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Gas und Strompreise explodieren: Wie schneidet Deutschland im EU-Vergleich ab?

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Von Joshua Askew
Die Biogasanlage in Torgelow (Mecklenburg-Vorpommern) soll vergrößert werden und bis 2023 doppelt so viel Energie produzieren.
Die Biogasanlage in Torgelow (Mecklenburg-Vorpommern) soll vergrößert werden und bis 2023 doppelt so viel Energie produzieren.   -   Copyright  Jens Büttner/(c) dpa via AP

Kalte Schwimmbäder, kurzes Duschen... und bald kalte Wohnungen? Während die Energiepreise weltweit explodieren, wird in Deutschland der Druck auf die Regierung immer größer, schnell unabhängig vom russischen Gas zu werden und für den Fall vorzusorgen, dass Russland den Gashahn zudreht.

Selten haben sich so viele Menschen über Alternativen zu Strom und Gas für ihren Privathaushalt informiert, Verkäufer und Installateure von Holzöfen können sich vor Anfragen und Bestellungen kaum retten.

Vergleichsportale errechnen bereits einen Anstieg der Strompreise von rund 30 Prozent - zwischen Juli und August und die Lage soll sich im Herbst verschärfen.

Die deutsche Bundesregierung plant, Geringverdienende und sozial schwache Haushalte zu entlasten. Doch wie steht Deutschland im europäischen Vergleich da? Wie hoch sind die Energiekosten in den anderen EU-Ländern und Großbritannien?

Wie hoch sind die Strompreise in den europäischen Hauptstädten im Vergleich?

Während der Strom in Deutschland teuer ist, gibt es zahlreiche Nachbarländer, in denen Verbraucher:innen am Ende des Monats mehr für ihre Versorgung mit Strom bezahlen müssen. Am tiefsten in die Tasche greifen für ihren Strom müssen Menschen in Tschechien, gefolgt von Großbritannien, Italien und Estland.

Norwegen, das über große Öl- und Gasvorkommen verfügt, hat die günstigsten Stromrechnungen, vor der Schweiz und Malta, die an zweiter bzw. dritter Stelle liegen.

Da Ungarn vor kurzem neue Energieabkommen mit Russland abgeschlossen hat, zahlen die Haushalte dort auch mit die niedrigsten Strompreise in Europa.

Die Grafik basiert auf Daten für Juli und vergleicht die Preise für Haushalte in europäischen Hauptstädten.

Um die Daten zu standardisieren - und damit einen Vergleich zu ermöglichen - wurden die Preise an Kaufkraftstandards (KKS) angepasst, die die Preisniveauunterschiede zwischen den Ländern durch die Verwendung einer künstlichen gemeinsamen Währung ausgleichen.

Gaspreise

Gaspreise im EU-Vergleich: Wo zahlen Verbraucher:innen am meisten?

Zwar gibt es einige Ähnlichkeiten mit den Strompreisen - sowohl Ungarn als auch Serbien zahlen am wenigsten für ihr Gas -, aber die meisten Länder schneiden anders ab.

Bulgarien, die Niederlande und Griechenland sind die unglücklichen Spitzenreiter, deren Haushalte Energiepreise weit über dem europäischen Durchschnitt bezahlen müssen.

Großbritannien, das kein Gas aus Russland importiert, liegt in der Mitte der Tabelle, obwohl jüngste Preisanstiege das Land an das obere Ende der Liste drängen dürften.

Was tun die europäischen Länder dagegen?

Die Energiepreise steigen in allen europäischen Ländern, auch wenn die Auswirkungen für die Menschen nicht die gleichen sind.

Das liegt vor allem daran, dass die Regierungen eingreifen, um die Haushalte vor dem scheinbar nicht enden wollenden Anstieg der Gas- und Strompreise zu schützen.

London - wo man auf einen nächsten Premierminister oder eine Premierministerin wartet - wurde kritisiert, weil es nicht genug getan hat, um den Menschen bei der Bewältigung der Preissteigerungen zu helfen.

Im Frühjahr kündigte die Regierung an, dass alle Haushalte einen Rabatt von 400 Pfund auf ihre Energierechnungen erhalten sollen, was bedeutet, dass sie sechs Monate lang jeden Monat 60 Pfund weniger für ihre Stromrechnungen zahlen müssen.

Die Energiepreise sind jedoch seit der Bekanntgabe der Maßnahmen in die Höhe geschnellt, und ab Oktober wird ein typischer Haushalt mit monatlichen Energierechnungen von rund 300 Pfund rechnen müssen.

