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Keine Feierlaune in Temeswar: Rumänien 30 Jahre nach der Revolution

Keine Feierlaune in Temeswar: Rumänien 30 Jahre nach der Revolution
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Rudolf Herbert
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"Im Dezember 1989 war ich Studentin in Bukarest", erzählt Adriana Lucaciu, die heute in ihrer Heimatstadt Temeswar an der West-Universität Grafik unterrichtet. "Mündliche Berichte über Unruhen in Temeswar waren bis in die Hauptstadt gelangt und ich war meiner Eltern wegen in Sorge. Um ein Überlandgespräch führen zu können, ging ich am 16. oder am 17. Dezember, ich weiß es nicht mehr genau, zum Telefonamt und bat um einen Anruf, bei dem die Empfänger, also meine Eltern, die Kosten zu tragen hatten. Ich bekam den Anschluss sehr schnell und das Gespräch kostete schließlich nichts. Es war ein stilles Zeichen der Solidarisierung der Telefonangestellten mit den Bürgern Temeswars. Als wenige Tage später, am 21. Dezember, die Winterferien anbrachen, nahm ich den Nachtzug. Mein Personalausweis wurde kontrolliert, denn nur Bewohnern der Stadt wurde die Reise gestattet. An den Türen der Waggons waren Soldaten postiert und Munitionskisten zu sehen."

Über die Ereignisse jener Tage kann man sich im Museum der Rumänischen Revolution "Memorial" informieren, das in den Räumen einer früheren Kaserne in der westrumänischen Stadt untergebracht ist. Am Abend des 15. Dezember 1989 hatten sich rund 200 Menschen vor der Reformierten Kirche an der Maria versammelt, um die Zwangsversetzung des Pfarrers Laszlo Tökes zu verhindern. Tökes hatte sich in seinen Predigten wiederholt kritisch über die Diktatur Nicolae Ceaușescus geäußert und zuletzt war es sogar gelungen, eine Videobotschaft aus Rumänien zu schmuggeln, die vom ungarischen Staatsfernsehen ausgestrahlt wurde. In Ungarn waren bereits Reformen eingeleitet und die Grundlagen für ein Mehrparteiensystem geschaffen worden. Nicht zuletzt hatte das Nachbarland im Frühsommer 1989 die befestigte Grenze zu Österreich abgeschafft, was wenig später Tausenden von DDR-Bürgern die Ausreise ermöglichte.

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Reformierte Kirche an der Maria in TemeswarRudolf Herbert

Auch in Polen und in der damaligen Tschechoslowakei war die Alleinherrschaft der Kommunisten gebrochen. Am 16. Dezember sowie an dem darauf folgenden Tag versammelten sich erneut Menschen vor der Reformierten Kirche und auf dem Temeswarer Opernplatz, das Militär riegelte das Zentrum ab und hatte Schießbefehl. Am 17. Dezember gab es 58 Tote, zwei Tage später wurden Hunderte von Verhafteten eilig von aus der Hauptstadt herbeigeschafften Juristen verurteilt, in der Mehrzahl Rumänen, doch auch Ungarn, Deutsche, Serben, die seit Jahrhunderten in der Region ansässig sind. Gewalt und Einschüchterungsversuche blieben wirkungslos: Am 20. Dezember versammelten sich Zehntausende und forderten den Rücktritt Ceaușescus, die Achtung der Menschenrechte, die Öffnung der Grenzen und freie Religionsausübung. Obwohl die Medien Rumäniens über die Ereignisse nicht berichten durften, sprang der Funke auf andere große Städte, auch auf Bukarest über, das Diktatoren-Ehepaar versuchte am 22. Dezember zu fliehen, wurde ergriffen und am ersten Weihnachtstag nach einem summarischen Gerichtsverfahren erschossen.

Es lohnt, Antworten auf die Frage zu suchen, warum sich der Widerstand gegen die Diktatur und gegen den Kommunismus ausgerechnet in Temeswar Bahn brach und nicht etwa in Bukarest. Eine der Ursachen dafür ist, dass man im Banat, wie der historische Name der Region lautet, besser informiert war als in anderen Landesteilen. Die ungarische Minderheit verfolgte das Fernsehprogramm des Nachbarlandes, die Serben jenes Jugoslawiens, während die Wachträume der Deutschen, der sogenannten Banater Schwaben von den in die Bundesrepublik ausgesiedelten Familienangehörigen und Freunden genährt wurden, die zu Besuch kamen.

