelsabkommen. Auf dem Plakat steht: Importiert nicht, was in Frankreich verboten ist.
ARCHIV: Landwirte protestieren am Montag, 18. November 2024, im nordfranzösischen Beauvais gegen das EU-Mercosur-Handelsabkommen. Auf dem Plakat steht: Importiert nicht, was in Frankreich verboten ist. AP Photo/Matthieu Mirville, File

Tierschützer: Mercosur-Landwirtschaft verursacht erhebliches Tierleid

Nach mehr als fünfundzwanzig Jahren Verhandlungen ist das Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten (derzeit Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) am 1. Mai vorläufig in Kraft getreten.

Das Freihandelsabkommen senkt südamerikanische Zölle auf europäische Autos, Bekleidung, Lebensmittel, hochwertige Weine und Medikamente. Im Gegenzug öffnet die EU ihren Markt für Agrarprodukte aus Südamerika, begrenzt jedoch die Einfuhren von Rind- und Schweinefleisch, Ethanol, Honig und Zucker. Zusätzlich dürfen jedes Jahr 99.000 Tonnen Rindfleisch mehr in die EU geliefert werden.

Befürworter sehen darin Zugang zu neuen, wirtschaftlich wichtigen Märkten. Viele Bäuerinnen und Bauern in der EU sind jedoch alles andere als zufrieden. Vor der Unterzeichnung des Abkommens gingen sie mit ihren Traktoren auf die Straße, um gegen das zu protestieren, was sie als unfaire Konkurrenz durch Mercosur-Importe empfinden.

Nach Angaben der Animal Welfare Foundation zeigen von ihr gedrehte Aufnahmen, dass Tiere in Mercosur-Staaten unter Bedingungen gehalten werden, die nach EU-Recht nicht zulässig wären. „Das Fleisch aus diesen riesigen Freilandmastanlagen wird als ‚hochwertiges Rindfleisch‘ vermarktet, doch das, was wir gesehen haben, erzählt eine völlig andere Geschichte“, sagt Sabrina Gurtner von der Stiftung. „Tausende Tiere leiden dort bis zu 120 Tage lang vor der Schlachtung. Das sind keine Einzelfälle, sondern systematische Missstände, die wir in der gesamten Region immer wieder dokumentiert haben. Mit dem Import dieses Fleisches untergräbt Europa seine eigenen Werte.“

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