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Proteste gegen Kirchengesetz in Montenegro: Es geht um "serbische Identität"

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Proteste gegen Kirchengesetz in Montenegro: Es geht um "serbische Identität"
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Seit Wochen wird Montenegro erschüttert von Massendemonstrationen. Der Grund ist ein neues Religionsgesetz, das Anfang des Jahres verabschiedet wurde. Die Serbisch-orthodoxe Kirche in Montenegro fürchtet seitdem um ihre Besitztümer. Sie untersteht dem Patriarchat im Nachbarland Serbien. Montenegro ist seit 2006 unabhängig, zuvor hatte es fast 90 Jahre lang zu Serbien gehört.

Wir sind im Norden des Kleinstaates unterwegs, dort, wo die schroffen Berge im harten Streiflicht der Wintersonne tatsächlich schwarz aussehen. Montenegro, das Land der schwarzen Berge, entfaltet hier eine atemberaubende Schönheit. Ich bin mit meinem Übersetzer Asim unterwegs, wir folgen den tief eingeschnittenen Tälern immer weiter Richtung Norden. Dort, irgendwo hinter den schwarzen Bergen, liegt die Grenze zu Serbien.

Hunderte Bergbewohner strömen talabwärts

An einer scharfen Wegbiegung halten wir an, steigen aus. Ein leises Summen liegt in der kühlen Bergluft, wird lauter, Worte zeichnen sich ab, Rufe, untermalt mit Gesängen. Zu Fuß gehen wir auf der schmalen Landtraße in Richtung des Gesanges. Hinter einem Felsvorsprung öffnet sich der Blick, dort kommen sie, dutzende, nein, viele hunderte Bergbewohner, angeführt von einem Priester in schwarzer Kutte und einer Gruppe kräftig gebauter Kreuzträger. Blutrote Flaggen, hölzerne Kreuze, orthodoxe Ikonen.

Eine Prozession? Nein, ein Protestzug. Familien mit Kindern, knorrige, alte Menschen mit ausgemergelten Gesichtern, gut gekleidete Dorfhonorationen, Bauern mit abgearbeiteten Händen in grob gestrickten Pullovern, eine Gruppe angetrunkener Fussballfans mit bereits glasigen Augen und Bierdosen in der Hand, Frauen in bunten Plaste-Anoraks - sie alle haben Mittelfinger, Zeigefinger und Daumen zu einer Art Schnabelgruß geformt, als wollten sie sich bekreuzigen.

20 Bergdörfer sind auf den Beinen

"Wo kommt ihr her?", frage ich. "Aus Bioce", kommt die freundliche Antwort, "Und dort drüben, am anderen Berghang, kommen die Leute aus dem Nachbardorf, aus Crnce." - Und in der Tag: die stillen, schwarzen Berge werden lebendig, an diesem Wintersonntag. Von den Berghängen windet sich Dorf um Dorf hinab zum Fluß, die gesamte Anwohnerschaft von 20 Bergdörfern ist auf den Beinen. Für manche Kleinkinder ist der Weg zu lang, einige gutmütige Väter heben ihre Sprößlinge auf die breiten Bergbauernschultern. 17 Kilometer bis zum Sammelpunkt sind es für die einen, 15 für die anderen. Eine kleine Gruppe ist bereits in der Nacht aufgebrochen, wird mir berichtet, geschätzte 50 Kilometer wollen sie angeblich zurückgelegt haben.

Ein Kleinwagen älterer Bauart mit durchhängenden Stoßfedern rollt im Schritttempo zwischen Fahnenträgern und Bergbevölkerung, auf dem Dach sind große Lautsprecher montiert, aus denen abwechselnd altgregorianische Choräle, serbische Folklore und beliebte orthodoxe Kirchenlieder tönen. Die Menge singt mit.

"Wir behalten unsere Heiligtümer!"

