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Maritime Raumplanung regelt den Wettbewerb um die Meeresnutzung

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Maritime Raumplanung regelt den Wettbewerb um die Meeresnutzung
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Kann man ein Windrad an der gleichen Stelle wie eine Aquakultur installieren? Und wie stellt man sicher, dass Walbeobachter und Fischer sich auf See nicht in die Quere kommen? Wer trifft solche Entscheidungen, und was ist mit all den Meerestieren - haben sie ein Mitspracherecht? Maritime Raumplanung ist das Therma dieser Ocean-Folge.

Delfine und Wale vor den Küsten der Azoren sind ein Touristenmagnet. Auf seinen neun Schiffen begrüßt das größte Whale-Watching-Unternehmen vor Ort jährlich 30.000 Kunden: Sie wollen die Meerestiere beobachten, die von den reichhaltigen Fischbeständen angezogen werden.

Aber kommen die Walbeobachter nicht der lokalen Fischindustrie in die Quere? Wie teilen sich die verschiedenen Nutzer den Meeresraum?

"Delfine suchen gern um die Fischerboote herum nach Nahrung. Und die Fischer informieren uns, wenn sie welche sehen. Im Moment ist es also sogar eine Art Zusammenarbeit", erklärt Laura González García, Chef-Biologin, Futurismo.

Wettbewerb um den Meeresraum

Zusammenarbeit und Nachhaltigkeit sind die Ziele der sogenannten maritimen Raumplanung. Der Wettbewerb um den Meeresraum – für Anlagen für erneuerbare Energien, Aquakultur und andere Zwecke – macht die kohärentere Verwaltung unserer Gewässer notwendig. Mit der grenzüberschreitenden und sektorübergreifenden maritimen Raumplanung soll sichergestellt werden, dass menschliche Aktivitäten auf See auf eine effiziente, sichere und nachhaltige Weise durchgeführt werden.

Das von der EU finanzierte "MarSP"-Projekt hilft den Azoren, Madeira und den Kanaren bei der Entwicklung ihrer Pläne.

"Aus der Kombination verschiedener Aktivitäten ergeben sich neue Nutzungsmöglichkeiten, die sich gegenseitig beeinflussen und den gleichen Raum auf nachhaltige Weise nutzen können", sagt Luz Paramio, Mitglied des FRCT-Vorstands, Regionalregierung der Azoren; MarSP-Projektkoordinatorin. "Dank der maritimen Raumplanung können wir diese Aktivitäten in Einklang bringen."

Die Planung funktioniert über Karten. Die Planer kombinieren die Meeresnutzer-Erhebungen mit vorhandenen Daten über Meeresressourcen und -lebensräume in einem geografischen Informationssystem, dem GIS. Ihr Ziel ist es, alle Aktivitäten so auf der Karte zu platzieren, dass sie am besten funktionieren.

Helena Calado, Professorin für Maritime Raumplanung, Universität der Azoren erklärt: "Wir haben alle maritimen Industrien aufgefordert, das Polygon zu zeichnen, in dem sie tätig werden wollen, was Aktivitäten sind, mit denen sie in Konflikt stehen und warum. Dann nehmen wir diese Informationen und geben sie in ein GIS-System ein, um die Entscheidungsfindung zu unterstützen."

Die Pläne berücksichtigen alle Faktoren - von den Tiefenniveaus und der Landnutzung an der Küste bis hin zu kulturellen Artefakten und vor allem den Ökosystemen. Oberste Priorität ist die Erhaltung der biologischen Vielfalt. Außerdem muss die Gesundheit von Meerespflanzen und -tieren gewährleistet sein.

Madeira hat seine Hausaufgaben gemacht

Madeira schloss seine Pläne vor den anderen makaronesischen Inseln ab. Man löste einen Konflikt zwischen dem wachsenden Aquakultur- und dem Tourismussektor: Surfer beschwerten sich über Fischkäfige. Die Planer fanden einen besseren Ort für die Fischfarmen, wo sie unerwartet zu einer Attraktion für Taucher wurden. Außerdem planen die Behörden regelmäßige Inspektionen was die Umweltverschmutzung der Aquakulturen betrifft.

Carlos Andrade, Leiter der Abteilung für marine Aquakultur, Direktion für Fischerei auf Madeira meint: "Damit die Gebiete intakt bleiben, müssen wir natürlich Überwachungsprogramme umsetzen. Es gibt ein Regelwerk, das zu beachten ist, nicht nur für die Fischfarmen, sondern auch für die Menschen, die unterschiedliche Interessen um die Fischfarmen herum haben."

Die meisten Küstengewässer im Norden der Hauptinsel Madeira sind Schutzgebiete für Meeressäuger - und damit für wirtschaftliche Aktivitäten gesperrt. Die Fischfarmen wurden auf relativ kleine Gebiete auf der südlichen Seite der Insel verteilt - aber mit genügend Platz zum Wachsen. Für die Aquakultur-Unternehmen ist diese Planungssicherheit wichtig - sie haben ihre Produktion 2019 verdoppelt und sind auf dem Weg, sie wieder zu verdoppeln.

Aber wer teilt sich den gleichen maritimen Raum, will der euronews-Reporter vom Aquakultur-Unternehmer wissen:

"Es gibt Boote für Big Game Fishing (Großwildfischen) und wir haben einen Yachthafen in der Nähe", sagt Pedro Diniz, Standortleiter, Marismar. "Dass wir einen Raum für eine bestimmte Zeit nutzen können, gibt uns Planungssicherheit. Wir müssen diesen Ort nicht verlassen, der ideal für uns ist."

