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Gasausbau im Namen der Sicherheit: zementiert Europa die Energiekrise?

ARCHIV: Wasserdampf steigt am 30. März 2022 aus einem Kühlturm des Gasheizkraftwerks Lichterfelde neben einer Kabelbrücke über den Teltowkanal in Berlin.
ARCHIV: Dampf steigt aus einem Kühlturm des Gas-Kraftwerks Lichterfelde nahe einer Kabelbrücke über den Teltowkanal in Berlin, 30. März 2022. Copyright  AP Photo/Michael Sohn, File
Copyright AP Photo/Michael Sohn, File
Von Angela Symons
Zuerst veröffentlicht am
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Bericht: Flexible Stromversorgung und Energiesicherheit treiben Europas Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen voran.

Der durch den Krieg gegen den Iran ausgelöste Preisschock bei fossilen Brennstoffen hat Europas riskante Abhängigkeit von Öl und Gas offengelegt. Doch statt die Krise als Warnsignal zu verstehen, setzen Regierungen in der gesamten EU noch stärker auf Gas. Laut einer neuen Analyse planen sie fast 60 Gigawatt zusätzliche Gaskraftwerke. Diese könnten den Kontinent für Jahrzehnte an fossile Energien fesseln.

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Der Bericht Merchants of Crisis (Quelle auf Englisch), den die Kampagnenorganisation Beyond Fossil Fuels (BFF) am 15. Juni veröffentlicht hat, kommt zu einem klaren Ergebnis. Werden alle geplanten Gaskraftwerke gebaut, würden sie jährlich rund 28 Milliarden Kubikmeter Gas verbrauchen. Das entspricht etwa neun Prozent der prognostizierten Gasimporte der EU oder dem Jahresverbrauch von 46,4 Millionen Haushalten.

Die Erdgaspreise in Europa sind seit Ausbruch des Kriegs bereits um 60 Prozent gestiegen. Europa ging mit deutlich niedrigeren Gasspeicherständen in die Krise: Ende Februar 2026 lagen sie bei 46 Milliarden Kubikmetern, ein Jahr zuvor waren es noch 60 Milliarden Kubikmeter.

Haushalte und Unternehmen bekommen das direkt zu spüren: Die Energierechnungen steigen rasant, die Lebenshaltungskostenkrise verschärft sich.

„Mehr Gaskraftwerke schützen die Menschen in Europa nicht vor künftigen Energiekrisen. Sie vertiefen unsere Abhängigkeit von volatilen Importen fossiler Brennstoffe, während Energieunternehmen hohe Gewinne einfahren“, sagt Juliet Phillips, Energieexpertin bei Beyond Fossil Fuels. „Die eigentliche Lösung ist eine Strategie zum Ausstieg aus fossilen Energien, kombiniert mit einem deutlich schnelleren Ausbau von erneuerbaren Energien, Speichern, Netzen und sauberer Flexibilität.“

Deutschland treibt neue Gaskraft voran

Der Bericht sieht eine „mächtige Allianz aus Politik und Energiewirtschaft“, die unter dem Deckmantel der Energiesicherheit Europas Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen vertieft. Das schaffe einen „sich selbst verstärkenden Kreislauf“: Energieunternehmen profitieren, während Haushalte künftigen Preisschocks schutzlos ausgesetzt bleiben.

Er nennt Deutschland als prominentes Beispiel. Die Bundesregierung will bis 2031 zusätzlich zwölf Gigawatt Kraftwerkskapazität aufbauen. Zehn Gigawatt davon sind für wasserstofffähige Gaskraftwerke vorgesehen.

Das ist weniger als der ursprüngliche Plan der Ampelkoalition, bis 2030 Ausschreibungen für 20 Gigawatt Gaskapazität zu starten. Dennoch wäre es ein erheblicher Zuwachs zu dem bestehenden Kraftwerkspark von rund 31 Gigawatt. Die Bundesregierung schreibt vor, dass alle neuen Gaskapazitäten bis 2045 „dekarbonisiert“ werden müssen. Offen bleibt jedoch, ob dies durch den Einsatz von CO₂-Abscheidung und -Speicherung (CCS) geschehen soll – eine Technik, die Kritikerinnen und Kritiker, darunter das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (Quelle auf Englisch) (IEEFA), weder für erprobt noch für kosteneffizient halten.

