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Bulgarien: Selbst Ärzte sind gegenüber Corona-Impfungen skeptisch

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Von Milla Ivanowa
Eine Rentnerin eines Altenheims in Sofia wartet auf ihre bevorstehende Corona-Impfung, 27.01.2021
Eine Rentnerin eines Altenheims in Sofia wartet auf ihre bevorstehende Corona-Impfung, 27.01.2021   -   Copyright  AP Photo
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Als Plamen Radomirsky, 68, Anfang des Jahres in Kanada seine erste COVID-Impfdosis erhielt, war er schockiert, als ihm gesagt wurde, dass er zwei Monate auf die zweite Impfung warten müsse. Um sicherzugehen, dass er zu 100 % geschützt war, setzte er sich in ein Flugzeug nach Bulgarien.

Nach zehn Minuten Schlange stehen in einem Impfzentrum in Sofia, so Radomirsky, hatte er seine zweite Dosis erhalten.

"Die Gerüchte, dass ältere Menschen in Bulgarien nicht geimpft werden konnten, sind nicht wahr", sagte er geegnüber Euronews.

"Wie Sie sehen, war es schnell, einfach und gut organisiert. Kanadas Strategie ist es, so viele Menschen wie möglich mit der ersten Dosis zu immunisieren und das verlängert den ganzen Prozess", sagte er.

Milla Ivanova
Plamen Radomirsky kam aus Kanada für seine zweite Corona-ImpfungMilla Ivanova

Die Statistik könnte jedoch etwas anderes vermuten lassen.

Skepsis gegenüber Impfstoffen als Grund für schlechte Impfquote

Nur 6 Prozent der über 80-Jährigen in Bulgarien haben beide Impfdosen erhalten, wie aus den Daten des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hervorgeht. In den Altersgruppen der 60-69-Jährigen und der 70-79-Jährigen sind es etwa 10 Prozent. Wenn es um Impfquoten geht, kommt das kleine südosteuropäische Land schlecht weg. Gerade einmal 13,5 Prozent der Bevölkerung sind geimpft.

Experten zufolge liegt der Hauptgrund in der Skepsis gegenüber Impfstoffen, besonders bei älteren und konservativeren Menschen: "Die Bulgaren sind sehr konservativ, und ältere Menschen sind noch schlimmer. Die meisten sind nicht gebildet und es ist schwer für sie, den Wert des Impfstoffs zu verstehen", sagt Tihomir Bezlov, Analyst am Center for the Study of Democracy (CSD) in Sofia.

Bezlov hat als Impfbefürworter versucht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Er hat sich freiwillig sowohl mit dem Pfizer- als auch mit AstraZeneca impfen lassen, nur um zu beweisen, dass beide effizient und sicher sind.

Regierung schuld an Impfskepsis`?

Ein Mangel an Impfstoffen hat ebenfalls eine Rolle gespielt - Bulgarien hat nur ein Fünftel der 500.000 Dosen von AstraZeneca erhalten, die es im Dezember 2020 bestellt hat - Bezlov macht die Regierung dafür verantwortlich, nicht genug für die Impfkampagne zu werben.

Gerade im Vorfeld zu den bulgarischen Wahlen im April war das Thema problematisch, da die Politiker nicht bereit waren, sich öffentlich für etwas stark zu machen, das die Wähler:innen spaltete.

"Das Fehlen einer einheitlichen, soliden, politischen Botschaft für den Nutzen der Impfung zog diesen negativen Effekt nach sich", so Bezlov.

Die jüngste Initiative, "grüne Korridore" zu schaffen, in denen Menschen unabhängig ihrer Altersgruppe impfen lassen können, sei ein Schritt nach vorn und habe im letzten Monat zu einem Anstieg der Impfungen geführt.

"Den Glauben verloren"

Doch in Bulgarien haben selbst Ärzt:innen Mühe, ältere Menschen zum Impfen zu überreden.

"Es ist harte Arbeit, Menschen davon zu überzeugen. Selbst diejenigen, die sich für eine Impfung entscheiden, kommen nicht zum vereinbarten Termin. Andere infizieren sich in der Zwischenzeit und verlieren ihren Glauben", sagt Allgemeinmedizinerin Maria Vlahova gegenüber Euronews.

Der gesamte Prozess ist nicht hilfreich, so Vlahova. So gäbe es ernste Mängel, wenn es um die Verteilung und Lagerung von Impfstoffen geht. Ärzte erhalten pro Tag 20 Dosen, die in Kühlboxen aufbewahrt werden müssen. Es wird zudem von ihnen erwartet, dass sie die Termine derjenigen, die sich impfen lassen wollen, organisieren.

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Menschen warten vor einem Corona-ImpfzentrumMilla Ivanova

Von ihnen wird erwartet, dass sie diese Impfaktionen zusätzlich zur Behandlung der regulären Patient:innen organisieren und diejenigen, die zur Impfung in die Kliniken kommen, müssen von Kranken in sicherem Abstand gehalten werden. Im Gegenzug erhalten sie für jede zweite Impfung, die sie verabreichen, einen symbolischen Betrag von 5 Euro.

Impfskepis auch bei Ärzt:innen

Vlahova, die seit 42 Jahren Ärztin ist, ist selbst skeptisch. Von ihren 2.000 Patient:innen seien nur sieben an COVID-19 gestorben, sagt sie, eine Rate von nur 0,35 Prozent. Sie hält die Pandemie daher für weniger gefährlich als Herzinfarkte oder Krebserkrankungen. Und ihre Patient:innen neigen dazu, ihr zuzustimmen.

"Als Ärztin muss ich die Interessen meiner Patient:innen schützen, und ich kann niemandem garantieren, dass es ihnen nach der Impfung nicht schlechter geht oder sie keine neuen Krankheiten entwickeln", sagt sie.

"Die meisten meiner Patienten sind ältere Menschen mit vielen chronischen Krankheiten. Ich habe keine Informationen von den Pharmafirmen, welche Nebenwirkungen zu erwarten sind."

Sie fügt hinzu, dass viele ihrer Patient:innen sie fragten, wie es möglich sei, dass die Pharmafirmen eine Impfung gegen COVID-19 und nicht gegen Krebs entwickelt haben.

Vielleicht ist es diese Skepsis der Ärzt:innen, die - neben den langen Wartezeiten -, erklärt, warum sich täglich mehr als 1.000 Bulgar:innen auf den "grünen Korridoren" impfen lassen, anstatt bei ihrem Hausarzt. Die Regierung strebt an, dass bis zum Ende des Sommers 70 Prozent der Bulgar:innen geimpft sind.

Der Traum, der zunehmend in weite Ferne rückt, war, dass mit fortschreitender Impfkampagne die Tourismussaison hätte gerettet werden können:

"Es gab Hoffnungen, dass die neue Sommertouristensaison hätte besser ausfallen können als 2020, aber mit diesem Tempo der Impfungen ist das eine Fantasie", sagte er.

Doch während die Rettung der bulgarischen Tourismusindustrie zunehmend unwahrscheinlicher wird, hilft es zumindest Bulgaren wie Plamen Radomirsky, bewaffnet mit seinem grünen Impfpass, wie gewohnt zu reisen.