Diese Seebrassenfarm ist vor Stürmen geschützt, hat eine perfekte Tiefe und es gibt Strömungen, die das Wasser sauber halten. Die Tatsache, dass der maritime Raumplan dieses Gebiet als Aquakulturstandort ausweist, gibt den Investoren die Sicherheit, dass sie ihren Betrieb in den kommenden Jahren weiter entwickeln können.

Die maritimen Raumordnungspläne werden alle paar Jahre aktualisiert, um neue Geschäftsmöglichkeiten von den Küsten bis zu den äußeren Grenzen des regionalen und nationalen Meeresraums einzubeziehen:

"Es ist ein Vorteil, dass unser Plan fertig ist", meint Manuel Ara Oliveira, Direktor für Umwelt und Klimawandel, Regionalregierung von Madeira. "So können wir mit mehr Wissen, mehr Kapazitäten mit den benachbarten Kanarischen Inseln und den Azoren an der Aktualisierung arbeiten. Es gibt einen besseren Austausch und Zusammenarbeit."

Kompromisse mit den Nachbarn zu finden, will gelernt sein

Bei einem Ausbildungsworkshop in Toulon wurden französische und algerische Spezialisten zu einem Brettspiel eingeladen. Unter dem Titel "MSP Challenge" simuliert es eine betriebsame Seegrenze zwischen drei fiktiven Ländern mit konkurrierender Meeresnutzung. Genau solche Probleme müssen die maritimen Raumplaner lösen - vor allem in Gebieten wie Nordeuropa mit einer intensiven Nutzung des begrenzten Meeresraums.

Alejandro Iglesias Campos, Programmspezialist, IOC-UNESCO, erklärt: "Es gibt grenzüberschreitenden Aktivitäten wie Seeverkehr, Tourismus, aber auch die biologische Vielfalt, alle Meeresschutzgebiete. Die Herausforderung bei diesem Spiel ist, wie man diese verschiedenen Aktivitäten über die Grenzen hinweg nachhaltig managen kann."

Das Spiel wird in vielen Ländern von MSPGlobal eingesetzt - einer Initiative der Europäischen Kommission und der Zwischenstaatlichen Ozeanografischen Kommission der UNESCO, um die maritime Raumplanung weltweit zu fördern sowie Erfahrungen zwischen Europa und anderen Regionen auszutauschen.

"Es gibt Beispiele aus China, wie der Planungsprozess finanziert werden kann; oder aus Südamerika, wie Minderheiten einbezogen werden können, und viele andere Beispiele, die uns helfen, auch in Europa eine andere, eine innovativere Planung zu entwickeln", so Alejandro Iglesias Campos.

Wirtschaftsinteressen und Naturschutz verbinden

Kernziel einer guten maritimen Raumplanung ist, nachhaltiges Wirtschaftswachstum mit dem Erhalt der Natur zu verbinden. Der Las Canteras-Strand in Las Palmas auf Gran Canaria ist dafür ein Beispiel - hier gehen Tourismus und Umweltschutz Hand in Hand. Der Ort ist sowohl ein Reservat für Hunderte von Fischarten, als auch ein touristischer Hotspot für Schnorchler und Taucher.

"Mitten in großen Städten kann man sowohl perfekte Orte für den Naturschutz als auch perfekte Orte für die Freizeitgestaltung anlegen, das ist kombinierbar'', meint Fernando Tuya, Assistenzprofessor für Meeresbiologie, Institut Ecoaqua, ULPGC. "Die Menschen fordern eine gesunde Umwelt, die sie genießen können. Man muss also wirtschaftliches Wachstum entwickeln, das die Natur respektiert."

Um die Natur besser zu schützen und die Nutzung des Meeresraums zu optimieren, entwickelte das von der EU geförderte PLASMAR-Projekt ein System zur Entscheidungsunterstützung. Es zeigt auf, wie geeignet ein bestimmtes Gebiet für einen bestimmten Sektor ist. Es basiert auf Faktoren wie der Ozeanografie, den maritimen Aktivitäten, der Landnutzung an der Küste, den Naturschutzanforderungen und anderen Faktoren.

"Wir haben dieses System mit vielen Daten gefüttert und versucht, Gegenden zu identifizieren, in denen die Auswirkungen auf die Umwelt gering bleiben und nicht mit der Landnutzung an der Küste und den anderen maritimen Sektoren in Konflikt geraten", sagt Andrej Abramic, PLASMAR-Projektkoordinator, Ecoaqua-Institut, ULPGC.

Intelligente Nutzung der maritimen Räume

Maritime Raumplaner müssen auch neue Nutzungsmöglichkeiten wie z.B. Offshore-Windparks, integrieren. Auf dem PLOCAN-Testgelände auf Gran Canaria laufen bereits Versuche in diese Richtung, die eine intelligente Raumnutzung vorsehen.

José Joaquín Hernández-Brito, Chef der "Plataforma Oceánica de Canarias": "Unser Projekt ist darauf ausgerichtet, dass Fischer die Zwischenräume der Windräder nutzen können, oder man dort Aquakulturen anlegt. Es müssen nur die entsprechenden Technologien entwickelt werden."

Die EU-Küstenmitgliedstaaten haben bis Ende März 2021 Zeit, ihre maritimen Raumordnungspläne fertigzustellen, um die Meereswirtschaft zu fördern und die Küstenökosysteme für kommende Generationen zu erhalten.