Alle paar Minuten ruft der eine oder andere aus der Menge ein lautes "Wir geben unsere Heiligtümer nicht her!". Sofort fallen die Menschen um ihn herum ein, wiederholen das offizielle Motto der Protestmärsche, laute Sprechchöre schallen durch die Bergwelt Nordmontenegros.

Das neue Religionsgesetz sieht vor, dass die Kirchen einen Besitznachweis für Kirchen, Klöster und Grundstücke erbringen müssen, die ihnen bereits vor 1918 gehört hatten, also noch vor der Eingliederung Montenegros in das dann gegründete Königreich Jugoslawien. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche, die dem Patriarchat im Nachbarland Serbien untersteht und Probleme damit zu haben scheint, sich den neuen staatlichen Institutionen Montenegros unterzuordnen, befürchtet, dass ihr die Regierung die Besitztümer wegnehmen möchte - auch wenn diese das mehrmals verneint hat.

Serben protestieren: "Niemals zuvor eine derartige Schande erlebt"

Zwei Mal wöchentlich ruft die Kirche die Gläubigen deswegen zu Protestmärschen auf, donnerstags und sonntags sind Großdemotage in Montenegro, seit nunmehr bereits Wochen. Bijelo Polje, die Kleinstadt im serbisch besiedelten Norden des Landes, ist Ziel der heutigen Bergbauerndemo. An einer noch vor der Stadt gelegenen Straßenkreuzung sammeln sich die Dorfbewohner, Unterstützer haben auf langen Tischen ein frugales Mahl vorbereitet, alle langen kräftig zu, es gibt leckere Schinkensemmeln - auch der Euronews-Reporter darf sich bedienen - Südfrüchte, Obstsäfte.

Veselin Ljesnak ist einer der Protestierenden. Der ältere Mann ist mir bereits während des Protestzuges am Berghang aufgefallen. Er hat am lautesten gerufen. Seine Hand hat nicht den religiösen Schnabelgruß gezeigt, sondern den serbischen Dreifingergruß. Direkt ist er auf meine Kamera zugekommen, wollte gar nicht mehr aufhören, direkt ins Objektiv zu schreien, er riecht nach Fusel. Auch andere in der Gruppe um Ljesnak haben getrunken.

Ihm geht es um mehr als nur den Kirchenbesitz. Es geht um seine Identität. "Die Serben sind es gewohnt zu leiden", sagt er erregt gestikulierend. "Doch niemals zuvor haben wir eine derartige Schande erlebt. Das neue Gesetz ist eine Schande. Ich schwöre bei Gott: mein Grab wird ein serbisches Grab sein."

Radikalisierung in der Vorwahlzeit

In Montenegro soll im Herbst (falls es nicht doch noch zu vorgezogenen Neuwahlen kommt) gewählt werden, das verkompliziert die Situation zusätzlich. Präsident Milo Djukanovic kündigte bereits an, sich den Protesten nicht beugen zu wollen. Dabei hat die Serbisch-orthodoxe Kirche in Montenegro großen Einfluss. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung des Landes sind orthodoxen Glaubens, die meisten serbisch-orthodox.

Unter den Demonstrierenden sind auch pro-serbische Aktivisten, die die aufgeheizte Stimmung für ihre Zwecke nutzen wollen. Radovan Rakocevic ist einer von ihnen. Sein Zuhause hat der Hardcore-Fußball-Fan mit Flaggen des Fußballclubs "Roter Stern Belgrad" dekoriert. Versteckt auf seinem Kleiderschrank sieht man auch eine serbische Flagge.

Starkes Gemeinschaftsgefühl

Rakocevic ist zudem im Politbüro einer pro-serbischen Oppositions-Partei aktiv. Er machte mit bei illegalen Straßenblockaden in der Hauptstadt Podgorica und in Bijelo Polje heizt er die Stimmung bei den Protesten an. Rakocevic: “Ich bin in den sozialen Medien aktiv, diskutiere mit Freunden, rufe sie an, fordere alle auf mitzumachen bei den Märschen."

