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Nur teures Internet in Teheran: Viele Menschen in Iran nach 82 Tagen weiter offline

Ein Mann betrachtet sein Smartphone in einem Café in Teheran, unter Postern von Hollywoodfilmen, am achten Mai 2026.
Ein Mann schaut auf sein Smartphone in einem Café in Teheran. Über ihm hängen Poster von Hollywood-Filmen, am achten Mai 2026. Copyright  AP Photo
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Von Euronews Persian
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Die 82-tägige Internet-Sperre in Iran führt zu einem seltsamen System: Behörden und Firmen haben Zugang. Wer es sich leisten kann, zahlt bis zu zwölfmal mehr für VPNs, berichten Iraner im Gespräch mit Euronews.

Irans Regierung hat erklärt, sie könne nicht sagen, wann die seit 82 Tagen andauernde Internetsperre enden werde. Neue Daten zeigen, dass die Wirtschaft durch den digitalen Blackout bereits mehr als 1 Milliarde Dollar verloren hat.

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Gleichzeitig hat sich ein abgestuftes Zugangssystem zum Internet etabliert. Nach Ansicht von Kritikern verschafft es Funktionären und bestimmten Berufsgruppen Zugang zum Internet, während gewöhnliche Bürger weitgehend vom Netz abgeschnitten bleiben.

Regierungssprecherin Fatemeh Mohajerani sagte auf die Frage, wann der Zugang zum internationalen Internet wiederhergestellt werde, die Regierung von Präsident Masoud Peseschkian lehne Einschränkungen bei der Internetnutzung ab, könne aber keinen Zeitplan nennen.

"Mit dem Mandat, das der Präsident dem Ersten Vizepräsidenten Mohammad Reza Aref erteilt hat, versuchen wir, unter Berücksichtigung aller bestehenden Probleme, der Wünsche der obersten geistlichen Führung und weiterer Vorgaben die Knoten rund um das Internet zu lösen, damit wir zu einer gerechteren Situation kommen“, sagte die Sprecherin in Teheran.

Die Führung in Teheran kappte den Zugang zum internationalen Web rund eine Stunde nach dem gemeinsamen US-israelischen Angriff auf den Iran am 28. Februar 2026. Zuvor hatte das Regime bereits eine Sperre verhängt, um landesweite Proteste zu unterdrücken, die im Januar ihren Höhepunkt erreicht hatten.

Mehr als 82 Tage später haben die meisten Iraner keinen Zugang zu globalen Plattformen. Nur eine kleine Minderheit ist über drei Modelle weiter online, die sich nach Ansicht von Kritikern zu einem Klassensystem verfestigt haben.

Dreistufiges Internetsystem: Auch einige Journalisten haben Zugang

An der Spitze des abgestuften Systems steht das, was Menschen in Iran "White Internet" nennen – ein ungefilterter Zugang, den hohe Vertreter der Islamischen Republik schon lange nutzen. Unter Präsident Hassan Rohani wurde dieses Privileg schrittweise auf Journalistinnen und Journalisten ausgeweitet, deren Namen dem Kulturministerium gemeldet wurden.

Reza, ein Journalist in Teheran, berichtete, er verfüge seit 2018 über "White Internet". Selbst während der vollständigen Internetsperre im November 2019 sei sein Zugang nicht unterbrochen worden.

Mansour Beytaf, ehemaliger Chefredakteur der Wirtschaftszeitung Taadol, erklärte, er habe sich geweigert, für dieses Privileg seine private Telefonnummer herauszugeben.

"Freier Zugang zum Internet ist ein öffentliches Recht. Man kann dieses Privileg nicht einigen gewähren und anderen verweigern. Das ist offene Diskriminierung", sagte Beytaf im Gespräch mit Euronews.

Unterhalb des "White Internet" folgt "Internet Pro" – das auch als "stabiles Business-Internet" vermarktet wird. Es bietet ausgewählten Nutzergruppen, darunter registrierten Unternehmen, Journalistinnen und Journalisten, Anwältinnen und Anwälten, wissenschaftlichem und medizinischem Personal, einen eingeschränkten Zugang zu einer begrenzten Anzahl internationaler Plattformen, in der Regel sind es nicht mehr als zehn.

