Russische Angriffe auf Kyjiw richten unsägliches Leid an, Attacken auf die Energiesysteme stürzen Krankenhäuser in die Dunkelheit. Die EU stellt Notstromaggregate zur Verfügung - die eigentliche Lösung könnte jedoch ein beschleunigter EU-Beitritt sein.
Unerbittliche russische Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur im bitter kalten Winter haben dazu geführt, dass mehr als eine Million Menschen ohne Strom, Wasser und Heizung sind, während die Temperaturen auf bis zu minus 23 °C sinken. Die Strategie des russischen Präsidenten Wladimir Putin, die Energiesysteme in der kalten Jahreszeit anzugreifen, ist eine Konstante im seit fast vier Jahren andauernden Krieg.
Die EU hat der Ukraine seit Beginn der umfassenden Invasion im Jahr 2022 fast 10.000 Generatoren geschickt, und die EU-Kommissarin für Krisenmanagement, Hadja Lahbib, ist mit weiteren 1.000 Generatoren in die Ukraine gereist, da Russland seine Angriffe intensiviert.
"Die Lage ist so schlimm wie eh und je", sagt der Bürgermeister von Kyjiw, Vitali Klitschko, im Gespräch mit Euronews vor einem Lagerhaus, in dem 500 der neu eingetroffenen Generatoren gelagert sind.
Der Standort des Lagers ist geheim. Jeder, der es betritt, wird aufgefordert, sein Telefon auszuschalten, um nicht entdeckt zu werden. Die Angst vor einem gezielten russischen Angriff ist real, wie Klitschko erklärt.
"Dieser Winter ist einer der schwierigsten Winter der letzten vier Jahre, und zwar aus vielen Gründen: Erstens haben wir massive Angriffe von russischen Kamikaze-Drohnen, dann greifen ballistische Marschflugkörper unsere kritische Infrastruktur an. Und die Menschen haben weder Heizung noch Strom."
Die jüngsten Angriffe erfolgten, nachdem die USA einen so genannten "Energiewaffenstillstand" zwischen der Ukraine und Russland ausgehandelt hatten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärt, dass Russland in diesem Winter eine Rekordzahl von ballistischen Raketen gegen das Energiesystem seines Landes eingesetzt habe.
Operation im Fackelschein
Russlands Angriffe auf Krankenhäuser - die eine schwere Verletzung des humanitären Völkerrechts darstellen - sind besonders krass, und ukrainische Beamte berichten Euronews, dass die durch die russischen Luftschläge verursachten Stromausfälle die Chirurgen gezwungen haben, Operationen bei Fackellicht durchzuführen.
Kommissarin Lahbib besucht einige der kürzlich bei den Angriffen auf die Hauptstadt Verletzten sowie Soldaten, die von der Frontlinie evakuiert werden mussten.
"Es ist sehr schwierig, nach dem, was wir gerade gesehen haben, zu sprechen", sagt Hadja Lahbib, als die belgische Politikerin die Intensivstation des Kyjiwer Krankenhauses verlässt: "Es sind unschuldige Menschen, die einfach ihren Alltag leben; wir haben gerade eine Frau getroffen, die in ihrer Wohnung angegriffen wurde. Eine Drohne ist durch ihr Fenster eingedrungen".
Labhib beschreibt die Begegnung mit "verwundeten Soldaten" und einem "Patienten, der sich wegen dieses Krieges in einem sehr schlechten Zustand befindet".
In wenigen Tagen wird in der Ukraine ein düsterer Jahrestag begangen: der vierte Jahrestag von Russlands Angriffskrieg, bei dem es Schätzugen zufolge zwei Millionen Todesopfer gegeben haben könnte. Präsident Selenskyj hatte von 55.000 gefallenen ukrainischen Soldaten gesprochen.
Nach Angaben des Zentrums für strategische und internationale Studien hat Russland mehr militärische Opfer zu beklagen als die Ukraine: 1,2 Millionen Gefallene, Verwundete und Vermisste und bis zu 325.000 Tote seit Februar 2022.
Aber auch die Zahl der zivilen Opfer unter den Ukrainern und Ukrainerinnen nimmt zu. Die Zahl der zivilen Opfer stieg 2025 im Vergleich zu 2024 um 26 %.
Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Action on Armed Violence (Aktion gegen bewaffnete Gewalt) stieg die durchschnittliche Zahl der getöteten oder verletzten Zivilisten pro Vorfall in der Ukraine im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 33 %, und insgesamt wurden im vergangenen Jahr in der Ukraine 2.248 Zivilisten durch explosive Gewalt getötet und 12.493 verletzt.
Das Ausmaß der von Russland angerichteten Schäden und der Gewalt deutet darauf hin, dass es Putin trotz der monatelangen ergebnislosen Gespräche unter Führung der USA keineswegs ernst ist mit der Beendigung der Angriffe auf die Ukraine.
Der ukrainische Präsident Selenskyj sagte auf der Münchner Sicherheitskonferenz, Putin sei ein "Sklave des Krieges", und die russischen Angriffe hätten alle Kraftwerke des Landes beschädigt.
"Fast Track" EU-Beitritt für die Ukraine?
Bürgermeister Vitali Klitschko fordert, die Ukraine müsse so schnell wie möglich in die EU aufgenommen werden.
"Unser Hauptziel ist es, ein Teil der europäischen Familie zu sein und nicht ein Teil des russischen Reiches", sagt er Euronews in Kyjiw.
Die EU erörtert einen möglichen "Fast Track"-Ansatz für den Beitritt der Ukraine. Dieser würde den Zugang zur EU schrittweise sichern. Der Kompromiss wäre, dass Kyjiw nicht sofort die gleichen Stimmrechte wie ein vollwertiges Mitglied hätte, aber zusätzlichen Schutz und möglicherweise Zugang zu einigen EU-Finanzmitteln.
Auf die Frage, ob dies etwas sei, was die Europäische Kommission aktiv vorantreibt, sagt Kommissarin Lahbib zu Euronews in Kyjiw: "Das ist etwas, das wir in Betracht ziehen müssen, weil wir uns bewegen müssen. Die Ukraine ist Teil der EU-Familie, und sie ist bereits ein Kandidat."