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Droht ein "Corona-Impf-Fiasko" wie bei Influenza A?

Medizinisches Personal bereitet im Pflegeheim Ibaneta bei Pamplona den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer vor
Medizinisches Personal bereitet im Pflegeheim Ibaneta bei Pamplona den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer vor   -   Copyright  Alvaro Barrientos/Copyright 2019 The Associated Press. All rights reserved
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Es war im Sommer 2009, die Welt befand sich mitten in der A/H1N1-Pandemie, anfangs auch "Schweinegrippe" genannt. Die Weltgesundheitsorganisation hatte die Schweinegrippe zur Pandemie erklärt - Pharmaunternehmen arbeiteten mit Hochdruck daran, einen Impfstoff zu entwickeln. Das Szenario kommt Ihnen bekannt vor?

Die deutsche Regierung kaufte damals 50 Millionen Impfdosen im Wert von 700 Millionen Euro. Damit sollten rund 30 Prozent der Bevölkerung gegen die Schweinegrippe, oder Influenza-A (A/H1N1) immunisiert werden.

Doch gerade mal ein Zehntel der Bevölkerung wurde tatsächlich geimpft, sprich 5 Millionen Impfdosen, wurden tatsächlich verbraucht. Die Fehlkalkulation ergab sich unter anderem, weil klar geworden war, dass eine einfache Impfdosis ausreichenden Schutz vor einer Infektion bot. Deshalb versuchte die Regierung, mit Pharmaunternehmen über die Menge der bestellten Impfdosen zu verhandeln, aus 50 Millionen wurden 34 Millionen. Doch auch diese Zahl überstieg den tatsächlichen Bedarf um ein Vielfaches.

Die Impfbereitschaft in Deutschland blieb gering, gerade mal 5 Mio. Menschen ließen sich impfen, 29 Mio. Impfdosen blieben übrig - und mit ihnen die Kosten, die der Spiegel auf rund 239 Mio. Euro bezifferte. Versuche, den Impfstoff ins Ausland zu verkaufen, schlugen fehl. Ein Streit zwischen Bund und Ländern entbrannte, wer für die Kosten für den Fehlkauf tragen sollte.

Mit dem Ablauf des Verfallsdatums der Impfstoffe Ende 2011 vernichteten die Bundesländer etwa 12,7 Millionen Dosen Impfstoff in eigener Regie. Weitere 16 Millionen zentral gelagerte Dosen mussten verbrannt werden.

Deutschland war nicht das einzige Land, das aufgrund mangelnder Unterstützung seiner Impfkampagne gezwungen war, die erworbenen Impfstoffe zu vernichten. Frankreich entledigte sich im November 2010 der letzten H1N1-Impfstoffe: 19 Millionen Dosen, Gesamtkosten für Kauf und Vernichtung von ca. 400 Millionen Euro.

Frankreich wird immer als Beispiel für das durchschlagende Scheitern der Impfkampagne angeführt, weil es das Land war, das die meisten Impfstoffe in den Sand gesetzt hat, erklärt Daniel Jesús Catalán Matamoros vom der Fakultät für Journalismus und audiovisuelle Kommunikation an der Universität Carlos III in Madrid gegenüber Euronews. Weltweit trat ein gleiches Phänomen auf.

Die Vereinigten Staaten eliminierten 40 Millionen abgelaufene Dosen, ein Verlust im Wert von fast 260 Millionen Dollar (rund 211 Mio. Euro). Großbritannien blieb auf einer Reserve von 39 Millionen Dosen sitzen, nachdem nur etwa 5 Millionen Menschen geimpft worden waren. Italien bekam 10 Millionen Dosen geliefert, die für 184 Millionen Euro gekauft wurden, verimpfte aber gerade mal 865.000. Spaniens Regierung kaufte 13 Millionen Impf-Dosen und blieb auf etwas weniger als der Hälfte sitzen - 6 Millionen Impfdosen sollten für 42 Millionen Euro vernichtet werden.

Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2012 gehörte Europa zu den Regionen, in denen von den ursprünglich bestellten Impfdosen am wenigsten verwendet wurden, nämlich gerade mal 57 Prozent.

Ein Bericht der Europäischen Union zur Auswertung der Impfkampagne ergab, dass Skepsis gegenüber den Impfstoffen und mangelndes Interesse der Bevölkerung zu den Hauptgründen für das Scheitern der großangelegten Impfaktion gehörten. Hinzu kam auch der relativ milde Verlauf der Krankheit, der die Impfwilligkeit der Bevölkerung nicht erhöhte.

Mehr als ein Jahrzehnt später hat die Welt eine beispiellose Impfkampagne begonnen, um die Pandemie eines Virus' zu beenden, das ansteckender und gefährlicher ist als die Influenza A. Ein Virus, der sich in das Leben auf unserem Planeten in eine Weise eingemischt hat, die 2009 außerhalb von Science-Fiction-Geschichten nur schwer vorstellbar gewesen wäre.

