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Verunsicherte Investoren, Strom zu Negativpreisen: kippt Spaniens Solarboom?

Arbeiter montieren Solarmodule auf dem Dach eines Hauses in Rivas-Vaciamadrid, Spanien, am Donnerstag, 15. September 2022.
Arbeiter installieren Solarmodule auf dem Dach eines Hauses in Rivas-Vaciamadrid bei Madrid, Spanien, am Donnerstag, 15. September 2022. Copyright  Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Liam Gilliver
Zuerst veröffentlicht am
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Spanien boomt bei Solarenergie: Schlagzeilen warnen vor Übertreibung – doch greift diese Darstellung wirklich die ganze Geschichte?

Spaniens ehrgeiziger Ausbau der erneuerbaren Energien steht zunehmend in der Kritik. Viele befürchten, dass ein Überangebot an Solarstrom eine Abwanderung von Investoren in großem Stil auslösen könnte.

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In den vergangenen zwei Wochen haben zwei große Medienhäuser Spaniens Versuch hinterfragt, sich von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen zu lösen. Das Land hat in den letzten 15 Jahren mehr als 70 Milliarden Euro in saubere Energie investiert.

Überschriften wie „Spaniens Solarstrom ist so billig, dass Investoren den Ausstieg suchen“ oder „Wie Spaniens Solarboom zum Flop wurde“ erwecken den Eindruck, dass überschüssiger Strom Solarparks entwertet und Geschäfte vertreibt.

Doch bildet das wirklich die gesamte Lage ab? Welche Lösungen hat Spanien – und was bedeutet all das für die Bürgerinnen und Bürger?

Erneuerbare schützen Spanien vor schwankenden Fossilpreisen

Im vergangenen Jahr stammten 75 Prozent des spanischen Stroms aus sauberen Quellen; Wind- und Solarkraft kamen zusammen auf 42 Prozent des gesamten Energiemix.

Nach Angaben des Energie-Thinktanks Ember deckte Spanien im Jahr 2025 nur 25 Prozent seines Strombedarfs mit fossilen Brennstoffen. Die Pro-Kopf-Emissionen lagen mit 0,9 Tonnen CO2-Äquivalent unter dem EU-Durchschnitt von 1,3 Tonnen CO2e.

Spaniens Strompreise sorgen in Europa für Neid; viele andere Länder kämpfen weiter mit hohen Energiekosten.
Chris Roselow
Senioranalyst beim Energie-Thinktank Ember

„Dank des Ausbaus der erneuerbaren Energien haben spanische Haushalte und Unternehmen Zugang zu einigen der günstigsten Strompreise in Europa“, sagt Roselow gegenüber Euronews Earth.

Im sogenannten Merit-Order-System bestimmt das zuletzt benötigte, also teuerste Kraftwerk den Strompreis. Reicht saubere Energie allein nicht aus, springen teurere und stärker verschmutzende Quellen wie Kohle oder Gas ein.

Das ist der Hauptgrund, warum die Strompreise in vielen europäischen Ländern trotz großer Investitionen in Erneuerbare hoch bleiben.

Ein im vergangenen Monat veröffentlichter Ember-Bericht kommt allerdings zu dem Ergebnis, dass der starke Ausbau von Wind- und Solarenergie in Spanien seit der Gaskrise 2021 bis 2024 die Verbindung zwischen Gas- und Strompreisen deutlich geschwächt hat.

Dadurch sparen spanische Stromkundinnen und -kunden im Schnitt rund 10 Euro im Monat, weil sie von hohen Gaspreisen weitgehend abgeschirmt sind.

Diagramm zeigt, wie sich Stromrechnungen in Spanien durch die Entkopplung von den Gaspreisen verringern.
Diagramm zeigt, wie sich Stromrechnungen in Spanien durch die Entkopplung von den Gaspreisen verringern. Ember

Solarinvestoren wenden sich von Spanien ab

Die niedrigen Preise für Verbraucher bestimmen jedoch nicht, wie sich private Investoren verhalten.