Das Banat, das ebenso wie Siebenbürgen erst nach dem Ersten Weltkrieg durch die Friedensverträge von Trianon zu Rumänien kam, war und bleibt ostmitteleuropäisch geprägt. Man blickt nach Westen, in Richtung der einstigen Hauptstadt Wien. Denn nachdem die Truppen des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Anfang des 18. Jahrhunderts die Osmanen zurückdrängt hatten, wurde die Stadt befestigt und ausgebaut. Das von den Habsburgern vorbildlich verwaltete Kronland erblühte und profitiert bis heute von den früh entstandenen wirtschaftlichen Strukturen und der starken europäischen Anbindung.

Inzwischen haben sich in und um Temeswar zahlreiche ausländische Unternehmen angesiedelt. Rumänien zählt auch drei Jahrzehnte nach der Wende zu den ärmsten Ländern der EU, die Stadt aber boomt. 2021 wird sie gemeinsam mit dem serbischen Novi Sad und dem griechischen Eleusis Kulturhauptstadt Europas sein.

Während das 30. Jubiläum des Mauerfalls in Deutschland mit Veranstaltungen, Würdigungen durch ranghohe Politiker, öffentlichen Debatten und nicht zuletzt mit Rückblicken in den Medien begangen wurde, kommt in Temeswar keine Feierlaune auf. Bürgervereinigungen werden an die Toten der Revolution erinnern, ein kleines Theater präsentiert eine Aufführung, der Aussagen von Zeitzeugen zu Grunde liegen. Die Oper zeigt eine Tanzvorstellung, die den Umsturz thematisiert, das Deutsche Staatstheater Temeswar gedenkt der Ereignisse mit einer Aufführung, in der sechs Darstellerinnen von ihren Erfahrungen berichten, die sie im Dezember 1989 machten, ein Rockkonzert ist ebenfalls geplant.

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Oper in TemeswarRudolf Herbert

Das Bürgermeisteramt warb um Spenden für ein Denkmal, wobei es gleichzeitig klar war, dass weder die nötige Summe zusammenkommen wird, noch das Projekt zeitgerecht realisiert werden kann. Dabei hätte man allen Grund zum Stolz: Hier entstand nur Wochen nach der Wende die sogenannte Proklamation von Temeswar, ein Dokument, das auf dem Balkon der Oper verlesen wurde. Darin wurden die wichtigsten Ziele für die Zeit danach formuliert, darunter ein Verbot für die Kader der einstigen Kommunistischen Partei sowie des Geheimdienstes öffentliche Ämter zu bekleiden.

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Denkmal für Opfer der Revolution von Péter JeczaRudolf Herbert

Verwirklicht wurde es nie, ganz im Gegenteil: Die alten Machtstrukturen bestehen zum Teil bis heute fort. Dass das Fest letztlich keines sein wird, hängt vor allem damit zusammen, dass schon bald nach dem Ende der Diktatur der Begriff der gestohlenen Revolution die Runde machte. Die deutsche Politikwissenschaftlerin Annelie Ute Gabanyi spricht von einem revolutionären Staatsstreich, denn im Schatten der Revolution kämpften Seilschaften um die Macht. Sicherheitskräfte töteten nach der Flucht des Diktatoren-Paars mehr als 800 Menschen, die Ereignisse sind bis heute ungeklärt und die mutmaßlichen Täter gingen straffrei aus. Ermittlungen wurden zwar immer wieder aufgenommen, danach aber eingestellt. Der erste Präsident des Landes nach der Wende war ein früherer kommunistischer Funktionär, der das Amt bis 1996 bekleidete und 2000 wiedergewählt wurde.

Rumänien trat anders als die anderen mittel- und osteuropäischen Staaten erst 2007 zusammen mit Bulgarien der Europäischen Union bei. Auf der Suche nach einem höheren Einkommen und einem besseren Leben haben seither rund 3,5 Millionen Menschen das Land verlassen. "Was wir heute brauchen, ist eine solide gesetzliche Grundlage, keine Eilverordnungen, mit deren Hilfe korrupte Politiker sich dem Zugriff der Justiz entziehen können", sagt Adriana Lucaciu. "Notwendig ist eine Strategie, die Perspektiven bietet. Dreißig Jahre nach der Revolution wissen wir immer noch nicht, wohin, in welche Richtung es geht."

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Platz vor der Oper in TemeswarRudolf Herbert
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