Für Internet-Pro-Nutzer funktionieren Telegram und WhatsApp meist zuverlässig. Instagram, YouTube und X gelten hingegen als instabil.

Ein Geistlicher telefoniert - bei Kundgebung zum Gedenken an die Islamische Revolution in Teheran, 11. Februar 2026
Ein Geistlicher telefoniert - bei Kundgebung zum Gedenken an die Islamische Revolution in Teheran, 11. Februar 2026 AP Photo

Hochschuldozenten können meist nur auf wissenschaftliche Datenbanken und Google Scholar zugreifen. Ärztinnen und Ärzte nutzen vor allem WhatsApp.

Internet Pro kostet 40.000 Toman pro Gigabyte – umgerechnet etwa 0,20 Euro. Wer keinen Zugang hat, zahlt rund 500.000 Toman pro Gigabyte für kommerziell angebotene VPNs, also mehr als zwölfmal so viel.

Alireza, ein 40-jähriger Café-Besitzer in Teheran, der nicht für Internet Pro infrage kommt, sagt, er gebe 15 Millionen Toman – rund 75 Euro – im Monat aus, um sich ein Gigabyte VPN-Datenvolumen pro Tag zu sichern. Zuvor habe er für sein Geschäft unbegrenzt im Netz surfen können.

"In welchem Land kostet die Internetnutzung so viel?“, fragte er im Gespräch mit Euronews. "Nur weil ein Krieg läuft, sollen die Iraner vom Internet abgeschnitten werden?“

Internetsperre trifft die Wirtschaft hart

Abbas Ashtiani, Leiter der Blockchain-Kommission im nationalen IT-Berufsverband, sagte Ende April der staatlichen Agentur IRNA, die Internetausfälle hätten in den ersten 50 Tagen Schäden von rund 1 Milliarde Dollar (862 Millionen Euro) in der Wirtschaft des Iran verursacht. Er nannte direkte Verluste, entgangene Gewinne und weitere Folgeschäden.

Den täglichen Schaden bezifferte er auf 30 bis 35 Millionen Dollar (26,8 bis 30 Millionen Euro).

Wirtschaftsjournalist Beytaf sagte Euronews, bis Mitte Mai habe die Abschaltung – ohne indirekte Verluste – für die Unternehmen 16,3 Billionen Toman (181 Millionen Euro zum offiziellen Kurs) an entgangenem Gewinn verursacht.

Besonders hart traf es Verkäufer, die ihre Geschäfte über Instagram, WhatsApp und Telegram betrieben. Viele von ihnen arbeiten informell, erfüllen die Voraussetzungen für Internet Pro nicht und können sich die hohen VPN-Kosten nicht leisten.

Digikala, eine der größten E-Commerce-Plattformen des Landes, hat wegen rückläufiger Umsätze Personal entlassen.

Handygeschäft in der Innenstadt von Teheran, 21. Februar 2024
Handygeschäft in der Innenstadt von Teheran, 21. Februar 2024 AP Photo

Regierungssprecherin Fatemeh Mohajerani erläuterte, Internet Pro sei als Angebot für Unternehmen konzipiert worden und tauge nicht als allgemeine Lösung für Internetsperren.

Sie betonte, die Regierung lehne jede Form von Diskriminierung ab und betrachte den Zugang zum Internet als Recht aller Bürgerinnen und Bürger.

Kritiker verweisen auf einen Widerspruch im Kern der Position Teherans: Präsident Massud Peseschkian steht sowohl der Regierung vor, die Diskriminierung offiziell ablehnt, als auch dem Obersten Nationalen Sicherheitsrat, der das System Internet Pro beschlossen hat.

Analysten im Iran sehen die Erklärung in der doppelten Machtstruktur der Islamischen Republik. Demnach besitzt der Präsident nicht die letztendliche Gewalt über die Exekutive. Seine erklärte Ablehnung des gestuften Internetsystems bleibt damit weitgehend symbolisch.

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