Bloomberg berichtete kürzlich, dass mindestens vier spanische Projekte oder Unternehmen zum Verkauf stehen. Demnach hat der Solarboom ein derartiges „Überangebot an Strom“ geschaffen, dass Solaranlagen massiv an Wert verlieren.

Quellen, die anonym bleiben wollen, berichten, ein Solarproduzent habe von potenziellen Käufern nur sehr niedrige Angebote erhalten und deshalb den Verkauf seiner Anlagen vorerst gestoppt.

José Donoso, Generaldirektor von UNEF, dem wichtigsten Verband der Photovoltaikbranche in Spanien, sagt gegenüber Euronews Earth, dass in einem Sektor, in dem Investmentfonds zentrale Akteure sind, „Unternehmensübernahmen und -verkäufe in Zyklen ganz normal“ seien.

„Derzeit beobachten wir kein ungewöhnliches Ausmaß solcher Transaktionen“, ergänzt er. „Einerseits entscheiden sich einige Firmen für den Verkauf. Andererseits gehen andere davon aus, dass die aktuellen Marktbewertungen zu niedrig sind, und halten ihre Projekte daher zurück.“

Zwar denken manche Unternehmen über einen Ausstieg nach, doch Spaniens Ausbau der erneuerbaren Energien hat bisher nicht an Tempo verloren. Zwischen Mai 2025 und April 2026, also nach den landesweiten Stromausfällen, kamen im Schnitt 1,2 Gigawatt Wind- und Solarkapazität pro Monat hinzu. Das sind etwas mehr als im Jahr vor dem Blackout.

Das heißt allerdings nicht, dass Spaniens Solarüberschuss kein Problem wäre, das gelöst werden muss.

Warum Spanien so viel Solarstrom ungenutzt lässt

Zwischen Januar und März dieses Jahres verzeichnete Spanien 397 Stunden mit negativen Strompreisen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur 48 Stunden.

Strompreise fallen unter null, wenn das Angebot die Nachfrage deutlich übersteigt. In solchen Phasen bieten einige Erzeuger Strom zu sehr niedrigen oder sogar negativen Preisen an, um im Netz zu bleiben. Eine Abschaltung oder Drosselung wäre für sie teurer und könnte in manchen Fällen zum Verlust von Subventionen oder anderen Einnahmen führen.

Anders als in Märkten wie Deutschland oder dem Vereinigten Königreich besteht in Spanien keine gesetzliche Pflicht, Erzeuger zu entschädigen, wenn der Netzbetreiber sie zur Leistungsreduzierung zwingt, um das Netz nicht zu überlasten. Investoren erzielen dadurch geringere Renditen mit ihren Solarparks.

Vor allem Solarstrom ist eine wenig flexible Form erneuerbarer Energie. Er fällt tagsüber an, wenn der Verbrauch eher niedrig ist, und versiegt am Abend, wenn viele Menschen von Arbeit und Schule nach Hause kommen und mehr Energie brauchen.

Donoso kritisiert, dass der Strommarkt nach Regeln funktioniere, die nicht zu Solarenergie passen. „Wir haben eine Technologie mit praktisch null Grenzkosten. Mit einem Marktmechanismus, der auf Grenzkosten basiert, lässt sie sich nicht effizient bepreisen.“

Als Gegenmaßnahme schlägt er einen Preisboden und eine Preisobergrenze vor, ähnlich dem Mechanismus der sogenannten „iberischen Ausnahme“. Diese erlaubte es Spanien und Portugal im Jahr 2022 für zwölf Monate, den Gaspreis vom Strompreis zu entkoppeln, nachdem Russland die Ukraine in großem Stil angegriffen hatte.

