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António Guterres: "Wir tun noch nicht genug für erneuerbare Energien"

Von Stefan Grobe  & Sabine Sans
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António Guterres: "Wir tun noch nicht genug für erneuerbare Energien"
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Die Pandemie, Klima, Migration - das sind einige der Top-Themen, die der UN-Generalsekretär mit den EU-Staats- und Regierungschefs beim Europäischen Rat in Brüssel besprochen hat. Themen, die uns vereinen, aber manchmal auch trennen können. Auf jeden Fall gibt es eine echte Partnerschaft zwischen der Europäischen Union und den Vereinten Nationen.

Euronews-Reporter Stefan Grobe:

Bei mir in The Global Conversation ist der Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres. Vielen Dank, Herr Guterres, dass Sie unser Gast sind. Vor ein paar Tagen wurden Sie in New York für eine zweite fünfjährige Amtszeit gewählt. Das bedeutet im Grunde zwei Dinge: Erstens, dass man mit Ihrer Arbeit zufrieden ist, und zweitens, dass Sie den Job mögen. Was wird der Schwerpunkt Ihrer zweiten Amtszeit sein?

António Guterres:

Mein Hauptfokus wird voraussichtlich auf dem Folgenden liegen: Wir erleben eine enorme Fragilität von Gesellschaften und des Planeten aufgrund der Pandemie, des Klimas und der Gesetzlosigkeit im Cyberspace. Es gibt die Risiken einer nuklearen Wiederaufrüstung. Wir brauchen mehr internationale Zusammenarbeit und mehr multilaterale Ansätze, um diesen Problemen zu begegnen. Aber dafür müssen wir unser multilaterales System stärken und wir müssen sicherstellen, dass wir für einige globale Gemeingüter - das Klima ist ein gutes Beispiel, ein anderes ist die Gesundheit samt der Pandemievorsorge - die multilateralen Governance-Mechanismen stärken. Schauen Sie sich die WHO an.

Gerechtere Impfstoff-Verteilung

Euronews:

Die größte Herausforderung für die gesamte Menschheit ist derzeit die Pandemie. Vor dem Europäischen Parlament haben Sie gesagt, dass die Situation sich sowohl in die eine als auch die andere Richtung entwickeln kann, Zusammenbruch oder Durchbruch. Was haben Sie damit gemeint?

António Guterres:

Ganz einfach, wenn wir es nicht schaffen, jeden überall eher früher als später zu impfen, und wenn das Virus mutiert, könnte eine Mutation zu einem bestimmten Zeitpunkt Impfstoffe wirkungslos machen. Wenn wir die enorme Ungleichheit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern in den Wiederaufbauprojekten beibehalten, riskieren wir einen Zusammenbruch vieler Aspekte der Weltwirtschaft. Sind wir dagegen in der Lage, alle überall zu impfen und das Virus zu besiegen und gleichzeitig die Probleme der Verschuldung, der Liquidität der Entwicklungsländer anzugehen und zu garantieren, dass auch die Entwicklungsländer sich von der Pandemie erholen können, könnten wir einen Durchbruch schaffen.

Euronews:

Es gibt riesige Lücken in der Gesundheitsversorgung, im sozialen Schutz. Aber das Dringendste ist und Sie haben es erwähnt, die Ungleichheit bei der Impfstoffverteilung. Was können wir besser machen? Sie sprachen von einem globalen Plan, aber das hier ist dringend, akut.

António Guterres:

Wir müssen die Produktionskapazitäten für Impfstoffe verdoppeln und wir müssen eine gerechte Verteilung der Impfstoffe sicherstellen. Deshalb habe ich zum Beispiel auf der Ebene der G20 vorgeschlagen, dass alle wichtigen Länder eine Notfall-Task-Force der Regierungen, der Länder bilden, die Impfstoffe produzieren oder produzieren können. Wenn es genug technologische Unterstützung gibt, wenn Lizenzen zur Verfügung gestellt werden und die Lieferketten eingerichtet werden, um diese Produktionskapazität zu verdoppeln, und wir mit der Pharmaindustrie verhandeln, um sicherzustellen, dass das alles passiert und wir gleichzeitig Covax für eine gerechte Impfstoffverteilung überall nutzen.

EU-Klimaziele sind auf einem guten Weg, die Umsetzung hapert

Euronews:

Eine weitere globale Fragilität ist das Klima. Sie haben die Europäische Union für ihren Grünen Deal gelobt. Kritikern zufolge ist das nicht genug. Es ist zu wenig und zu spät. Was sagen Sie dazu?

