Grüne Technologien geben immer mehr Menschen in Europa mehr Kontrolle über ihre Stromrechnungen und entlasten zugleich das veraltete Netz.
Gas in Europa ist derzeit mindestens so teuer, wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Energiekrise 2022. Der Krieg gegen Iran macht die starke Anfälligkeit für Preisschwankungen fossiler Energien erneut sichtbar.
Das bedeutet, dass die Energiepreise voraussichtlich bis weit ins Jahr 2027 hinein hoch bleiben, während Europa fieberhaft versucht, seine schrumpfenden Gasvorräte vor den kalten Wintermonaten wieder aufzufüllen.
Bereits im Juni hatte die Europäische Kommission die Menschen dazu aufgefordert, ihren Energieverbrauch zu Spitzenzeiten zu senken. So sollen Rechnungen sinken und das bereits stark belastete Stromnetz entlastet werden. Gleichzeitig entstehen im Zuge des Booms bei künstlicher Intelligenz (KI) überall in Europa neue, stromhungrige Rechenzentren.
Viele Menschen in Europa haben den Eindruck, sie könnten sie sich kaum gegen die aktuellen Turbulenzen schützen. Doch ein Experte betont, dass jedes einzelne Zuhause aktiv zur Balance von Angebot und Nachfrage im europäischen Energiesystem beitragen kann.
Wie Europäer zu „besseren Netzbürgern“ werden
„Verbraucher spielen im Energiesystem eine zunehmend wichtige Rolle“, sagt Niklas Persson, CEO Grid Integration bei Hitachi Energy, im Gespräch mit Euronews Earth.
„Ein ‚besserer Netzbürger‘ ist nicht einfach jemand, der weniger Strom verbraucht. Es ist jemand, der Strom intelligenter nutzt.“
Intelligentes Laden von Elektroautos, flexible Heizsysteme sowie Solarstrom von Dachanlagen und Steckermodulen können das Netz in Spitzenzeiten entlasten und zugleich die Stromrechnung senken. Der Zugang zu diesen teuren Technologien erfordert jedoch oft mehrere tausend Euro Vorkasse. Millionen Europäer können sich da nicht leisten.
Viele Haushalte können dennoch an sogenannten Demand-Response-Programmen teilnehmen. Mit intelligenten Stromzählern erhalten sie Zugang zu günstigeren Tarifen zu bestimmten Tageszeiten.
Die Verbreitung solcher Geräte unterscheidet sich stark in Europa. In Ländern wie Dänemark und Schweden liegt sie hoch. In Deutschland, wo die Geräte Teil eines großen Kulturkampfes geworden sind, verfügen nur 5.9 Prozent der Stromanschlüsse über einen intelligenten Zähler. Das ist ein Anstieg von lediglich 1.5 Prozent in den vergangenen sechs Monaten.
Haushalte mit Solaranlagen und Batteriespeichern können erneuerbaren Strom zudem dann ins Netz einspeisen, wenn er besonders gefragt ist, typischerweise am Abend, wenn Menschen von Arbeit oder Schule nach Hause kommen. So senken sie ihre Rechnungen weiter.
Persson hofft, dass künftig Millionen Europäer aktiv dazu beitragen, Angebot und Nachfrage auszugleichen. Das soll helfen, mehr erneuerbare Energie zu integrieren und zugleich die eigenen Kosten zu senken.
Das würde nicht nur den Geldbeutel vieler Haushalte schonen. Es könnte auch verhindern, dass saubere Energie ungenutzt bleibt.
Nach Berechnungen des Energie-Thinktanks Ember könnten allein intelligent geladenen Elektroautos rund 3 Prozent der Spitzenproduktion aus Wind- und Solarparks in Spanien aufnehmen.
„Das wäre für das System bedeutsam, denn im Mai 2026 wurden Schätzungen zufolge 10 Prozent der monatlich erzeugten Strommenge spanischer Wind- und Solarparks abgeregelt“, heißt es bei Ember.
