Die Umstellung von Verkehr und Industrie in der Europäischen Union auf Strom gelingt nur mit modernisierten Netzen und deutlich mehr Speicherkapazität. Mehr als ein Kraftakt.
Die Spitzen der Europäischen Union setzen immer stärker auf Elektrifizierung. Sie soll Antworten auf einige der größten Herausforderungen liefern: hohe Energiepreise, die strauchelnde Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind jedoch enorme Investitionen in veraltete Stromnetze und in Energiespeichersysteme nötig, die nach Einschätzung vieler politischer Entscheidungsträger noch längst nicht ausreichend leistungsfähig sind.
Die Dringlichkeit hat seit dem von den USA angeführten Konflikt mit Iran weiter zugenommen. Die Kampfhandlungen ließen die Energiepreise nach oben schießen und legten die anhaltende Verwundbarkeit Europas gegenüber externen Einflüssen offen. Der Preissprung trifft die EU in einer Phase, in der sie noch immer mit den Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine im Jahr 2022 ringt. Viele Volkswirtschaften in Europa haben sich von der damaligen Energiekrise bis heute nicht vollständig erholt.
Schon vor der Eskalation im Nahen Osten hatten europäische Industrien Brüssel gedrängt, entschlossener gegen die explodierenden Strompreise vorzugehen, die weiterhin ungefähr doppelt so hoch sind wie in den Vereinigten Staaten und in China.
Wirtschaftsverbände warnen, dauerhaft hohe Energiekosten untergraben die Wettbewerbsfähigkeit, bremsen Investitionen und können im Extremfall zur Schließung von Werken führen.
Elektrifizierung gilt nicht nur als Baustein der Wettbewerbsagenda der EU. Sie steht zugleich im Zentrum der Klimastrategie. Wenn Strom fossile Brennstoffe ersetzt, sinken die Emissionen, die Energieeffizienz steigt, die Abhängigkeit von importierter Energie nimmt ab, und immer größere Mengen erneuerbarer Energie lassen sich in die Wirtschaft integrieren.
Was bedeutet Elektrifizierung?
Unter Elektrifizierung versteht man den Ersatz von Technologien, die fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl oder Erdgas verbrennen, durch Technologien, die mit Strom betrieben werden.
Wenn EU-Spitzen von Elektrifizierung sprechen, meinen sie meist eine Wirtschaft und Gesellschaft, die von Strom aus erneuerbaren Quellen getragen wird. Das bedeutet: Elektroautos verdrängen Diesel- und Benzinfahrzeuge, Haushalte ersetzen fossile Heizkessel durch Wärmepumpen für Heizen und Kühlen, und vernetzte Geräte sind darauf ausgelegt, die Energieeffizienz zu steigern.
Die EU nimmt zudem die Dekarbonisierung energieintensiver Branchen wie Zement, Stahl oder Chemie in den Blick. Diese Sektoren gelten als besonders schwer zu transformieren und verursachen etwa 20 bis 27 Prozent der Treibhausgasemissionen.
Wie Elektrifizierung die grüne Transformation stützt
Die EU-Spitzen drängen auf mehr Elektrifizierung, weil so der Energiebedarf in Verkehr, Gebäuden und Industrie zunehmend mit strombasierter, kohlenstoffarmer Energie statt mit fossilen Brennstoffen gedeckt werden kann. Das senkt den Ausstoß von Kohlendioxid deutlich.
Ein Schwenk weg von fossilen Brennstoffen hin zu Strom kann der EU außerdem helfen, ihre Abhängigkeit von importierten Energieträgern zu verringern. Fossile Energien machten im vergangenen Jahr rund 60 Prozent der gesamten Einfuhren des Blocks aus.
Mit dem Ausbau erneuerbarer Energiequellen wie Wind- und Solarstrom wird die Nutzung von Elektrizität im Zeitverlauf immer klimafreundlicher. In Kombination mit sauberer Stromerzeugung und einer modernisierten Energieinfrastruktur zählt Elektrifizierung zu den wirksamsten Wegen, die Klima- und Energieziele der EU zu erreichen.
Elektrifizierung in EU-Wirtschaft: die größten Hürden
Die EU ist bei der Erzeugung von sauberem Strom gut aufgestellt. Doch ein veraltetes Netz verhindert, dass ein großer Teil der erneuerbaren Energie dort ankommt, wo sie gebraucht wird.
Der Ausbau und die Modernisierung der europäischen Stromnetze gelten daher als entscheidender, aber auch besonders schwieriger Schritt. Sie sollen den Transport von Ökostrom optimieren, Engpässe verringern und das Abregeln von Anlagen begrenzen.
Trotz aller technischen Hürden steht vor allem die Finanzierung im Vordergrund. Nach Berechnungen der Europäischen Kommission benötigen die Stromnetze bis 2040 Investitionen von rund 1,2 Billionen Euro. Zusätzlich muss die EU die Energiespeicherung ausbauen, um Stromüberschüsse besser zu nutzen und die Erzeugung aus sauberen Quellen zu optimieren.
Die hitzige politische Debatte über die Zukunft der Stromnetze lässt zudem offen, wie lange die EU-Gesetzgeber für ein überarbeitetes Regelwerk zur Modernisierung der Infrastruktur brauchen werden.
Was die EU zur Förderung der Elektrifizierung unternimmt
Die Europäische Kommission stellte im Dezember das „Grids Package“ vor, ein Maßnahmenbündel mit zwei Gesetzesvorschlägen, das die Erneuerung der alternden Infrastruktur beschleunigen soll.
Der erste Vorschlag zielt darauf ab, Genehmigungen für neue Projekte deutlich zu beschleunigen – ein Engpass, den viele Akteure als Hauptproblem sehen. Der zweite Entwurf sieht vor, den europäischen Strommarkt stärker zu integrieren und Netzentgelte gezielter für Investitionen in die Netze zu nutzen.
Für den 22. Juli ist nach zwei Verschiebungen ein umfassender Elektrifizierungsplan angekündigt. Er soll voraussichtlich konkrete Vorgaben für Mitgliedstaaten und Industrie enthalten.
Zugleich hat die EU-Kommission die Kernenergie als kohlenstoffarme Option anerkannt, die einen Beitrag zur Stromversorgung im Binnenmarkt leisten kann.
Darüber hinaus will die Kommission die Häfen umfassend elektrifizieren: mit Landstrom für Schiffe, elektrisch betriebenen Hafenanlagen, Ladeinfrastruktur für den Schwerverkehr und der Elektrifizierung angrenzender Industriegebiete.