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29 Tage Beten gegen Abschiebung: Kirche im Dauergottesdienst

29 Tage Beten gegen Abschiebung: Kirche im Dauergottesdienst
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Reuters/Vincent West
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Beten gegen Abschiebung, in den Niederlanden wehrt sich eine Kirchengemeinde mit einem Dauergottesdienst.

Die Familie Tamrazyan lebt seit fast zehn Jahren in den Niederlanden. Der Familienvater wurd in seiner Heimat Armenien politisch verfolgt - die Rückkehr in das Land könnte für ihn den Tod bedeuten. Trotzdem soll die Familie abgeschoben werden. Eine Kirche in der Nähe von Den Haag will sie davor mit einer ungewöhnlichen Maßnahme schützen: Geistliche halten dort ununterbrochen einen Gottesdienst ab.

Wie es dazu kam? Die Tamrazyans sind seit drei Jahren Mitglied der reformierten Kirche in Katwijk, einer Kleinstadt am Rande von Den Haag. Bis sie Mitte September ihren Abschiebungsbescheid bekamen, wohnten sie in einem Asylbewerberheim. Die 21-jährige Tochter Hayarpi Tamrazyan wandte sich auf Twitter an niederländische Politiker. "In dieser Woche könnte ich nach neun Jahren in den Niederlanden abgeschoben werden", sagte sie. "Ich bitte Sie im Namen meines Bruders und meiner Schwester um Hilfe."

Staat hat keinen Zugriff während Gottesdienst

Die Familie zog daraufhin in das Gemeindezentrum der reformierten Kirche um. Dort fühlte sie sich sicherer als im Asylbewerberheim. Doch die Gefahr der Abschiebung blieb. Axel Wicke, der Pastor der Bethel-Gemeinde im benachbarten Scheveningen, einem Vorort von Den Haag, hatte eine Idee: Der niederländische Staat hat laut Gesetz kein Recht, in eine Kirche einzudringen, in der gebetet wird. Die Tamrazyans zogen deswegen in die Bethel-Gemeinde um und Freiwillige sorgen dafür, dass der Gottesdienst nie aufhört. Seit dem 26. Oktober wird in der Kirche rund um die Uhr gebetet. Das sind mehr als 700 Stunden ununterbrochener Gottesdienst.

Die "Staffel", in diesem Fall eine Kerze, wird übertragen.

Andere Kirchen zeigen sich solidarisch, sprechen in ihren Gottesdiensten über die Aktion und versuchen, über die sozialen Medien Aufmerksamkeit für das Schicksal der armenischen Familie zu schaffen.

En vanavond samen met ruim 20 Woerdenaren een bijdrage geleverd aan de marathonkerkdienst in Den Haag in het kader van...

Publiée par Joost Schelling sur Mardi 20 novembre 2018
"Wenn alles düster ist, zünde ein Licht an, das nie ausgeht"

Der Pastor Wicke bedankte sich für die Unterstützung. "Viele Menschen haben genug von der Dämonisierung verfolgter und unterdrückter Menschen", schrieb er auf Twitter.

Auch Hayarpi Tamrazyan bedankte sich in den sozialen Medien. Die junge Frau schreibt auch auf ihrem Blog über ihr Schicksal.

"Unglaublich glücklich und dankbar"

Reaktionen gab es auch außerhalb der Kirchenwelt. Unter dem Hashtag #KerkasielBethel schrieb dieser User:

"Man wird ein besserer Mensch, wenn man die Kirche betritt"

Die in Den Haag lebende US-Bürgerin Kelly Merks hat den Non-Stop-Gottesdienst am Sonntag besucht. Gegenüber euronews sagte sie, die Atmosphäre sei "warumherzig und willkommend" gewesen. Sie wolle Lebensmittel kaufen, um diese der Familie zu spenden.

"Nachteulen" gesucht

Der Gottesdienst dauert auch in der fünften Woche an. Die Kirche in Scheveningen sucht weiter Freiwillige, um diesen am Laufen zu halten. Theo Hettema, Vorsitzender des niederländischen protestantischen Priesterrats, suchte über Facebook Hilfe. "Der Staffel-Gottesdienst wird noch eine Weile weitergeführt werden", schrieb er und rief vor allem "Nachteulen" dazu auf, sich zu melden.

Die Kirchengemeinde der Familie, die reformierte Kirche in Katwijk, sagte, sie hoffe, dass die Tamrazyans eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in den Niederlanden bekommen. "Der Vater läuft Gefahr, in Armenien getötet zu werden und die Kinder leben seit neun Jahren in den Niederlanden. Sie sind hier verwurzelt."