Die Gespräche folgen kurz nachdem die VAE im August Handel und Finanzbeziehungen zu Iran ausgesetzt haben. Vertrauen nach Irans Angriffe auf die Golfstaaten aufzubauen sei "ein weiter Weg“, so die Vereinigten Arabischen Emirate.
Abu Dhabis Kronprinz Scheich Khaled bin Mohamed bin Zayed Al Nahyan hat am Sonntag am Rande des BRICS-Gipfels in Indien den iranischen Präsidenten Masoud Pezeshkian getroffen, nur wenige Wochen nachdem die Vereinigten Arabischen Emirate Handels- und Finanzbeziehungen zu Teheran ausgesetzt hatten.
Das Gespräch ist das bislang ranghöchste Treffen zwischen beiden Staaten seit Beginn des Kriegs der USA und Israels gegen Iran. Die Emirate lassen über den diplomatischen Berater des Präsidenten, Anwar Gargash, keinen Zweifel daran: „Vertrauen ist der Berg, den wir erklimmen müssen.“ Die „Geografie lässt uns keine Alternative zur Zusammenarbeit“, doch die Beziehungen müssten „an Taten und nicht an Worten gemessen werden“, um das zerstörte Vertrauen wieder aufzubauen.
Nach Angaben des Medienbüros von Abu Dhabi betonten beide Staatsoberhäupter, wie wichtig es sei, Initiativen zur Deeskalation zu unterstützen und die regionale Stabilität zu stärken.
Am 19. August teilte das Außenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate mit, dass sämtliche Handels- und Finanztransaktionen mit Iran bis auf Weiteres ausgesetzt seien. Als Begründung nannte es die Eskalation in der Region.
In derselben Erklärung bekräftigten die Emirate ihr Bekenntnis zu Dialog und regionaler Zusammenarbeit. Der am Samstag veröffentlichte Bericht über das Treffen enthielt jedoch weder eine Lockerung der Handelsbeschränkungen noch Hinweise auf ein konkretes Abkommen zwischen beiden Staaten.
Danny Citrinowicz, früherer Leiter der Forschungsabteilung des israelischen Militärgeheimdienstes, schrieb auf X: „Trotz allen schlechten Bluts zwischen Abu Dhabi und Teheran wird der neue Ansatz am Golf immer klarer, vor allem der der Emirate: Das iranische Risiko managen, statt Teheran in die Ecke zu drängen.“
„Das bedeutet kein Vertrauen. Es wird Jahre dauern, bis beide Seiten überhaupt wieder ein Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen aufbauen“, so der israelische Sicherheitsexperte weiter. Aus Sicht Abu Dhabis sei es bereits eine Form der strategischen Absicherung, die Gesprächskanäle nach Teheran offenzuhalten. Die Emirate hätten wenig Interesse daran, erneut Frontstaat in einem Regionalkrieg zu werden.
Rufe zum Schutz von Handel und Energie
Beide Länder gehören zu BRICS, dem Verbund aufstrebender Volkswirtschaften Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika.
Sie unterstützten die auf dem Gipfel verabschiedete New-Delhi-Erklärung, die am Samstag angenommen wurde. Darin äußern die Mitglieder Sorge über die zunehmenden Spannungen im Nahen Osten und rufen zu „größtmöglicher Zurückhaltung“ auf.
Die Erklärung fordert den Schutz von Zivilisten und ziviler Infrastruktur, die Achtung der nationalen Souveränität und eine dauerhafte Lösung des Konflikts durch Diplomatie. Die Staats- und Regierungschefs plädieren außerdem für mehr Zusammenarbeit, um den weltweiten Handel, Lieferketten und die Energieversorgung im Einklang mit dem Völkerrecht aufrechtzuerhalten.
Chinas Präsident Xi Jinping rief BRICS auf, zur Befriedung der Region beizutragen, und kündigte an, China werde dafür eng mit den anderen Mitgliedern zusammenarbeiten.
Die Erklärung kritisiert zudem einseitige Zölle und Sanktionen und spricht sich dafür aus, grenzüberschreitende Zahlungen und den Handel verstärkt in den eigenen Währungen der Mitgliedstaaten abzuwickeln.
Pezeshkian sagte am Sonntag bei der BRICS-Plus-Outreach-Sitzung, die die Mitglieder mit weiteren eingeladenen Staaten zusammenbringt, Angriffe auf die Wirtschafts- und Energieinfrastruktur eines Landes hätten Folgen weit über dessen Grenzen hinaus.
Einseitige Sanktionen beeinträchtigten die Ernährungssicherheit und das Wohlergehen der Bevölkerung, fügte er hinzu. Er forderte einen stärkeren Einsatz nationaler Währungen sowie eine größere Rolle für die New Development Bank, die von den BRICS-Staaten gegründete Entwicklungsbank.
Hormus-Gespräche in Oman geplant
Unabhängig vom Gipfel erklärte Pezeshkian, arabische Außenminister würden sich am Montag in Maskat treffen, um ein Abkommen zu unterzeichnen, das eine gemeinsame Schifffahrtsroute Irans und Omans durch die Straße von Hormus festlegt. Damit ignorierten sie die gemeinsame Haltung der Golfstaaten, dass die Meerenge für die freie internationale Schifffahrt offen bleiben muss.
Der diplomatische Berater des Präsidenten der Emirate, Anwar Gargash, hatte bereits vor einigen Tagen die klare Position des Landes unterstrichen: Die Vereinigten Arabischen Emirate akzeptierten nicht, dass ein einzelner Staat die strategische Straße von Hormus kontrolliert. Es sei inakzeptabel, dass Öltanker bedroht oder angegriffen würden, wenn sie die wichtige Wasserstraße passieren wollen.
„Unsere Energieexporte werden nicht als Geisel genommen, ebenso wenig unser Handel und unsere wirtschaftliche Aktivität“, sagte Gargash.
In einem am Samstag veröffentlichten Interview kündigte Pezeshkian an, die Internationale Seeschifffahrtsorganisation werde anschließend über das Abkommen informiert.
Iran hatte bereits am fünften August mitgeteilt, man habe sich mit Oman auf den Verlauf einer geplanten Schifffahrtsroute geeinigt.
Damals erklärte der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Esmaeil Baghaei, die Vereinbarung allein könne keine sichere Schifffahrt garantieren, solange die US-Seeblockade und andere Maßnahmen gegen Iran andauerten.
In demselben Interview sagte Pezeshkian zudem, Iran werde die Meerenge wieder öffnen, sobald die USA ihre Blockade und Angriffe beendeten. Einen Zeitpunkt für die Wiederöffnung der Wasserstraße nannte er nicht.
Am Sonntag teilte der Gouverneur der Insel Qeschm, Amir Teymouri, mit, eine Person sei ums Leben gekommen, nachdem ein Handelsschiff in der Nähe der iranischen Inseln Hengam und Qeschm getroffen worden war. Er machte keine Angaben zur Herkunft des Angriffs.