„Die anhaltenden Emissionen aus fossilen Brennstoffen sind direkt für die extremen Wetterkapriolen dieser Woche verantwortlich“, warnen Klimaforschende.
Die derzeitige Extremhitze in Europa wäre vor wenigen Jahrzehnten noch nahezu undenkbar gewesen. Wissenschaftler warnen, der Klimawandel gerate „außer Kontrolle“.
Rekordtemperaturen haben auf dem gesamten Kontinent Chaos ausgelöst. Schulen, Krankenhäuser, Verkehrsbetriebe und Arbeitsplätze im Freien kämpfen mit den Folgen. In Frankreich, das vor Kurzem den heißesten Tag seit Beginn der Messreihen verzeichnet hat, ist die Zahl der Ertrinkungstoten stark gestiegen, weil Menschen verzweifelt Abkühlung suchen.
Auf der anderen Seite des Ärmelkanals stellt sich das Vereinigte Königreich auf Höchstwerte von bis zu 38 °C ein. Schon jetzt meldet das Land den heißesten Junitag seit Beginn der Aufzeichnungen, nachdem die Temperaturen auf 36,1 °C geklettert sind.
In Westeuropa sollen die unerträglichen Temperaturen bald etwas nachlassen. Wetterdienste warnen jedoch, dass am Wochenende Spitzenwerte von 41 °C Teile Ungarns, Bulgariens und Tschechiens treffen könnten. Diese sonst deutlich kühleren Länder sind weit weniger auf extreme Hitze vorbereitet als etwa der Mittelmeerraum.
Wie aus „unmöglichen“ Hitzewellen Realität wird
Auslöser ist ein blockierendes Hochdruckgebiet, das die Hitze über Europa festhält und zusätzlich warme Luft aus der Sahara heranführt.
Für eine Schnellstudie zur Ursachenanalyse nutzten Wissenschaftler der Initiative World Weather Attribution (WWA) Beobachtungs- und Vorhersagedaten. Sie untersuchten die heißeste Drei-Tage-Periode in jenem großen Gebiet Europas, das derzeit unter einer „Hitze kuppel“ liegt.
Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die gemessenen Tageshöchstwerte und die nächtlichen Temperaturen in dieser Hitzewelle „zu dieser Jahreszeit praktisch unmöglich“ gewesen wären – noch im Jahr 1976, also vor rund 50 Jahren.
Eine ähnliche Hitzewelle wäre in diesem damaligen Klima nach Angaben der Forschenden etwa 3,5 °C kühler ausgefallen.
„Die Wissenschaft dazu, wie der Klimawandel Hitzewellen verschärft, ist eindeutig“, sagt Theodore Keeping vom Imperial College London. „Die anhaltenden Emissionen aus fossilen Brennstoffen sind direkt verantwortlich für die Störungen, die Menschen in dieser Woche in ihren Wohnungen, Schulen und an ihren Arbeitsplätzen erleben.
„Das Tempo des Wandels ist erschreckend. Alle paar Jahre werden in Europa Hitzerekorde gebrochen. In diesem Jahr geschieht das sogar in aufeinanderfolgenden Monaten.“
Mehr tropische Nächte in Europa
Die Analyse ergab zudem, dass die drückend heißen Nächte, die den Menschen in Europa in dieser Woche den Schlaf rauben, heute etwa hundertmal wahrscheinlicher sind als noch vor 23 Jahren während der berüchtigten Hitzewelle von 2003.
Tropennächte, in denen die Temperatur innerhalb eines Zeitraums von 24 Stunden nie unter 20 °C sinkt, waren in dieser Woche in vielen Teilen Europas äußerst häufig.
Das kann die Gesundheit stark beeinträchtigen. Der Körper braucht kühlere Nächte, um seine Kerntemperatur zu regulieren und sich von der Hitze des Tages zu erholen.
Studien zeigen, dass hohe nächtliche Temperaturen mit einer erhöhten Sterblichkeit einhergehen, besonders bei älteren Menschen und bei Personen mit Vorerkrankungen.
Von den 854 untersuchten Städten in 30 europäischen Ländern haben nach Angaben der WWA 45 Prozent ihren bisherigen Rekord beim sogenannten Wet Bulb Globe Temperature (WBGT) Ende Juni bereits gebrochen oder werden ihn voraussichtlich brechen.
Der WBGT-Wert misst die Hitzebelastung und die Fähigkeit des Körpers, sich durch Verdunstung von Schweiß zu kühlen. Eine separate Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift „Nature“ erschienen ist, kommt zu dem Ergebnis, dass es in Teilen von Südspanien, Italien, Griechenland und der Türkei im Vergleich zu den 1970er-Jahren bis zu 40 zusätzliche Tage mit starker Hitzebelastung geben wird.
Hitzestress geht mit einer Reihe von Symptomen einher: erhöhte Körperkerntemperatur, beschleunigter Puls, schnelle Atmung, starkes Schwitzen, Übelkeit und Schwindel.
In schweren Fällen können hitzebedingte Erkrankungen wie Hitzeerschöpfung oder Hitzschlag tödlich enden.
Nach Angaben der Vereinten Nationen sind fossile Brennstoffe – Kohle, Öl und Gas – mit Abstand der größte Treiber der globalen Erderhitzung. Sie verursachen rund 68 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen und fast 90 Prozent aller Kohlendioxid-Emissionen.
„Die Lösungen sind ebenso klar: ein schnellerer Umstieg auf saubere Energien, die heute deutlich günstiger sind als fossile Brennstoffe, außerdem der Schutz der Wälder und der Aufbau von Klimarobustheit“, sagt der Exekutivsekretär von UN Climate Change, Simon Stiell.
„Kein Staat kann sich ein ,Weiter so‘ leisten. Wir müssen gemeinsam deutlich schneller handeln.“
Nicht El Niño: Was wirklich hinter Europas Extremhitze steckt
Trotz Medienberichten, die Europas Hitzewelle auf El Niño zurückführen – ein natürliches Klimaphänomen, das die globalen Temperaturen steigen lässt –, sieht die WWA keinen Einfluss dieses Ereignisses auf die extremen Juni-Temperaturen.
Die Folgen von El Niño können zwar gravierend sein, betreffen aber vor allem die Tropen. Europa könnte indirekt betroffen sein, doch eher später im Jahr, im Herbst und zu Beginn des Winters.
„Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie ich klingen langsam wie eine hängengebliebene Schallplatte“, sagt Friederike Otto vom Imperial College London.
„Wir geben Jahr für Jahr ähnliche Stellungnahmen ab, wenn die Hitzerekorde immer weiter nach oben klettern. Ja, das ist der Klimawandel. Ja, wir sind es. Nein, es ist nicht El Niño. Ja, wir kennen die Lösungen. Nein, wir setzen sie nicht schnell genug um.
„Am Ende geht es darum, welche Zukunft wir für uns wollen – und ob wir bereit sind, das Nötige zu tun, um sie zu sichern.“