Bei einer Demonstration stacheln Rakocevic und seine Kumpane die Menge an, auf einmal geht es nicht mehr um Religion, sondern um serbische Identität, Großserbien und das Kosovo. “Ich fühle mich gesegnet", so Rakocevic. "Ich bin voller Andacht, unmöglich, das Gefühl zu beschreiben. Man muss mitlaufen, um dieses starke Gemeinschaftsgefühl zu spüren."

Ungute Mischung

Er ist der Mitbegründer der Sankt-Sawa-Gesellschaft in Bijelo Polje. Die Organisation hat ihre Ursprünge im neunzehnten Jahrhundert, in Belgrad. Ihr historisches Ziel: Die "serbische Identität" stärken - überall dort, wo Serben leben. Religion und Politik gehen für die Extremisten Hand in Hand. Eine ungute Mischung.

Im Gespräch gibt sich Rakocevic zurückhaltend, betont den humanitären und literarischen Charakter seines Sant-Sawa-Vereins. Man sammele Geld für gute Zwecke, organisiere Ausstellungen, helfe bei Veranstaltungen... Das hört sich alles sehr harmlos an. Aber ist es das auch wirklich immer?

Während sich der Demonstrationszug langsam der Stadt nähert, gibt mir Rakocevic mit einem Handzeichen zu verstehen, dass ich ihm folgen soll. Wir klettern einen Bahndamm empor. Auf einer Eisenbahnbrücke warten bereits einige Freunde Rakocevics, junge Männer in T-Shirts. Als sich der religiöse Protestmarsch der Unterführung nähert, rufen Rakocevic und seine Truppe laustark: "Serbien!". Die Menge antwortet wie ein Mann: "Kosovo!".

Der blitzschnelle Umschlag von Religion hin zu kaum verklausulierten großserbischen Gebietsansprüchen ist verblüffend. Soeben waren wir noch von friedlichen Familienvätern und Bergdorfbewohnern umgeben, die durchaus glaubhaft versicherten, dass es ihnen um Religionsfreiheit geht. Dann, kaum schreien junge Männer einige Parolen, sind wir umgeben von einer Menge, die unisono "Serbien! Kosovo! Serbien! Kosovo!" brüllt.

Demonstieren bis zur Rücknahme des Gesetzes

Und doch, alles bleibt friedlich - nicht vergleichbar mit den Gelbwestenprotesten in Frankreich, keine eingeschlagenen Fensterscheiben, keine angezündeten Mülleimer, keine Autos in Flammen, keine Straßenschlachten mit der Polizei wie in Paris. Als Medienvertreter wird man ausgesprochen höflich behandelt, darf während des orthodoxen Gottesdienstes in die Kirche, dort sogar filmen.

Wir fragen den örtlichen Priester, ob die Proteste weitergehen: "Sicherlich, wir werden weiter marschieren und demonstrieren", so Vater Darko. "So lange, bis das Kirchengesetz zurückgenommen oder in wesentlichen Punkten zumindest verändert wird."

Dann erklärt er uns seine Bedenken am Beispiel der Peter-und-Paul-Kirche. "Aus Asche wieder aufgebaut", habe man die Kirche, das Gotteshaus habe eine lange und bewegte Vergangenheit hinter sich, sei auch schon einmal eine Moschee gewesen. Zwar wisse man nicht genau, was die Regierung plane, doch daran, dass die Peter-und-Paul-Kirche serbisch-orthodoxes Eigentum sei, daran wolle man keinen Zweifel lassen.