Spanien hat den Kauf von mindestens 73,6 Millionen Dosen Impfstoff gegen COVID-19 genehmigt. Frankreich, eines der Länder, die dem Impfstoff gegen das neue Virus am skeptischsten gegenüberstehen, 200 Millionen. Beide Regierungen stehen wegen Verzögerungen beim Impfstart in der Kritik.

Liegt der Schatten der gescheiterten Impfkampagne gegen die "Schweinegrippe" über der aktuellen? Fürchten die Regierungen ein erneutes Scheitern? Werden erneut Impfdosen-Überschüsse vernichtet werden müssen, zu immensen Kosten?

Was war das Influenza-A-Virus H1N1 nochmal?

Die Influenza H1N1 ist ein Subtyp der Grippefamilie, wie die sogenannte Spanische Grippe, die die Pandemie von 1918 auslöste, erklären die Historikerinnen Laura und Maria Lara. "Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte die Influenza A im Juni 2009 zur Pandemie, die insgesamt 14 Monate andauerte, bis sie am 18. September 2010 für beendet erklärt wurde."

Die Historikerinnen erinnern sich, dass der Ursprung der H1N1-Infektion eine Variante des Stammes mit genetischem Material von einem Menschen, zwei Schweinen und einem Vogel stammte. "Der Punkt ist, dass eine Mutation Heterokontagie oder Leapfrogging zwischen den Arten ermöglichte, die vom Schwein zum Menschen übersprang und dann sich dann unter den Menschen verbreitete", fügen sie hinzu.

In den 14 Monaten, die die Pandemie andauerte, infizierten sich 14 Prozent der Bevölkerung, 500.000 Menschen starben, "in dramatischster Weise", sagen María und Laura Lara. Um es ins rechte Licht zu rücken: Etwa 10 Monate, nachdem die WHO die Coronavirus-Pandemie ausgerufen hat, liegt die Zahl der coronabedingten Todesfälle bei fast 2 Millionen. Die Zahl der bestätigten Infektionen (86 Millionen) entspricht weniger als 1,5 Prozent der Weltbevölkerung. Schätzungen der WHO zufolge könnten sich 10 Prozent der Weltbevölkerung mit der Krankheit angesteckt haben.

Die Pandemie, die keine war

Wie auch bei COVID-19 wurde schon bald nach Bekanntwerden der starken Verbreitung des Virus mit der Erforschung eines Impfstoffs gegen Influenza A begonnen. Haben 2020 Biontech/Pfizer den Meilenstein gesetzt, war es 2009 der Schweizer Pharmakonzern Novartis.

"Am 12. Juni 2009 wurde der Impfstoff vom Schweizer Pharmakonzern Novartis, der zusammen mit dem britischen Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline (GSK) die antivirale Lösung in der durch Influenza A verursachten Krisensituation vorantrieb, entwickelt", erklären die Historikerinnen Lara.

Die klinischen Studien begannen im Juli, ab August wurde der Impfstoff am Menschen getestet. "Da der Virusstamm im April bekannt war und der Impfstoff sich als wirksam erwiesen hatte, wurde schnell mit der Massenproduktion begonnen, um das Virus zu bekämpfen."

Die Historikerinnen Lara kommen zu dem Schluss, dass "die Pandemie im Gegensatz zu ihrer weiten Verbreitung eine geringe Sterblichkeitsrate" aufwies.

Tatsächlich war die Grippe aber ein Problem, und wenn mehr Menschen geimpft worden wären, hätte man mehr Leben retten können.
Adolfo García Sastre
Professor für Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital

"Viele Menschen dachten, dass Influenza A kein wirkliches Problem darstellte und man sich deshalb nicht impfen lassen müsse", sagt Adolfo Garcia Sastre, Professor für Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital.

"Tatsächlich war die Grippe aber ein Problem, und wenn mehr Menschen geimpft worden wären, hätte man mehr Leben retten können."

Das Echo des Scheiterns von 2009

Frankreich ist ein klares Beispiel dafür, dass das, was 2009 geschah, auch ein Jahrzehnt später noch nachwirkt. Experten sind sich einig, dass das "Trauma" der Schweinegrippe in der Vorsicht, mit der die Corona-Impfungen geplant wurden, sehr präsent war.

Die französische Regierung hat sich in ihrer eigenen Strategie zur "Schaffung von Vertrauen" verfangen, meint ein Artikel von Franceinfo.

Paris wollte keine "Impfzentren" eröffnen, aus Angst, diese leer zu sehen. Stattdessen wollte die Regierung Hausärzte einbeziehen - dass sie 2009 außen vor gelassen wurden, war einer der häufigsten Kritikpunkte - und zur "Sicherheit" der Patienten wurde ein komplexes Protokoll mit einem ersten Arztbesuch und einer viertägigen Bedenkzeit eingeführt.

