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Tote Studentin Şule Çet: Ein Skandal erschüttert die Türkei

Tote Studentin Şule Çet: Ein Skandal erschüttert die Türkei
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Der Fall Sule Cet ist einer von vielen, der in der Türkei am internationalen Frauentag Aktivistinnen und Aktivisten auf die Straße treibt. Sule ist seit über zehn Monaten tot. Die Leiche der 23-Jährigen wurde im Mai 2018 vor einem Bürohochhaus in Ankara gefunden.

Für Cets Familie der Anfang eines Albtraums. “Ich sehe sie jede Stunde, jede Minute, jeden Moment vor meinen Augen. Ich habe sie sehr geliebt", sagt ihr Vater Ismail Cet.

Ein nicht enden wollender Skandal

Die junge Frau studierte Modedesign, nebenher jobbte sie als Sekretärin. Am Abend ihres Todes wurde sie von ihrem Chef zum Essen eingeladen, auch ein Freund des Chefs war dabei. Danach gingen sie in das Büro im 20. Stock eines Hochhauses. Plötzlich sei Sule aus dem Fenster gesprungen, so die Version der Männer.

Sie wurden festgenommen – und wieder freigelassen. Und das obwohl Gerichtsmediziner an Sules Körper deutliche Spuren einer Vergewaltigung und Genmaterial der Männer fanden.

Der Anfang einer Protestwelle

Sules Freunde starteten eine große Social-Media-Kampagne, organisierten Proteste, forderten Gerechtigkeit. Acht Monate später wurde endlich ein Prozess eröffnet.

“Wenn es hier um einen Mann ginge , würde die Justiz den Fall ganz anders handhaben. Es ist kein komplizierter Fall, sondern ein ganz klarer Fall von Mord", sagt Umur Yıldırım, der Anwalt der Familie Cet.

Sule Cet ist eine von vielen. Laut der Studie einer NGO nahmen die Gewalt gegen Frauen und die Zahl der Frauenmorde in der Türkei in den letzten Jahren zu.

Doch die Reaktionen auf Sules Ermordung zeigen, dass viele Türken diese Zustände nicht mehr hinnehmen wollen. Erste Erfolge konnte die Protestbewegung schon feiern: Zum Beispiel eine neue App der türkischen Polizei, mit der Frauen im Notfall Hilfe rufen können.

Doch von Gleichberechtigung sei man in der Türkei noch meilenweit entfernt, sagt die türkische Frauenrechtlerin Fidan Ataselim: “Dagegen stehen Frauen auf – egal an welche Religion sie glauben oder aus welchem Umfeld sie kommen.“

Verteidigung argumentiert mit fehlender Jungfräulichkeit

Wie weit dieser Weg in der Türkei noch ist, zeigt auch der Prozess im Fall Sule Cet. Denn vor Gericht geht der Skandal weiter. Die Anwälte der Männer argumentieren, Sule sei keine Jungfrau mehr und betrunken gewesen – und habe damit ihre Zustimmung zum Geschlechtsverkehr gegeben.

Sules Vater hofft, dass die mutmaßlichen Mörder seiner Tochter bald ihre gerechte Strafe bekommen. Und dass Sules Tod Bevölkerung und Justiz wachrütteln wird – damit andere bald nicht mehr erleben müssen, was er in den letzten Monaten durchgemacht hat.