In der Kleinstadt gibt es zwei Kirchen, neben Peter-und-Paul mit den markanten Doppeltürmen auch noch Sankt-Nikolaj, am Stadtrand von Bijelo Polje gelegen. Allerdings zeigt gerade dieses Beispiel, dass die Bedenken der Kirche vielleicht durchaus unbegründet sein könnten, denn bereits heute ist dieses Gotteshaus als Eigentum der städtischen Gemeinde eingetragen (also genau das, was Montenegro im großen und ganzen auch auf nationaler Ebene plant), trotzdem finden natürlich Gottesdienste dort statt, regelmäßig, häufig, gut besucht, störungsfrei. Man ist versucht, die Frage in den Raum zu stellen: Wozu also das ganze Protestgeschrei? Denn auch andernorts gibt es bereits hier und da in Montenegro ähnliche Situationen, Kirchen, Klöster, andere Liegenschaften, eingetragen als Stadt- oder Staatsbesitz - und ausschließlich genutzt von der serbisch-orthodoxen Kirche. Na also, es geht doch. Oder?

Cetinje: Ein Kloster, zwei Kirchen

Die Wurzeln des Konflikts reichen weit in die Vergangenheit, das wird auch in Cetinje, der Hauptstadt des alten Königreichs Montenegro deutlich. Gleich zwei orthodoxe Kirchen reklamieren das Kloster von Cetinje für sich. Heute ist es der Hauptsitz der Serbisch-orthodoxen Kirche.

Doch auch die jüngst neu begründete Montenegrinisch-orthodoxe Kirche beansprucht das Kloster für sich. Allerdings handelt es sich gewissermaßen um eine "Untergrundkirche", oder präziser formuliert: die östliche Orthodoxie verweigert dieser Kirche ihre Anerkennung.

Metropolit Mihailo - den die Serbisch-orthodoxe Kirche Euronews gegenüber als "exkommunizierten Usurpator" bezeichnet - lädt uns in seine Privatwohnung ein. Auf dem Kopf trägt er eine hohe, weiße Haube - als Zeichen seiner kirchlichen Würde. (Metropolit ist in orthodoxen Kirchen der Name für ein Oberhaupt.) Mihailo ist jedoch nicht offiziell als solches anerkannt. Denn 1920 verleibte sich die Serbisch-Orthodoxe Kirche die montenegrinische Nachbarkirche ein. Einerseits reklamieren beide Kirchen eine Historie quer durch die Geschichte, bis ins Mittelalter. Andererseits sprechen sie sich wechselseitig die Legitimität ab.

Der Kern des Konfliktes

Zur Zeit des unabhängigen montenegrinischen Königreichs war die Montenegrinisch-orthodoxe Kirche eine Art "Staatskirche". Es gibt Vermutungen, dass der heutige Präsident Montenegros diese Tradition aktiv wiederbeleben möchte - unter anderem auch deshalb, weil er in der Serbisch-orthodoxen Kirche den verlängerten Arm Belgrads sieht. Möglicherweise erklärt genau das die allergische Reaktion der Serbisch-orthodoxen Kirche auf das neue Religionsgesetz, wohl wird insgeheim befürchtet, dass die Serbisch-orthodoxe Kirche quasi im Handstreich enteignet, aus Klöstern und Kirchen geworfen und diese dann der Montenegrinisch-orthodoxen Kirche zugesprochen werden könnten (was die Regierung eindeutig dementiert).

Laut Metropolit Mihailo (zur Erinnerung: Montenegrinisch-orthodoxe Kirche) sind die Demonstrationen der Serbisch-orthodoxen Kirche fremdgesteuert: "Jede Menge Geld aus dem Ausland fließt nach Montenegro, um diese Protestmärsche zu ermöglichen", behauptet er im Euronews-Gespräch. "Die Serben, die in Serbien leben, haben enge Kontakte zu den Serben, die in Montenegro leben - und sie wollen Montenegro zurückhaben, nach demselben Muster, nachdem die Serbisch-Orthodoxe Kirche sich 1920 unsere Montenegrinisch-Orthodoxe Kirche geholt hat."

Mehrere Dutzend Priester der Serbisch-Orthodoxen Kirche hätten sich bei ihm gemeldet, aus Serbien, weil sie beabsichtigten, zur Montenegrinisch Orthodoxen Kirche zu wechseln, meint Mihailo gegenüber Euronews. Allerdings wolle er diese Kandidaten erst einmal gründlich prüfen. - Derzeit hat die Montenegrinisch Orthodoxe Kirche nur wenige aktive Priester und auch die Zahl der für Gottesdienste zur Verfügung stehenden Kirchen ist sehr gering.

