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Bundeswehr-Militärstrategie: Deutschland setzt auf Reichweite, Tempo und Abschreckung

Pistorius am 16. September 2024 bei einem Besuch der Artillerieschule der Bundeswehr in Idar-Oberstein
Pistorius am 16. September 2024 bei einem Besuch der Artillerieschule der Bundeswehr in Idar-Oberstein Copyright  Boris Roessler/dpa via AP
Copyright Boris Roessler/dpa via AP
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Deutschland richtet seine Streitkräfte neu aus. Die Bundeswehr soll schneller, schlagkräftiger und technologisch moderner werden und künftig auch Ziele über größere Entfernungen präzise treffen können.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat am Mittwoch erstmals eine Militärstrategie für die Bundeswehr und die Bundesrepublik vorgestellt. "Unser Ziel ist klar: Wir werden die Einsatzbereitschaft unserer Bundeswehr weiter stärken, und das mit Tempo", sagte Pistorius zu Beginn der Präsentation.

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Auslöser für die Strategie ist ihm zufolge vor allem der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die "Entwicklungen in der Ukraine, militärisch und industriell", zeigten, dass sich Streitkräfte ständig anpassen müssten, auch an Entwicklungen, "die heute vielleicht noch gar nicht absehbar sind", so der Minister.

Die Bedrohungslage habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft und die internationale Ordnung werde laut Pistorius so stark infrage gestellt wie lange nicht mehr. "Anders ausgedrückt: Die Welt ist unberechenbarer geworden. Und ja, man muss auch sagen, gefährlicher", so der Verteidigungsminister.

Vor diesem Hintergrund habe die Bundesregierung analysiert, wie sich Bedrohungen künftig entwickeln könnten, welche Szenarien realistisch seien, und auf welche möglichen Konflikte sich Deutschland vorbereiten müsse.

In einem Beitrag auf LinkedIn nennt der Sicherheitsexperte Dr. Christian Mölling die Strategie "einen wichtigen Schritt", den "man jedoch nicht mit einem Moment verwechseln sollte, nach dem sich alles über Nacht ändert".

"Historisch gesehen wurde die deutsche Verteidigungsplanung stark von den Anforderungen der NATO geprägt. Daran wird sich nichts Grundlegendes ändern – und das sollte auch nicht der Fall sein. Neu ist jedoch, dass Deutschland nun offiziell nationale militärische Ziele, Prioritäten und Handlungsspielräume formuliert, die es dann in die NATO und nach Europa einbringen kann. Der Kernschritt ist ein doppelter: Deutschland stellt sich in den Dienst der europäischen Verteidigung, aber auf der Grundlage nationaler Stärke. Das macht Sinn. Zusammenarbeit kann keine Fähigkeiten ersetzen, die nicht vorhanden sind. Deutschland wird nur dann zu einem attraktiveren Partner für Europa und die Vereinigten Staaten, wenn es eigene substanzielle militärische Fähigkeiten einbringen kann", so Mölling.

Grundlegendes Umdenken im Zentrum

Im Zentrum der neuen Strategie steht ein grundlegendes Umdenken. Künftig soll sich die Bundeswehr weniger an festen Stückzahlen orientieren, sondern stärker an konkreten Fähigkeiten. "Es geht dabei eben nicht um die exakte Zahl von Panzern, Flugzeugen und Schiffen für die nächsten 10 oder gar 15 oder 20 Jahre", so Pistorius. Entscheidend wären ihm zufolge die Fähigkeiten.

Diese Logik unterstrich auch Generalinspekteur Carsten Breuer. "Wir gucken jetzt darauf, welche Wirkung können wir erzielen", sagte er. Das bedeutet: Nicht mehr jede Fähigkeit muss zwingend über ein bestimmtes System abgebildet werden. Entscheidend ist das Ergebnis.

Dazu zählen dann unter anderem Luftverteidigung, weitreichende Waffensysteme und die Fähigkeit zur modernen, datenbasierten Gefechtsführung. Auch neue Technologien wie künstliche Intelligenz sollen künftig eine größere Rolle spielen.

Schwerpunkt: "Deep Strike"

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf sogenannten "Deep Strike"-Fähigkeiten, also der Fähigkeit, Ziele weit hinter der Front zu treffen. Pistorius und Generalinspekteur Breuer machten deutlich, dass solche Fähigkeiten künftig an Bedeutung gewinnen werden.

