Seit 2018 sucht die Kampagne #StolenMemory nach Angehörigen der Opfer, damit die persönlichen Gegenstände an die Familien zurückkehren können.
Mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist ein bewegendes Kapitel der Geschichte zu Ende gegangen. Die letzten vier griechischen Familien haben die persönlichen Gegenstände ihrer Angehörigen erhalten, die in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern umkamen.
Die Zeremonie fand im Rahmen der internationalen Kampagne #StolenMemory statt. In Griechenland setzen die Arolsen Archives sie gemeinsam mit dem Generalsekretariat für Religionsfragen im Ministerium für Bildung, Religion und Sport sowie dem Dienst für das Diplomatische und Historische Archiv im Außenministerium um.
Die Arolsen Archives gelten weltweit als größte Dokumentationsstelle zu den Verbrechen des Nationalsozialismus. Sie bewahren in Hessen das Archivmaterial der NS-Konzentrations- und Zwangsarbeitslager auf – mehr als 30 Millionen Dokumente – sowie Tausende persönlicher Gegenstände von Opfern der NS-Verfolgung. Mit der 2018 gestarteten Kampagne #StolenMemory suchen sie Angehörige dieser Opfer, damit die Gegenstände in die Familien zurückkehren können.
Besonders bedeutsam: Schüler aus ganz Griechenland spürten die letzten griechischen Familien auf. Unter Anleitung ihrer Lehrkräfte übernahmen sie historische und archivarische Recherchen und gaben der Bewahrung des historischen Gedächtnisses eine neue Dimension.
Zu den bewegendsten Momenten der Veranstaltung gehörte die Rückgabe der persönlichen Gegenstände von Dimitris Vafeiadis. Die Schülergruppe eines Gymnasiums im Ort Koropi fand unter der Leitung der Lehrerin Anna Politou seinen Neffen Dimitris Vacharelis. Der Direktor der Arolsen Archives, Moritz Wein, übergab ihm ein Portemonnaie mit Münzen, einen Ring und eine Taschenuhr mit Kette – die einzigen Dinge, die aus dem Leben seines Onkels erhalten geblieben sind.
"Mir fehlen fast die Worte. Es war zuerst für sie eine späte Gerechtigkeit und dann für uns, besonders für meine Mutter, die diese Suche begonnen hat. Ich hoffe, dass sie uns sieht, uns hört und zur Ruhe kommt, denn sie ist mit dem Schmerz um ihren verlorenen Bruder gestorben", sagte der sichtlich bewegte Dimitris Vacharelis.
Ebenfalls erfolgreich war die Schülergruppe eines Gymnasiums im Athener Vorort Nea Ionia unter der Verantwortung des Lehrers Konstantinos Karampetropoulos. Sie fand die Enkelin der Schwester von Giorgos Sagmatopoulos, Panagiota Galani.
"Ich bin sehr bewegt. Ich hätte nicht erwartet, dass nach so vielen Jahren ein Erinnerungsstück in meine Hände kommt. Heute ist auch die Schwester von Giorgos Sagmatopoulos bei mir. Sie lebt nicht mehr, aber sie wäre sehr gerührt und sehr glücklich gewesen", erklärte Panagiota Galani.
Die Lehrerin Eleni Benekou, die an dem Programm teilnahm, beschrieb die Erfahrung als "eine Reise der Seele". Die Suche nach den Familien sei zugleich ein Prozess gewesen, um persönliche und kollektive Erinnerung tiefer zu verstehen, betonte sie.
Mit dem Abschluss dieser Initiative ist Griechenland das erste Land, dem es gelungen ist, die Familien aller neun griechischen Opfer der NS-Lager ausfindig zu machen, deren persönliche Gegenstände in den Arolsen Archives aufbewahrt wurden. Damit schließt sich 80 Jahre nach dem Krieg ein Kreis aus Suche, Rückgabe und historischer Wiedergutmachung. Die Geschichte zeigt, dass selbst kleinste persönliche Gegenstände die Erinnerung an Menschen lebendig halten können, die ihr Leben verloren haben, aber nicht in Vergessenheit geraten sind.