Voller Stolz zeigt mir Metropolit Mihailo ein relativ neues Gotteshaus in Cetinje, errichtet aus Spenden. Der Küster läutet sogar die Glocken anläßlich des Euronews-Besuches.

Serbisch-Orthodoxe Kirche sieht Religionsfreiheit bedroht

Der Konflikt zeigt sich auch in Ostrog, wo Montenegros weltberühmtes Felsenkloster steht. An schönen Tagen wimmelt es hier von Touristen. Für Montenegro ist Ostrog so etwas wie Montmartre für Paris: ein Besuchermagnet. In Ostrog gibt es zahlreiche Restaurants, Beherbergungsstätten, Hotels, Souvenirläden, kurz, es handelt sich nicht nur um ein religiöses Heiligtum und ein international anerkanntes Kulturerbe, sondern auch um ein lukratives Geschäft.

Die Regierung will nicht nur dort Klarheit schaffen: Wem gehört was? Welche Einnahmen fließen wohin? Wer wird wann und warum von Steuern befreit? Was die leidige Eigentumsfrage betrifft: Alle Religionsgemeinschaften müssen Eigentumsnachweise erbringen, überall in Montenegro, denn das Religionsgesetz gilt für alle - nicht nur für die Serbisch-orthodoxe Kirche. Kulturerbe - auch religiöses - sei Staatseigentum, so die Logik. Laut Regierung würde das an der Nutzung nichts ändern.

Die Serbisch-Orthodoxe Kirche bezweifelt dies. "Die Religionsfreiheit ist bedroht", so Bischof Joanikije aus der Diozese von Budimlja und Nikšić.

Bischof Joanikije: "Wir wollen unsere Rechte nicht aufgeben"

Im Euronews-Gespräch in der bischöflichen Residenz gibt sich Joanikije zuvorkommend und nimmt sich viel Zeit, seinen Standpunkt in dem Streit zu erläutern. Wir bekommen eine Tasse Tee, der Bischof nimmt mit einem Glas Wasser vorlieb. Sein Berater für internationale Angelegenheiten übersetzt ins Englische - und wagt während der technischen Vorbereitungen zum Interview sogar einen regionaltypischen kleinen Balkanscherz: "Bitte den Bischof nicht direkt ans Fenster sezten, man kann ja nie wissen, ob draußen gerade ein Sniper auf Lauer liegt."

Doch dann wird es Ernst, es geht um Grund und Boden, da hört der Spaß auf. "Unsere Eigentumsrechte sind bedroht", zählt Bischof Joanikije auf. "Unsere heiligen Stätten sind bedroht. Unser rechtlicher Status ist bedroht. Wir wollen diese Rechte, die wir über 800 Jahre hinweg erworben haben, nicht aufgeben. Diese Rechte wurden 800 Jahre lang nicht angezweifelt. Bis heute."

Kirchlicher Würdenträger zweifelt Unabhängigkeit der Justiz an

Interessant ist, wie detailliert der Bischof in die juristische Fachdebatte über das umstrittene Religionsgesetz einsteigt. Insbesondere stört sich die Serbisch-orthodoxe Kirche an der Tatsache, dass kirchliche Eigentumsfragen künftig über Verwaltungsgerichte abgewickelt werden sollen, einen Punkt, den Joanikije gleich zu Beginn des Gesprächs anspricht und ausführlich erläutert.

Durch die Zuständigkeit der Verwaltungsgerichte begebe man sich sozusagen in die Hände des Staates - denn die Verwaltungsgerichte seien der Staat, befürchtet der Bischof. Sprich, die Serbisch-orthodoxe Kirche zweifelt die Unabhängigkeit der montenegrinischen Verwaltungsgerichte massiv an.

