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Mehr Fälle von Long Covid: "Als wäre ich um 30 Jahre gealtert"

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Eine Patientin am Strand nahe der Klinik in Heiligendamm
Eine Patientin am Strand nahe der Klinik in Heiligendamm   -   Copyright  Michael Sohn/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved
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Extreme Müdigkeit, Gedächtnislücken, Atemlosigkeit: Immer mehr Menschen leiden an den Spätfolgen von Covid-19. Die Symptome ähneln oft denen einer Demenz.

Jeder Zehnte hat Langzeitfolgen

Simone Ravera krempelt ihre Hose hoch, streift Schuhe und Socken ab und steigt dann vorsichtig in das kühle Wasser der Ostsee.

Hier findet die 50-jährige Krankenschwester langsam wieder zurück auf die Beine. Im vergangenen Herbst hatte sie sich auf der Arbeit mit dem Coronavirus angesteckt. Die Krankheit verlief recht mild. Die Symptome: Fieber, Magenbeschwerden und Übelkeit.

Nach fünf Tagen war das Schlimmste überstanden - dachte Ravera zumindest. Doch richtig fit wurde sie bis heute nicht - sie leidet noch immer an den Langzeitfolgen der Infektion, auch "Long Covid" genannt. Sie haben ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt.

Müde, unkonzentriert, atemlos: Jede und jeder Zehnte leidet - laut Schätzungen - an den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion.

"Man ist nicht mehr alltagstauglich"

"Man funktioniert nicht mehr normal, denkt nicht mehr normal, ist nicht alltagstauglich", erzählt Ravera. Man ist sich selbst fremd und depressiv verstimmt. Weil man weiß ja nicht: Hört das irgendwann auf? Das macht Angst."

In ihrer Verzweiflung hat sich die Patientin an die Reha-Klinik in Heiligendamm gewandt. Diese ist darauf spezialisiert, Menschen mit Lungenerkrankungen wie Asthma, chronischer Bronchitis und Krebs zu helfen.

Im vergangenen Jahr hat sie sich zu einem bedeutenden Rehabilitationszentrum für Covid-19-Patienten entwickelt. Mindestens 600 Menschen aus ganz Deutschland wurden hier seit Ausbruch der Pandemie behandelt.

Symptome ähneln einer Demenz

Einige der Patient:innen waren dem Tod nahe und müssen in Heiligendamm wieder lernen, richtig zu atmen, ihre Ausdauer wieder aufzubauen und eine Reihe neurologischer Problemen zu überwinden.

Doch viele hatten nur milde Erstsymptome und leiden jetzt trotzdem unter belastenden Spätfolgen, wie extremer Müdigkeit und Gedächtnislücken. "Das geht von Wortfindungsstörungen über Konzentrationsstörungen, aber auch hin zu Veränderungen, die der Demenz ähneln", erklärt die Chefärztin der Reha-Klinik Jördis Frommhold.

Es gebe Patientinnen, die früher als Krankenschwestern tätig waren und sich dann auf einmal in der überfluteten Küche wiedergefunden haben, weil sie vergessen hatten, den Wasserhahn überhaupt angestellt zu haben. "Oder Patienten, die ihr gebackenes Brot nach Tagen im Brotbackautomat wiederfinden. Und das sind junge Patienten, die sonst nie irgendwo neurologisch auffällig waren."

"Diejenigen, die sonst nie krank sind"

Die meisten sind zwischen 18 und 50 Jahre alt und haben keine Vorerkrankungen. "Das sind diejenigen, die normalerweise nie krank sind", sagt Frommhold.

In der Reha-Klinik in Heiligendamm können sie wieder Kraft tanken - und lernen, im Alltag mit den Symptomen umzugehen. Eine große Herausforderung, denn wirklich anerkannt wird das Problem von der Gesellschaft noch nicht.

"Viele von diesen Patientinnen und Patienten werden nicht ernstgenommen", sagt Frommhold. "Es gibt kaum Krankheitsakzeptanz für diese Form der Long-Covid-Symptome, sodass sie oft eine regelrechte Arzt-Odysée hinter sich haben."

"Um 30 Jahre gealtert"

So auch Heike Risch, Kindergärtnerin, 51 Jahre alt. Auch sie steckte sich bei der Arbeit an. Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus konnte sie kaum ohne Hilfe laufen. Bis heute fallen ihr kleinste Anstrengungen schwer - selbst das Zeit Ablesen auf der Armbanduhr.

"Ich hatte das Gefühl innerhalb von ganz kurzer Zeit um 30 Jahre gealtert zu sein", sagt Risch. "Man kann seinem eigenen Körper nicht mehr trauen. Man kann seinem eigenen Kopf nicht mehr trauen. Und dann ist die Frage, wie groß ist nachher das Verständnis, wenn ich wieder nach Hause komme."

Trotzdem hofft sie, eines Tages wieder arbeiten zu können. Sie arbeite gern mit den Kindern, habe in ihrem Job aber eine große Verantwortung. "Ich muss oft mehrere Dinge gleichzeitig tun." Momentan scheint ihr das unmöglich.

"Die Krankheit kommt in Wellen"

Auch Simone Ravera kann sich nur schwer vorstellen, wieder in den Schichtdienst am Krankenhaus zurückzukehren. Sie wisse nicht, wann sie wieder ganz gesund sei. "Die Krankheit kommt in Wellen."

Stattdessen überlegt Ravera, das, was sie in der Reha gelernt hat, zu nutzen, um anderen zu helfen, die an den Covid-Spätfolgen leiden. "Es ist ein bisschen wie eine Reise ins Ungewisse", sagt die 50-Jährige.

Mehr Verständnis, Aufklärung und Geld für die Erforschung der Covid-Langzeitfolgen: Das fordern in Heiligendamm Patient:innen wie Ärzt:innen. Ignorieren dürfe man sie Symptome auf keinen Fall. Sonst drohten bleibende Schäden und Arbeitsunfähigkeit.