„Wir brauchen außerdem einen Preisboden, um zu verhindern, dass Null- oder Negativpreise zur Normalität werden, und um sicherzustellen, dass erneuerbare Erzeuger ohne variable Betriebskosten eine angemessene Rendite erzielen“, sagt Donoso.

„Zusätzlich haben wir der Regierung mehrere Maßnahmen vorgeschlagen, darunter die Abschaffung der Stromerzeugungssteuer, die bereits angekündigt wurde.“

UNEF fordert außerdem, dass technische Abregelungen zum Marktpreis entschädigt werden. Und der Beitrag zum Sozialtarif – eine Pflichtabgabe, mit der verbilligter Strom für Haushalte mit geringem Einkommen finanziert wird – solle sich am tatsächlichen Umsatz jeder Anlage orientieren und nicht als fixer Betrag erhoben werden.

Können Batterien Spaniens Solarproblem lösen?

Die Renditeaussichten für Solarstrom sind zwar schlechter geworden als früher, dennoch sehen viele Fachleute in Batteriespeichern die beste Lösung. Sie ermöglichen es Haushalten und Solarparks, tagsüber erzeugte Energie zu speichern und abends zu nutzen.

Das würde Spaniens Stromverbrauch ausgleichen und die Zahl der Stunden mit negativen Preisen senken.

Bloomberg berichtet sogar von einem Solarunternehmen, das seinen geplanten Verkauf abgesagt hat und stattdessen in Batteriespeicher investiert.

In den vergangenen zehn Jahren sind die Kosten für Batteriespeicher um 85 Prozent gefallen. Damit sind sie deutlich erschwinglicher geworden. Im vergangenen Jahr installierte die EU 10 Gigawatt Speicherkapazität, genug, um im Schnitt 7,5 bis 10 Millionen Haushalte zu versorgen.

Die Europäische Kommission genehmigte im vergangenen Jahr 200 Millionen Euro an spanischer Staatsbeihilfe, um den grünen Umbau zu beschleunigen. Gefördert werden Investitionen in alle erneuerbaren Energiequellen sowie in Energiespeicher.

„Der Ausbau von Batteriespeichern verlief in Spanien bislang langsamer, aber die installierte Kapazität großer Speicher hat sich 2025 vervierfacht, wenn auch von einem niedrigen Ausgangsniveau“, sagt Roselow.

„Analysen von Ember zu Szenarien der Netzbetreiber zeigen, dass sich die Speicherkapazität in Form von Batterien zwischen 2025 und 2030 in Spanien verzehnfachen dürfte. Ein wesentlicher Treiber ist die Kopplung mit bestehenden Solarparks.“

Donoso ist überzeugt, dass sich Solarprojekte ohne Batteriespeicher kaum noch rechnen.

Batterien oder andere Formen der Energiespeicherung sind zu einem unverzichtbaren Bestandteil geworden, so grundlegend wie die Solarmodule selbst.
José Donoso
Generaldirektor von UNEF

„Derzeit befinden sich 27 Gigawatt an Batteriespeicher-Projekten im Genehmigungsverfahren, darunter eigenständige Anlagen und Hybridsysteme, die mit Solarkraftwerken kombiniert werden“, sagt Donoso.

Hausspeicher können Stromrechnungen deutlich senken, vor allem in Haushalten mit Solardächern, in denen tagsüber wenig Strom verbraucht wird, weil niemand zu Hause ist.

Spaniens Stromnachfrage verschiebt sich

Batteriespeicher können Spaniens Solarüberschuss zwar abfedern, doch der flächendeckende Ausbau braucht Zeit. Ember verweist darauf, dass dem Land noch weitere Instrumente zur Verfügung stehen.

„Eine weitere wichtige Lösung besteht darin, mehr Nachfrage in Zeiten hoher Einspeisung aus erneuerbaren Quellen zu schaffen – entweder indem bestehender Verbrauch zeitlich verschoben oder neue Nachfrage durch intelligente Elektrifizierung erschlossen wird“, sagt Roselow.