Im weiteren Verlauf des fast einstündigen Austauschs kommt die mangelnde Dialogbereitschaft der Regierung zur Sprache. Man habe Verwaltung und Regierung wiederholt eingeladen zu Seminaren und Diskussionen der Serbisch-orthodoxen Kirche über die umstrittenen Punkte, gekommen sei niemand. Ein Vorwurf übrigens, der so fast wortgleich auch seitens der Regierung in Podgorica an die Adresse der Serbisch-orthodoxen Kirche formuliert wird: Man sei dialogbereit, wolle sich an einen Tisch setzen und alles ausdiskutieren - doch die Kirche verweigere den Dialog. Kurz, als Beobachter bekommt man den Eindruck, dass hier zwei Antagonisten versuchen, dem jeweils anderen "Gesprächspartner" totale Dialogunfähigkeit vorzuwerfen - was ja schon als solches einen echten Austausch von Argumenten, geschweige denn zielführende Verhandlungen ausschließt.

Im Visier der Kirche: Artikel 62

Bischof Joanikije wird in dem Gespräch durchaus konkret: "Wir haben insbesondere ein Problem mit Artikel 62 des neuen Kirchengesetzes", meint er. "Dieser Artikel eröffnet die Möglichkeit , unser Kircheneigentum zu konfiszieren. Unser gesamter Kirchenbesitz fiele als Eigentum an den Staat."

Tumult und Festnahmen im Parlament

Im Dezember hatten pro-serbische Parlamentsabgeordnete versucht, die Verabschiedung des Kirchengesetzes gewaltsam zu verhindern. Eine denkwürdige Nacht: Ein Knall war zu hören - ob es sich um einen Feuerwerkskörper oder ein sonstiges Objekt handelte, ist nicht mehr zu ermitteln - und ein Gruppe wütend gestikulierender und laut brüllender Volksvertreter stürmt Richtung Pult des Vorsitzenden der Versammlung. Unterlagen werden auf den Boden geworfen. Wasserflaschen fliegen durch die Luft. Sicherheitskräfte mit Gasmasken mischen sich ins absurd anmutende Getümmel. 18 Abgeordnete werden vorübergehend in Gewahrsam genommen...

Gefruchtet hat der Tumult nichts, das Religionsgesetz wird trotzdem - ohne die Stimmen der proserbischen Abgeordneten - verabschiedet, noch in derselben Nacht. War das Störmanöver von Belgrad aus "gesteuert"? Mehrere Gesprächspartner berichten mir, dass einer der Führer der proserbischen Opposition, Mandic, am Vorabend mit einem serbischen Flugzeug abgeholt, nach Belgrad gebracht, und anschließend wieder zurückgebracht worden sei. Wurden ihm Instruktionen erteilt?

Im Gespräch mit Euronews streitet Mandic ab, eine Marionette Serbiens oder Russlands zu sein - doch ist der Mann laut erstinstanzlichem Gerichtsentscheid (gegen den er Berufung eingelegt hat) auch in einen fehlgeschlagenen Putschversuch im Jahre 2016 verwickelt, hinter dem laut Europäischer Union Russland steckt.

Und was sagt die Regierung zu alldem?

Auch Mehmed Zenka, Minister für Religions- und Minderheitenfragen, geht davon aus, dass die Proteste aus dem Ausland gesteuert sind. “Immer häufiger, mittlerweile täglich, hören Sie politische Sprüche während dieser Märsche", sagt er. "Die Leute schreien: ,Serbien! Kosovo! Serbien! Kosovo!' Das Ziel liegt auf der Hand: Montenegro soll destabilisiert werden. Montenegros Staatlichkeit wird in Frage gestellt. Russland und Serbien waren gegen unsere Unabhängigkeit und gegen unseren Beitritt zur NATO. Ihr Kampf geht weiter, immer noch gibt es Destabilisierungsversuche. Russland und Serbien wollen zeigen, dass unser Staat nicht normal funktioniert, sie bezweifeln unser Existenzrecht. Die religiösen Gefüle der Bevölkerung werden manipuliert. Wir wollen niemandem seine Kirche wegnehmen und sie jemand anderem geben, nein."

