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So schlimm ist LongCovid: Sportliche Natalie (23) sitzt jetzt im Rollstuhl

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Von Kirsten Ripper  & Euronews
Natalie schildet LongCovid in den sozialen Medien
Natalie schildet LongCovid in den sozialen Medien   -   Copyright  @Orienskii

Natalie ist 23 und sehr sportlich. Sie kommt aus Wien und war Cheerleaderin - bis sie Ende März 2021 an Covid-19 erkrankte. Auf einem Foto aus alten Tagen ist sie Teil einer Pyramide aus jungen Leuten. Jetzt muss die angehende Biologie-Studentin oft im Rollstuhl sitzen, weil Long Covid ihr Leben neun Monate nach der Ansteckung mit dem Coronavirus weiter massiv einschränkt.

Vier Tage nach dem positiven Coronatest begannen die Symptome, Nathalie berichtet: "Am 25. März verlor ich meinen Geschmacks- und Geruchsinn, und meine Zunge wurde taub. Da war Covid schon im Nervensystem, nur ich wusste es nicht. Am nächsten Tag hatte ich zum ersten Mal eine Tachykardie-Episode - das ist Herzrasen - und eine Herzfrequenz bis zu 150bpm. Die Ärzte meinten, das Virus war zu viel für mich und ich muss mich jetzt bitte streng schonen, damit es nicht chronisch wird."

Im Juni wurde ich rollstuhlpflichtig, weil ich bis zu 10. Ohnmachtsanfälle am Tag hatte, regelmäßige Schwächeanfälle.
Natalie aus Wien
Sie leidet unter Long Covid

Als die akute Infektion eigentlich vorbei war, verschlechterte sich Natalies Gesundheitszustand weiter. "Ich hatte plötzlich Migräne-Attacken, vertrug kein Sonnenlicht, konnte nur noch im Dunkeln liegen. Noch dazu bekam ich plötzlich Tremore - starke, krampfartige unwillkürliche Muskelzuckungen - in der Hand und mein Blutzucker spielte verrückt! Es war ein Ärzte-Marathon bis zur Diagnose und mir ging’s immer schlechter. Im Juni wurde ich rollstuhlpflichtig, weil ich bis zu 10. Ohnmachtsanfälle am Tag hatte, regelmäßige Schwächeanfälle."

Auf Twitter und Instagram teilt Natalie ihre Erfahrungen mit anderen Betroffenen und Nicht-Betroffenen. Auf ihren Videos ist zu sehen, wie die Herzfrequenz dramatisch ansteigt - bloss weil sie aufgestanden ist. Dann muss sich die 23-Jährige schnell wieder hinlegen.

"Belastungsintoleranz ist ein Hauptsymptom der Erkrankung"

Auch die Ärztin Claudia Ellert leidet an Long Covid. Sie ist Gefäßchirurgin an den Lahn-Dill-Kliniken, doch wegen Long Covid kann sie nicht wirklich arbeiten. Im Gespräch mit Focus sagt sie: "Die sogenannte Belastungsintoleranz ist ein Hauptsymptom der Erkrankung. Also die Unverträglichkeit gegenüber körperlicher oder geistiger Belastung. Der überwiegende Teil der Patienten macht damit tagtäglich Erfahrung, ein Zuviel an Belastung löst immer wieder Symptome aus. Der typische Long-Covid-Patient ist nicht etwa jemand, der sagt: Ich bleibe liegen, ich will nicht los, ich habe keine Lust. Ganz im Gegenteil. Er geht immer wieder los, versucht es unermüdlich. Und er wird jedes Mal wieder enttäuscht, weil er sich über seine aktuellen Grenzen hinaus belastet und regelmäßig Rückschläge einstecken und ertragen lernen muss."

Zu ihren eigenen Problemen erklärt die Ärztin: "Als Gefäßchirurgin arbeite ich unter anderem mit der Lupenbrille, muss bei Operationen sehr viele ziemlich diffizile Sachen machen. Typisch für den Alltag in einer Akutklinik ist außerdem, dass man viele Informationen zeitgleich aufnehmen und bearbeiten muss. Beides, die Informationsaufnahme und das diffizile Vorgehen bei den OPs, war mir nicht mehr möglich. Und auch das ist typisch. Aus Studien und Patientenschilderungen wissen wir, dass die Einschränkung der neurokognitiven Fähigkeiten das größte Problem bei Long-Covid ist."

Und wie Natalie ist Claudia Ellert auf Twitter aktiv - auch in der Selbsthilfegruppe "Long Covid Deutschland". Diese fordert von der Regierung in Berlin, dass sie mehr für Menschen mit LongCovid tut und teilt wichtige Informationen. 

Die Medizinerin hat Zahlen zu LongCovid in Deutschland zusammengetragen - nämlich dass 10 Prozent der an Covid-19-Erkrankten unter Long Covid leiden. Etwa die Hälfte davon sind laut Ellert nicht voll berufsfähig - und in 80 Prozent der Fälle leiden die Betroffenen mehr als ein Jahr lang, ohne dass sich ihr Gesundheitszustand verbessert.

Fehlende Arbeitskräfte wegen Long Covid

In den USA sind offenbar so viele Menschen von den Folgen einer Covid-19-Erkrankung betroffen, dass sich nicht nur Krankenhäuser und Reha-Einrichtungen anpassen sollten. Die Expertin Katie Bach kommt in einer Brookings-Studie zu dem Ergebnis, dass Long Covid für den Arbeitskräftemangel in den USA mit verantwortlich ist.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC gibt an, dass zwischen 27 Prozent und 33 Prozent auch Monate nach ihrer Covid-19-Erkrankung noch unter den Folgen leiden. Allerdings wird auch in den USA nicht erfasst, wie viele Beschäftigte nach einer Infektion mit dem Coronavirus monatelang krankgeschrieben sind.