"Die Ziele sind in Ordnung, wir müssen sicherstellen, dass die Politik umgesetzt wird, garantieren, dass diese Ziele erreicht werden."
António Guterres
UN-Generalsekretär

António Guterres:

In puncto Ziele ist Europa auf einem guten Weg. Was wir jetzt brauchen, ist die Politik und die Maßnahmen, um diese Ziele umzusetzen. Und da gibt es einen Problembereich: Die Konjunkturpakete, die in Europa und überall umgesetzt werden, stecken immer noch viel Geld in fossile Brennstoffe, tun immer noch nicht genug für erneuerbare Energien. Wir sind noch nicht in der Lage, die Besteuerung von Einkommen auf Kohlenstoff zu verlagern. Wir sind noch nicht in der Lage, auch wenn Europa ankündigt, dass es nicht mehr Kohlekraftwerke in der Welt finanzieren wird, aber es werden immer noch Kohlekraftwerke in verschiedenen Teilen der Welt gebaut. Die Ziele sind in Ordnung, wir müssen sicherstellen, dass die Politik umgesetzt wird, garantieren, dass diese Ziele erreicht werden. Und wir müssen alles tun, damit der Rest der Welt das Gleiche tut.

Euronews:

Ein weiteres Thema, dem Sie während Ihrer gesamten Karriere viel Energie gewidmet haben, ist die Notlage der Flüchtlinge. Die Pandemie hat die Situation der Migranten verschlimmert. Haben Sie in Ihren Gesprächen mit den EU-Staats- und Regierungschefs den Eindruck gewonnen, dass das ein Thema ist, das in Zukunft angemessen angegangen werden wird?

António Guterres:

Da liegt noch ein langer Weg vor uns. Aber eine Sache ist für mich offensichtlich: Wenn Sie eine Europäische Union haben, in der der Handel frei ist, in der ich von Brüssel nach Kopenhagen oder von Brüssel nach Lissabon reisen kann, ohne, dass ich meinen Pass oder irgendetwas anderes vorzeigen muss, die gleiche Währung gilt, dann ist klar, dass es nicht möglich ist, dass sich die Länder einzeln für sich allein mit Asyl und mit Migration beschäftigen. Wir brauchen einen europäischen Ansatz für Asyl und Migration. Sonst wird es der Wettbewerb zwischen den Ländern unmöglich machen, das zu bewältigen. Und wenn es keinen europäischen Ansatz für Einwanderung und Asyl gibt, und wenn es keine effektive Zusammenarbeit zwischen Europa und den Herkunfts- und Zielländern gibt, werden diese Ströme weiterhin von Schmugglern und Menschenhändlern gesteuert werden.

Europäische Union und Vereinte Nationen: Gemeinsam gegen Gewalt gegen Frauen

Euronews:

Sprechen wir über ein Programm, bei dem die Europäische Union der wichtigste Partner der Vereinten Nationen ist, die Spotlight-Initiative gegen Gewalt gegen Frauen. Es ist ein relativ neues Programm. Können Sie es vorstellen?

António Guterres:

Zunächst einmal ist es wichtig zu sagen, dass jeder vierte Euro, der von der UNO ausgegeben wird, von europäischen Steuerzahlern kommt. Dafür möchte ich mich bedanken. Und Europa, das Team Europa ist heute der größte Geber von humanitärer Hilfe und Entwicklungshilfe. Die Europäische Union unterstützt finanziell ein Programm, das von der UNO geleitet wird, die Spotlight-Initiative, die, wie Sie erwähnten, Gewalt gegen Frauen und Mädchen bekämpfen soll. Und dieses Programm ist bei weitem das größte Programm der Welt mit diesen Zielen. Nur um Ihnen ein Beispiel zu geben: Dank dieses Programms wurden 650.000 weibliche Opfer auf der ganzen Welt unterstützt. Vierundachtzig neue Gesetze sind in verschiedenen Ländern erlassen worden, um Frauen und Mädchen vor Gewalt zu schützen. Und wenn man sich die Zahl der Verurteilungen von Tätern anschaut, gibt es eine Steigerung von 22 Prozent. D.h.das Programm deckt alles ab: die Unterstützung von Opfern, die Verbesserung der Gesetzgebung, die Zusammenarbeit mit der Justiz, mit der Polizei und gleichzeitig die Sensibilisierung vor allem von Männern und Jungen, um sicherzustellen, dass sie Männlichkeit richtig verstehen. Es handelt sich also um ein breites Spektrum von Initiativen, die in einer Zeit, in der die Gewalt gegen Frauen und Mädchen leider zunimmt, sehr effektiv sind.