Das Ergebnis ist, dass bis zum 5. Januar in dem 67-Millionen-Einwohner-Land nur 512 Impfungen gegen das Coronavirus gemeldet wurden. Angesichts der wachsenden Kritik am schlechten Anlauf der Impfkampagne versucht Paris nun, seine komplizierte Strategie zu revidieren.

Matamoros weist auf drei Faktoren im Fiasko der Influenza-A-Impfkampagne von 2009 hin: die Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen, schlechte Koordination und Fehlinformationen, die sogar viele Gesundheitsdienstleister dazu veranlasste, sich gegen eine Impfung zu entscheiden und sie ihren Patienten nicht zu empfehlen. "Am Ende blieben weltweit Millionen von Dosen übrig", sagt er.

Zu den Nebenwirkungen, die damals die meisten Schlagzeilen machten, gehörte die Narkolepsie.

"Ich erinnere mich lebhaft daran, dass wir alle im Flur aufgereiht waren und uns gesagt wurde, dass wir es tun müssen. Es gab keine Wahl." So erklärte eine britische Krankenschwester gegenüber Buzzfeed ihr traumatisches Erlebnis bei der H1N1-Impfung im Jahr 2009. Seitdem leidet sie nach eigenen Angaben an dieser chronischen Störung des Zentralnervensystems, die durch extreme Tagesmüdigkeit und plötzliche Schlafattacken gekennzeichnet ist.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC bestätigt ein erhöhtes Risiko für Narkolepsie nach der Impfung mit Pandemrix, einem monovalenten H1N1-Impfstoff aus dem Jahr 2009, der in mehreren europäischen Ländern während der Pandemie verwendet wurde.

Ein Team von Wissenschaftlern, darunter auch von der CDC, analysierte 2018 die Sicherheitsdaten der H1N1-Impfstoffe (arenaprix-AS03, Focetria-MF59 und Pandemrix-AS03) in 10 weltweiten Fallstudien und kam zu dem Schluss, dass sie keinen Zusammenhang zwischen den Impfstoffen und Narkolepsie feststellen konnten. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) entschied jedoch, die Zulassung für den Impfstoff Pandemrix zurückzuziehen, der ohnehin "nicht ausreichend nachgefragt" wurde, so das Fazit des Berichts.

Die Medien spielen eine wichtige Rolle, um die Impfraten zu erhöhen.
Daniel Jesús Catalán Matamoros
Fakultät für Journalismus und audiovisuelle Kommunikation, Universität Carlos III, Madrid

Eine Überbewertung der Nebenwirkungen eines Impfstoffs kann kontraproduktiv sein, wenn eine Herdenimmunität erreicht werden soll. Und die wäre zur Beendigung der Coronavirus-Pandemie erforderlich, Schätzungen zufolge liegt sie bei 70 bis 80 Prozent, erklärt Daniel Jesús Catalán Matamoros.

"Die Medien beginnen bereits, die 'wenigen' unerwünschten Wirkungen des COVID-19-Impfstoffs zu veröffentlichen. Diese Art der Medienberichterstattung erzeugt größere Angst und Besorgnis in der Öffentlichkeit", sagt der Forscher, Autor mehrerer Studien über den Einfluss der Medien auf die öffentliche Gesundheit. "Die Medien spielen eine wichtige Rolle, um die Impfraten zu erhöhen."

Impfen oder "neue Normalität" für immer?

"Mit COVID-19 ist das Problem viel größer als das, das die Influenza A verursacht hat", so Professor Garcia Sastre. Er hofft, dass das einen größeren Prozentsatz der Weltbevölkerung dazu ermutigen wird, sich impfen zu lassen. "Es gibt eine höhere Inzidenz von schweren Erkrankungen mit COVID-19 als mit Influenza A."

Er merkt jedoch an, dass zwei Gruppen zurückhaltend bleiben werden: zum einen Impfgegner - "diese Gruppe ist klein und unmöglich zu überzeugen, da sie keinen Pro-Impf-Argumenten zugänglich ist" - und diejenigen, die nicht zur Risikogruppe gehören und "die, wie bei der Influenza-A-Impfung, denken, dass es für sie nicht notwendig ist, geimpft zu werden."

Die Botschaft, die vermittelt werden muss, ist, dass Impfstoffe sicher sind und dass, je mehr Menschen geimpft werden, je weniger Menschen schwer erkranken werden.
Adolfo García Sastre
Professor für Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital

Diese zweite Gruppe ist beeinflussbar, prognostiziert García Sastre und pflichtet dem katalanischen Forscher Matamoros, was die Bedeutung der Medien angeht, bei:

"Die Botschaft, die vermittelt werden muss, ist, dass Impfstoffe sicher sind und dass, je mehr Menschen geimpft werden, je weniger Menschen schwer erkranken werden, und desto schneller können wir zu einem normalen Leben zurückkehren, von dem wir alle etwas haben."