Gemeint sind damit unter anderem weitreichende Präzisionswaffen, mit denen etwa Nachschubwege, Kommandozentralen oder Infrastruktur des Gegners frühzeitig ausgeschaltet werden können. Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs gilt diese Form der Kriegsführung als zentral, um gegnerische Strukturen früh zu schwächen und eigene Kräfte zu entlasten.

Momentan besitzt die Bundeswehr nur eine Waffe, die man in die untere bis mittlere Deep-Strike-Kategorie einteilen kann: den Taurus-Marschflugkörper, ein deutsch-schwedisches Produkt. Der Taurus liegt mit über 500 Kilometern am unteren bis mittleren Ende dieser Waffengattung.

Künftig soll die Truppe jedoch noch besser in der Lage sein, solche potenziellen Ziele auch über größere Entfernungen präzise zu treffen.

Für den neuen Kampfjet F-35 soll beispielsweise der Marschflugkörper JASSM-ER beschafft werden, der mit einer Reichweite von rund 1.000 Kilometern deutlich weiter reicht als bisherige Systeme. Sowohl das Kampfflugzeug als auch der Marschflugkörper werden von der US-Firma Lockheed Martin hergestellt.

Strategie bleibt in Teilen geheim

Ein Teil der Strategie bleibe bewusst unter Verschluss, so Pistorius. Konkrete Szenarien oder mögliche Einsatzbilder werden nicht öffentlich gemacht. Das würde potenziellen Gegnern zu viele Einblicke geben, wie Pistorius sagte. Er ergänzte, dass "wir sonst Wladimir Putin auch in unseren E-Mail-Verteiler aufnehmen könnten".

Parallel zur inhaltlichen Neuausrichtung plant die Bundesregierung einen deutlichen Ausbau der Bundeswehr. Ziel sind insgesamt 460.000 Soldaten, bestehend aus aktiver Truppe und Reserve. Aktuell gibt es in Deutschland circa 184.300 aktive Soldaten und rund 860.000 Reservisten.

Der Aufwuchs soll in mehreren Phasen erfolgen. Zunächst geht es bis 2029 um eine schnelle Erhöhung der Einsatzbereitschaft. In den Jahren danach sollen neue Fähigkeiten aufgebaut werden – auch mit Blick auf den Zulauf neuer Waffensysteme.

Dabei setzt das Verteidigungsministerium eigenen Angaben zufolge auf einen pragmatischen Ansatz. Um möglichst viele Bewerber zu halten, sollen künftig mehr Menschen eingestellt werden, als eigentlich Dienstposten vorhanden sind. "Wir lassen dabei Überbuchungen zu", sagte Pistorius.

Reserve rückt stärker in den Fokus

Der Personalaufbau gilt als zentrale Voraussetzung für die gesamte Strategie, denn ohne ausreichend Soldaten lassen sich neue Fähigkeiten weder aufbauen noch langfristig sichern. Eine deutlich größere Rolle soll künftig auch die Reserve spielen. Sie wird nicht mehr nur als Ergänzung gedacht, sondern als integraler Bestandteil der Streitkräfte. "Wir sehen die neue Reserve ausdrücklich auf Augenhöhe mit der aktiven Truppe", sagte Pistorius.

Vor allem im Inland kommt ihr eine zentrale Aufgabe zu: Deutschland gilt im Ernstfall als logistische Drehscheibe innerhalb Europas. Truppenbewegungen, Nachschub und Infrastruktur müssten abgesichert werden und somit Aufgaben, die maßgeblich von Reservisten übernommen werden sollen.

"Wir brauchen die Reserve, um Krisen und Verteidigungsfall zu garantieren, dass Deutschland als logistische Drehscheibe funktioniert. Unsere Reserve ist damit, wenn Sie so wollen, das Scharnier zwischen Militär und Zivilgesellschaft", so Pistorius.

Gleichzeitig soll die Bundeswehr auch organisatorisch schneller werden. Mit einer umfassenden Reformagenda will das Ministerium Bürokratie abbauen und Prozesse vereinfachen. Geplant sind unter anderem digitale Abläufe statt Papierprozesse, weniger Berichtspflichten und ein stärkerer Einsatz von Technologien wie künstlicher Intelligenz. "Melde- und Berichtspflichten gibt es nur noch da, wo sie tatsächlich einen Mehrwert haben", ergänzte Pistorius.

Die Strategie selbst ist nicht als starres Konzept gedacht. "Diese Strategien sind lebende Dokumente", so der Verteidigungsminister. Sie sollen regelmäßig angepasst werden, je nachdem, wie sich Bedrohungen und Technologien weiterentwickeln.

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