Rund 99 Prozent der spanischen Haushalte verfügen bereits über einen intelligenten Stromzähler. Das macht flexible Nachfrage deutlich einfacher.

Nach Schätzungen von Ember könnten allein intelligent gesteuerte Ladevorgänge bei Elektroautos etwa drei Prozent der stündlichen Spitzenproduktion von Wind- und Solarparks in Spanien aufnehmen.

„Das wäre für das System erheblich. Im Mai 2026 wurden Schätzungen zufolge 10 Prozent des monatlich von spanischen Wind- und Solarparks erzeugten Stroms abgeregelt.“

Problematisch ist, dass die Stromtarife für Haushalte bislang nur teilweise an die Börsenpreise gekoppelt sind. Das belohnt zwar Verbrauch in Zeiten niedriger Preise und hoher Solarproduktion, doch der größte Teil der Rechnung besteht aus Netzentgelten und Steuern, die sich nicht nach dem Energieangebot richten.

„Noch gravierender ist, dass der variable Teil der Netzentgelte ausgerechnet in den Stunden von 10 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr am höchsten ist. Damit wird der Verbrauch zur Mittagszeit entmutigt, wenn die Solarproduktion ihren Höchststand erreicht“, erklärt Roselow.

„So können Verbraucherinnen und Verbraucher Phasen mit billigem und reichlich verfügbarem Strom nicht voll ausnutzen. Das mindert die Effizienz des Gesamtsystems.“

Griechenland hat dieses Problem bereits angegangen. Ein neues Gesetz ermöglicht es Haushalten, zu bestimmten Tageszeiten günstigeren Strom zu beziehen, wenn das Angebot, vor allem durch Solarstrom, besonders hoch ist. Unter dem neuen System gelten reduzierte Tarife insgesamt sechs Stunden pro Tag. Der genaue Zeitraum variiert je nach Jahreszeit, um die unterschiedlichen Sonnenstunden widerzuspiegeln.

Im Vereinigten Königreich erwägt die Regierung, Haushalten in diesen Spitzenzeiten kostenlosen oder vergünstigten Strom anzubieten, um das Netz zu entlasten.

Spanien im Wettlauf zur Elektrifizierung

Noch vor Jahresende will die spanische Regierung einen neuen Netzplan vorlegen. Die Anbindungskapazität soll dadurch um mehr als 27 Gigawatt steigen.

Der Ausbau soll neue Stromnachfrage aus Bereichen wie Industrie und Rechenzentren ermöglichen. Investorinnen und Investoren bewerteten diese Pläne sehr positiv, sagt Donoso. Die große Mehrheit wolle ihre Projekte deshalb weiter vorantreiben.

Für die Energiewende muss der Stromverbrauch steigen, denn Elektrifizierung ist der effizienteste Weg zur Dekarbonisierung. Derzeit stagniert Spaniens Energieverbrauch jedoch weitgehend.

Im Jahr 2025 lag die Nachfrage nur zwei Prozent über dem Wert von 2024 und damit weiterhin unter dem Niveau vor der COVID-Pandemie.

Je stärker das Land elektrifiziert, etwa durch den Umstieg auf Elektrofahrzeuge, desto besser können Verbraucherinnen und Verbraucher den günstigen Solarstrom nutzen und verhindern, dass er ungenutzt bleibt.

„Wenn neue Stromnachfrage, zum Beispiel aus Verkehr oder Industrie, gezielt in Zeiten hoher Einspeisung aus erneuerbaren Quellen gelenkt wird, verbessert das die Erlöse der Projekte, verringert die Kosten von Abregelungen und bringt allen Verbraucherinnen und Verbrauchern Vorteile“, sagt Roselow.

„Mit seinem zunehmend erneuerbaren, wettbewerbsfähigen und heimischen Strommix ist Spanien bestens aufgestellt, um zu elektrifizieren.“

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