In anderen großen europäischen Ländern ist die Situation jedoch anders.

Frankreich

Frankreich bietet seinen Bürger:innen ebenfalls eine einmalige Zahlung an, um ihnen in schwierigen Zeiten zu helfen, auch wenn diese mit nur 100 € deutlich niedriger ist als in Großbritannien und in Italien.

Aber Frankreich hat seine Maßnahmen an der Quelle verschärft und den staatlichen Energieversorger EDF gezwungen, den Anstieg der Großhandelspreise für Strom auf 4 % pro Jahr zu begrenzen.

Dies ist einer der Gründe dafür, dass die französischen Gas- und Strompreise zu den niedrigsten gehören, wie aus den obigen Grafiken hervorgeht.

Die größte Energiequelle des Landes ist jedoch die Kernenergie, was bedeutet, dass sie weniger stark von den Preisanstiegen bei Gas und Öl betroffen ist.

Die Intervention der Regierung wird Frankreich voraussichtlich 8,4 Milliarden Euro kosten.

Deutschland

Deutschland, das in hohem Maße von russischer Energie abhängig ist, will Steuern auf Erdgas von 19 % auf 7 % zu senken, zusätzlich zu Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs.

Die deutsche Regierung hat außerdem zwei Entlastungspakete in Höhe von insgesamt 30 Mrd. € beschlossen, um den Bürgern bei den steigenden Energiepreisen in diesem Jahr zu helfen.

In der Zwischenzeit wurden den Deutschen von Juni bis August stark subventionierte Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr zum Preis von 9 € pro Monat angeboten, um die Lebenshaltungskostenkrise zu lindern und die Umweltfreundlichkeit des Landes zu verbessern.

Die deutschen Haushalte werden aufgrund einer neuen Abgabe, die ab Oktober erhoben wird und den Versorgungsunternehmen helfen soll, die Kosten für den Ersatz russischer Lieferungen zu decken, weiterhin fast 500 € pro Jahr für ihr Gas bezahlen. Diese Gasumlage soll nun nach wachsendem Druck auf die Regierung angepasst werden - Unternehmen, die Gewinne machen, sollen von ihr ausgeschlossen werden.

Italien

Im August genehmigte Italien ein neues Hilfspaket im Wert von rund 17 Milliarden Euro, um die Menschen und Unternehmen vor den steigenden Energiekosten zu schützen.

Dieses Paket kam zu den zusätzlichen 35 Mrd. EUR hinzu, die seit Januar zur Bekämpfung der Krise bei den Lebenshaltungskosten bereitgestellt wurden.

Italien hat außerdem angekündigt, Unternehmen zu besteuern, die von höheren Energiepreisen profitieren, und sich für eine Preisobergrenze auf europäischer Ebene einzusetzen, um Preisspitzen einzudämmen.

Ungarn

Die ungarische Regierung hat den Notstand im Energiebereich ausgerufen und die Vorschriften für Preisobergrenzen verschärft.

In einer bemerkenswerten Kehrtwende hat der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban die Energiepreisobergrenzen für Haushalte mit hohem Verbrauch abgeschafft, obwohl die Kontrollen für Haushalte, die weniger als der Durchschnitt verbrauchen, weiterhin gelten.

Die Energiepreise sind in Ungarn seit fast einem Jahrzehnt eingefroren, und die Haushalte haben seit 2013 mit die niedrigsten Gas- und Stromrechnungen in Europa.

Die monatliche Stromrechnung eines Durchschnittsungarns liegt bei etwa 19 Euro, was etwa fünfmal so hoch wäre, wenn es die Obergrenze nicht gäbe.

Mit dem Versprechen, Ungarn werde genug haben, hat Orban neue Gasverträge mit Russland unterzeichnet und damit den Zorn europäischer Staats- und Regierungschefs auf sich gezogen.

Spanien

Wie Italien hat auch Spanien die Energieunternehmen besteuert, die durch die jüngsten Energiepreiserhöhungen enorme Gewinne gemacht haben, und versprochen, das Geld zu verwenden, um den Bürgerinnen und Bürgern beim Bezahlen ihrer Rechnungen zu helfen.

Madrid hat die Mehrwertsteuer auf Energie bereits von 21 % auf 10 % gesenkt und gleichzeitig eine bestehende Steuer auf Strom von 7 % auf 0,5 % reduziert.

Spanien setzt derzeit eine von der Europäischen Kommission vereinbarte einjährige Obergrenze für die Gaspreise durch, die sicherstellt, dass sie unter einem Durchschnitt von 50 € pro Megawattstunde bleiben.