Veraltetes europäisches Stromnetz bremst Fortschritt
„Einzelne Verbraucher können diese Rolle nur übernehmen, wenn die passende Infrastruktur vorhanden ist“, betont Persson.
„Regierungen, Versorger und Technologieanbieter müssen zusammenarbeiten, um einfache Anreize und nutzerfreundliche Lösungen zu schaffen, die Flexibilität leicht und attraktiv machen.“
Das veraltete europäische Energienetz, ursprünglich rund um Kohle und später Gas aufgebaut, braucht dringend mehr Investitionen. Laut einem Bericht von April dieses Jahres gefährden Engpässe im Netz mehr als 120 GW geplanter Ökostromkapazitäten.
Zum Vergleich: Ein Kraftwerk mit einer Leistung von 1 GW könnte etwa 876.000 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen, wenn sie im Schnitt 10.000 kWh pro Jahr verbrauchen.
Persson betont, dass die Umstellung auf ein nachhaltigeres, bezahlbares und sicheres Energiesystem nicht allein von Energieversorgern geschafft werden kann. Sie müsse eine „Partnerschaft“ zwischen Netzbetreibern, Technologieanbietern, Unternehmen und Verbrauchern sein.
„Die gute Nachricht ist, dass die Technologien bereits existieren und passende Lösungen schon eingeführt werden, um diese Herausforderungen anzugehen“, sagt er.
„Wir müssen bestehende Übertragungsleitungen modernisieren und Genehmigungsverfahren für neue Netzprojekte beschleunigen. Zudem braucht es einen breiteren Einsatz moderner Leistungselektronik und digitaler Technologien sowie stärkere Verbindungen zwischen Ländern, damit Strom dorthin fließen kann, wo er am dringendsten gebraucht wird.“
Europas Wettlauf um Elektrifizierung
Mit der zunehmenden Elektrifizierung der Volkswirtschaften wächst die Bedeutung des Stromnetzes weiter.
Die Türkei , die in diesem November die UN-Klimakonferenz COP31 ausrichten wird, hat Elektrifizierung zu einer seiner zentralen Prioritäten gemacht. Das Land will den globalen Anteil des Energiebedarfs, der durch Strom gedeckt wird, bis 2035 von rund 20 Prozent auf 35 Prozent erhöhen.
Fachleute warnen, dass diese Zusage es Regierungen ermöglichen könnte, zusätzlich installierte Gaskraftwerke als Fortschritt bei den Elektrifizierungszielen zu verbuchen. Das würde die Klimaziele nach ihrer Einschätzung „ernsthaft untergraben“.
Persson hält Elektrifizierung für eines der wirksamsten Mittel, um die Weltwirtschaft zu dekarbonisieren. „Doch nicht jede Form der Elektrifizierung bringt den gleichen Klimanutzen“, sagt er.
„Um die Emissionen möglichst stark zu senken, muss der steigende Strombedarf mit einem Ausbau sauberer Erzeugung und der Netzinfrastruktur einhergehen, die diese Quellen verbindet“, fügt er hinzu.
„Wenn Regierungen wollen, dass Elektrifizierung ihren vollen ökologischen und wirtschaftlichen Nutzen entfaltet, müssen sie Investitionen in die Netzinfrastruktur mit derselben Dringlichkeit vorantreiben wie Investitionen in die Stromerzeugung.“
Persson fordert, das Stromnetz als kritische nationale Infrastruktur zu behandeln, die die gleiche Aufmerksamkeit verdient wie Autobahnen, Eisenbahnen und Flughäfen.
„Ohne ausreichende Investitionen in Übertragungs- und Verteilnetze wird es deutlich schwieriger, saubere Energie zu integrieren, industrielle Investitionen anzuziehen oder die Energiesicherheit zu stärken“, erklärt der Experte.
„Die Energiewende entscheidet sich letztlich an der Infrastruktur. Erneuerbare Erzeugung ist unverzichtbar, doch erst die Netze bringen diese Energie zu den Verbrauchern. Wenn Elektrifizierung das Rückgrat der Dekarbonisierung ist, dann ist das Stromnetz das Rückgrat der Elektrifizierung.“