Im Euronews-Gespräch betont der übrigens fließend Deutsch sprechende Minister immer wieder, dass es bei dem Religionsgesetz nicht in erster Linie um Eigentumsfragen gehe, sondern um eine grundlegende Kodifizierung zwischen Staat und Religionsgemeinschaften. Nun, damit liegt der Mann im Tweetkostum gewissermaßen richtig, nach Lektüre der vielen Paragraphen des neuen Gesetzes stellt sich heraus: Hier geht es um Grundlegendes. Was ist eine Religionsgemeinschaft? Wie wird die Religionsfreiheit geschützt? Welchen rechtlichen Status haben Glaubensgemeinschaften? - Das alte Religionsgesetz, das in den siebziger Jahren - also noch zur Zeit des kommunistischen Jugoslawiens - in Kraft trat, galt längst als dringend erneuerungsbedürftig.

Ein Brief aus dem Jahr 1884

Zur Zeit des unabhängigen Königreichs Montenegro war der Staat offizieller Eigentümer der Kirchengüter. Das Nutzungsrecht lag bei der Kirche.

Der Direktor des Staatsarchivs hilft uns bei der Spurensuche. Sasa Tomanovic: “Dies ist ein offizieller Brief von 1884. Ein Priester des Piva-Klosters und Metropolit Mitrofan Ban bitten das Ministerium für Kirchenangelegenheiten um Erlaubnis, Teile der klösterlichen Ländereien verpachten zu dürfen. Das Kloster war in schlechtem Zustand und man brauchte Geld. Das Dokument belegt, wie direkt die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Kirche vom Staat kontrolliert wurden und auch, dass sich Staat und Kirche wechselseitig respektierten."

Spuren des Hasses überall sichtbar

Zurück zu Radovan Rakocevic, dem jungen pro-serbischen Aktivisten in Bijelo Polje. Bei einem Bier zeigt er mir mit einem gewissen Stolz unzählige Fotos riesiger Serbenflaggen, gemalt auf das Beton von Unterführungen, auf Wände, Straßen, Kreuzungen, Häuser... Vor ein paar Tagen wollte die Polizei von ihm wissen, ob er der Urheber der serbischen Flaggen-Graffitis überall in Montenegro sei. Zweimal wurde er verhört.

Rakocevic bestreitet die Vorwürfe. Gleichzeitig betont er, dass das "Serbentum" in Montenegro bedroht sei. "Nach dem Unabhängigkeitsreferendum 2006 begann die Diskriminierung. Das übliche eben. Ganz klar eine Reaktion darauf, dass die Serben hier zu 100 Prozent für einen Verbleib Montenegros bei Serbien gestimmt haben."

Europa fordert Dialog

Europarat und Europäische Kommission appellieren an alle Konfliktparteien, sich an einen Tisch zu setzen. Dialog sei vonnöten. Die Venedig-Kommission des Europarates, eine Art juristische Prüfkommission für die Rechtsstaatskonformität juristischer Systeme überall auf dem europäischen Kontinent, hat dem Kirchengesetz Montenegros - mit einigen kleineren Einschränkungen - gewissermaßen "grünes Licht" erteilt und betont, von einem menschenrechtsverletzenden Eingriff in die Religionsfreiheit könne nicht die Rede sein.

Wer durch Montenegro reist in diesen Tagen, sieht die Zeichen des Hasses: “Das ist Serbien. Tod Montenegro", steht auf einem Häuschen in den Bergen Montenegros, weithin sichtbar direkt neben einer Hauptverkehrsachse zwischen der Hauptstadt Podgorica und dem Norden des Landes. Er kann jederzeit wieder aufflammen, der Hass.

Montenegro: Wie gefährlich ist der Konflikt?

Journalist • Hans von der Brelie