Besonders kritisch sieht BFF die Rolle der deutschen Energieministerin Katherina Reiche. Sie präge maßgeblich die Energiepolitik des Landes, sei aber keineswegs neutral. Nach Angaben von BFF bringt sie eine klar gasfreundliche Haltung mit. Zuvor arbeitete sie rund ein Jahrzehnt für Westenergie AG, eine E.ON-Tochter, die mehr als 6,6 Millionen Menschen mit fossiler Energie versorgt, sowie für den VKU, den einflussreichen Lobbyverband der kommunalen Energieversorger.

Seit ihrem Amtsantritt drängt sie auf den Ausbau von Gaskraftwerken, setzt sich in der EU für gelockerte Netto-null-Fristen zugunsten der Industrie ein und hat Kürzungen bei Förderungen für Solarenergie und Netze vorgeschlagen. Außerdem unterstützte sie im vergangenen Monat die Rücknahme des auf erneuerbare Energien ausgerichteten Heizungsgesetzes.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) reagierte auf eine Anfrage zunächst nicht.

Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland zahlen schon heute die höchsten Energiepreise in der EU. Grund ist die starke Abhängigkeit von schwankenden Weltmärkten für Gas und Öl, die die Strompreise bestimmen. Rund 95 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases stammen aus Importen.

Der Bericht hebt auch Polen und Rumänien hervor, wo der Staat große Anteile an Öl- und Gasunternehmen hält und so politische Entscheidungen beeinflusst. In Polen ist der Staat Mehrheitseigentümer der Versorger PGE und ENEA und größter Anteilseigner der Energie- und Versorgungskonzerne Orlen und Tauron.

In Rumänien gehören 70 Prozent des Gasproduzenten Romgaz dem Staat, außerdem hält er 20,7 Prozent am Ölkonzern OMV Petrom. Beide Unternehmen entwickeln gemeinsam das rund vier Milliarden Euro schwere Neptun Deep-Gasprojekt im Schwarzen Meer. Ab 2027 soll es Rumäniens Gasförderung verdoppeln. Das Gaskraftwerk Mintia, das größte in der EU werden soll, soll noch dieses Jahr ans Netz gehen – obwohl der europäische Netzbetreiberverband ENTSO-E erwartet, dass ein großer Teil der geplanten Kapazität bis 2035 wirtschaftlich nicht mehr tragfähig sein wird.

Flexible Stromversorgung: Warum kommt Europa nicht voran?

Deutschlands Pläne zur Energiesicherheit machen ein Grundproblem sichtbar: Das bestehende Stromsystem ist auf fossile Kraftwerke zugeschnitten. Und „Energiesicherheit“ dient erneut als Begründung, den Status quo zu erhalten, statt konsequent in Reformen zu investieren.

Wenn Deutschland vorschreibt, dass zehn Gigawatt der neuen Kraftwerksleistung „über längere Zeiträume Strom liefern können müssen“, bevorzugt das de facto Gaskraftwerke. Auf sie setzt Europa bisher, um flexibel und kurzfristig regelbare Leistung bereitzustellen und das Netz zu stabilisieren, wenn Wind- und Solarstrom nicht zur Nachfrage passen.

Klimaschützerinnen, Klimaschützer und Energieanalysten warnen jedoch, dass diese Strategie zu Fehlinvestitionen führen kann. Ein stärkerer Fokus auf Batteriespeicher und andere saubere Flexibilitätsoptionen könnte günstiger und widerstandsfähiger sein.

„Saubere Flexibilität wächst rasant“, sagt Dr. Beatrice Petrovich, leitende Energieanalystin beim Thinktank Ember, Euronews Earth. „Die Kosten für Batteriespeicher im Netzmaßstab haben 2025 einen neuen Tiefstand erreicht und setzen damit einen seit einem Jahrzehnt laufenden Trend fort. Gleichzeitig hat sich die installierte Kapazität innerhalb von nur zwei Jahren mehr als verdoppelt. Damit werden Batterien zu einer billigeren Alternative zu neuen Gaskraftwerken für die kurzfristige Netzstabilisierung, die zudem schneller gebaut werden kann. Allein in Deutschland soll die Batteriekapazität von 2,5 Gigawatt im Jahr 2025 auf über zehn Gigawatt in den kommenden Jahren steigen. Zusammen mit KI-gestützter Nachfrageflexibilität durch die wachsende Zahl von E-Autos und Wärmepumpen zeigt dies, dass die Politik die Risiken einer Überinvestition in fossile Anlagen genau prüfen sollte – einschließlich möglicher Lieferunterbrechungen bei Gas und sogenannter Stranded Assets, deren Kosten letztlich die Steuerzahler tragen.“

