KI stand in Davos im Mittelpunkt. Die KI-Verantwortliche des Weltwirtschaftsforums spricht mit Euronews Next über die drängendsten KI-Themen.
Geopolitik prägte die Wirtschaftskonferenz in Davos in dieser Woche. Gleichzeitig rückte die Künstliche Intelligenz (KI) als ebenso drängendes Thema in den Fokus von Staats- und Regierungschefs, die um technologische Souveränität und strategische Macht ringen.
Die Technologie formt nicht nur Volkswirtschaften neu. Sie beeinflusst immer stärker, wie sich Staaten global positionieren, sagt Cathy Li, Leiterin des Centre for AI Excellence beim Weltwirtschaftsforum, das das Treffen jedes Jahr ausrichtet.
„Es ist nicht nur möglich, es passiert bereits“, sagte Li Euronews Next und beschrieb das weltweite Rennen um technologische Unabhängigkeit. „In diesem geopolitischen Umfeld schmiedet jedes Land eigene Pläne. Natürlich sind viele besorgt, die sogenannte Souveränität zu verlieren.“
Wachsende geopolitische Spannungen haben die KI-Souveränität, also die Fähigkeit eines Staates, seine eigenen KI-Systeme unabhängig zu steuern und zu regeln, für viele Länder zur Priorität gemacht. Wie das konkret aussehen soll, ist noch offen.
Für Li darf KI-Souveränität nicht Isolation bedeuten. Für die meisten Staaten ist es weder praktikabel noch realistisch, jede Technologiestufe im eigenen Land aufzubauen. Für den Planeten wäre das zudem nicht nachhaltig.
„Wir wollen weg von der Vorstellung eines vollständigen nationalen KI-Eigentums und hin zu strategischer Interdependenz“, sagte sie.
Dieses Modell setzt darauf, dass Länder ihre Stärken mit gezielten Investitionen im Inland und mit internationalen Partnerschaften ausspielen. Zugleich geht es um kluge Abwägungen, um die passenden Partner zu finden.
Li nannte Europa als Vorbild und lobte grenzüberschreitende KI-Partnerschaften zwischen den Mitgliedstaaten. Sie plädierte für Zusammenarbeit auf mehreren Ebenen, damit „alle von dieser starken Technologie profitieren“.
Kann Europa bei KI eine führende Rolle übernehmen?
Obwohl die USA und China das KI-Rennen dominieren, sehen Technologie-Führungspersönlichkeiten in Davos große Chancen für Europa.
Jensen Huang, Gründer und CEO des Chipriesen Nvidia, sagte im Forum, KI sei „spannend für Europa“, weil der Kontinent über eine „unglaublich starke industrielle Basis“ für den Aufbau von KI-Infrastruktur verfüge.
Huang sprach von Europas Moment, die Software-Ära zu „überspringen“, und nannte Robotik eine „einmalige Chance“ für den Kontinent.
Li teilte diesen Optimismus und verwies auf Europas Stärken: herausragende Talente, robuste Regulierung, „eine stabile Gesellschaft, die Innovation fördert“, und eine starke industrielle Basis.
Sie räumte jedoch große Hürden ein. Die Zersplitterung der Märkte erschwert Start-ups die Expansion über Grenzen hinweg und bremst die Mobilität von Talenten.
„Viele in Europa gegründete Start-ups sehen weiterhin, dass es viel leichter ist, in einen großen Markt wie die USA zu gehen, als die zersplitterten Binnenmärkte der Europäischen Union zu bewältigen“, sagte Li.
Die Energiefrage
Eine der großen Herausforderungen für KI, nicht nur in Europa, ist die Energie. Rechenzentren, die KI-Systeme antreiben, verbrauchen enorme Mengen Strom.
So wichtig ist diese Infrastruktur, dass Microsoft-Chef Satya Nadella in Davos erklärte, die Energiekosten würden darüber entscheiden, welches Land das KI-Rennen gewinnt.
Li ergänzte, die Energiefrage biete zugleich die Chance, „veraltete“ Energiesysteme zu modernisieren.
„Systeme, die auf saubere Energie umstellen, nützen am Ende der gesamten Gesellschaft. Wir müssen aber langfristig denken und überlegen, wie wir das ganze Ökosystem ausbauen“, sagte sie.
Die offenen KI-Fragen
KI entwickelt sich so schnell wie nie zuvor. Li sagte, es sei „fast so, als würde ein Jahr unseres Lebens zu hundert Jahren in der KI werden“. Anwendungen, über die wir heute sprechen, können morgen schon veraltet sein.
Das Davoser Treffen zeigte zum Beispiel, wie sich die KI-Entwicklung von großen Sprachmodellen (LLMs) hin zu physischer KI bewegt, etwa Robotik. Gleichzeitig treffen Länder Entscheidungen darüber, wie sie investieren und regulieren, sagte Li.
Auf die Frage nach den zentralen Themen im nächsten Jahr sagte sie, vieles werde gleich bleiben, etwa die Debatte, wie KI der Menschheit dient und nicht nur Unternehmensgewinnen.
„Wie schützen wir die Zukunft unserer Kinder, nicht nur unsere eigene?“, fragte Li. Sie kritisierte Unternehmenschefs, die wegen KI Einstiegsjobs streichen wollen, und nannte das „den größten Fehler, den ihr machen werdet“.
Statt junge Beschäftigte auszuschließen, riet sie Unternehmen, sie mit erfahrenen Führungskräften zusammenzubringen, um den Nutzen zu maximieren. Jüngere seien „KI-native“ und gingen mit der Technologie ganz selbstverständlich um.
Li forderte zudem, dass KI die digitale Kluft zwischen globalem Norden und Süden nicht vergrößern darf. Außerdem brauche es mehr Anstrengungen, damit KI-Systeme mit sauberer Energie betrieben werden.
„Wir sehen Technologie als Kraft, die die gesamte Menschheit stärken kann. Wir sind Menschen und einzigartig, weil wir füreinander sorgen. Das muss im Zentrum unserer Agenda stehen“, sagte sie.