Polens Kapazitätsauktionen gehen noch weiter. Dort dürfen ausdrücklich nur Gaskraftwerke teilnehmen; die Regierung verkauft dies als Maßnahme zur „Systemstabilität und Energiesicherheit“. Neue Forschung (Quelle auf Englisch) von Krzysztof Bodzek von der Schlesischen Technischen Universität legt jedoch nahe, dass es sich eher um eine politische Entscheidung als um eine technische Notwendigkeit handelt. Demnach könnte bis 2040 allein die lokale Energieeinspeisung und -steuerung den Bedarf an 20,8 Gigawatt Gaskraftwerken ersetzen.

Die Bevorzugung von Gas als steuerbare Stromquelle ist besonders problematisch, weil sie Investitionen und politische Aufmerksamkeit von der Flexibilisierung der erneuerbaren Energien abzieht. Nötig wären etwa mehr Batteriespeicher, Programme zur Verbrauchssteuerung und zeitvariable Stromtarife.

Deutschland zeigt deutlich, wie sehr Europas größte Volkswirtschaft hier hinterherhinkt. In Ländern wie Frankreich, Italien, Spanien und Schweden verfügen 95 Prozent oder mehr der Haushalte über intelligente Stromzähler. In Deutschland hatten Ende September 2025 hingegen nicht einmal vier Prozent der Haushalte einen Smart Meter.

Intelligente Stromzähler sind Voraussetzung für dynamische Stromtarife. Diese sind wiederum entscheidend, um schwankende erneuerbare Stromerzeugung mit dem Verbrauch zu synchronisieren und die Abhängigkeit von Gas als Reservequelle zu verringern.

TTEP, ein im Mai angekündigtes Joint Venture von TotalEnergies und EPH, soll einer der größten Erzeuger von Gasstrom in Europa werden. Das Projekt wird als Anbieter flexibler Leistung dargestellt. Umweltorganisationen warnen jedoch, dass damit ein neuer fossiler Gaskonzern entsteht, der ein strukturelles Interesse daran hat, Europas Abhängigkeit von Gasimporten zu verlängern.

Smart Meter helfen, schwankende Stromproduktion aus erneuerbaren Energien mit dem Verbrauch in Einklang zu bringen.
Smart Meter helfen, schwankende Stromproduktion aus erneuerbaren Energien mit dem Verbrauch in Einklang zu bringen. Canva

„Europäische Haushalte brauchen Schutz vor Preisschocks fossiler Energien“

„Energiesicherheit darf kein Vorwand sein, um die fossile Industrie durch neue Gasgeschäfte noch reicher zu machen“, sagt Phillips. „Europäische Haushalte und Unternehmen brauchen genau das Gegenteil: niedrigere Rechnungen, mehr Widerstandskraft und Schutz vor Preisschocks fossiler Brennstoffe.“

BFF fordert die Staats- und Regierungschefs der EU, die in dieser Woche zum Europäischen Rat zusammentreffen, auf, einen langfristigen Rahmen zu beschließen, der Europas strukturelle Abhängigkeit von fossilen Energien schrittweise verringert. Dafür braucht es messbare Ziele und deutlich beschleunigte Investitionen in erneuerbare Energien, Speicher und Netzinfrastruktur.

Die Europäische Kommission hat mit AccelerateEU bereits ein Paket neuer Maßnahmen als Reaktion auf die aktuelle Krise vorgeschlagen. Nach Ansicht von BFF reicht es jedoch nicht aus, um die strukturelle Wende einzuleiten, die nötig wäre, damit Europa nicht dauerhaft anfällig für Preisschocks bei fossilen Brennstoffen bleibt.

Ein Schreiben, das mehr als zwanzig Branchenverbände, Klima-NGOs und Gewerkschaften unterzeichnet haben, ist den Staats- und Regierungschefs vor dem Ratstreffen bereits zugestellt worden. Darin fordern sie Maßnahmen, die Europas strukturelle Anfälligkeit für die Preisvolatilität fossiler Energien deutlich verringern sollen.

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