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Emmanuel Carrère: "Eine kollektive Erzählung aus den Anschlägen schaffen"

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Von Maxime Biosse Duplan  & Sabine Sans
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Emmanuel Carrère: "Eine kollektive Erzählung aus den Anschlägen schaffen"
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Emmanuel Carrère, Schriftsteller, Drehbuchautor und Produzent sowie seit jüngstem Gerichtsreporter, hat gerade den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur erhalten. Euronews traf ihn anlässlich der Preisverleihung im spanischen Oviedo zum Exklusiv-Interview. Der Zeitzeuge und Autor von Tatsachenromanen spricht über den Pariser Prozess zu der Anschlagsserie im November 2015.

Euronews-Reporter Maxime Biosse Duplan:

In Ihrem neuesten Buch "Yoga" geht es auch um die Anschläge auf Charlie Hebdo. Sie tauchen plötzlich in der Geschichte auf. Vielleicht haben Sie auch an den Gedenkfeiern für Samuel Paty teilgenommen oder sie zumindest verfolgt, dem Lehrer, der ermordet wurde, weil er im Unterricht über Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Wie lässt sich die unantastbare Meinungsfreiheit mit der notwendigen Religionsfreiheit vereinbaren, einer weiteren Freiheit? Darf man eine Religion kritisieren? Ist es möglich, zu lästern, ohne andere zu beleidigen?

Emmanuel Carrère:

Das sind große Fragen. Natürlich ist das Recht auf Gotteslästerung Teil unserer republikanischen Tradition, und zwar auch der vorrepublikanischen Tradition. Es gibt Blasphemie bereits bei Voltaire. Ich neige dazu, sie als unabdingbar zu betrachten. Das Risiko, Menschen damit zu beleidigen, gehört dazu. Man könnte natürlich sagen, dass wir die Meinungsfreiheit respektieren und gleichzeitig auf die Gefühle anderer Rücksicht nehmen müssen, aber trotz allem bevorzuge ich zwischen den beiden die Gedanken- und Meinungsfreiheit. Ich kann Ihnen darauf keine klare Antwort geben, aber trotz allem bin ich eher auf der Seite der Meinungsfreiheit um jeden Preis.

Wird aus der Prozessbeobachtung ein Buch?

Euronews:

Sie verfolgen den Prozess über die Anschläge vom November 2015 als Kolumnist für eine französische Wochenzeitung. Wird das das Thema Ihres nächsten Buches? Wenn ja, wissen Sie schon, wie es aussehen wird? Würden Sie es wagen, Fiktion oder sogar Autofiktion, wie in Ihren früheren Büchern, mit der harten Realität der Bataclan-Anschläge zu vermischen, die zu einer nationalen Wunde geworden sind? Könnten Sie sich dieses Thema zu eigen machen?

Emmanuel Carrère:

Ich bin mir nicht sicher, ob aus dieser Arbeit am Ende ein Buch wird, aber es ist möglich, denn ich habe es bereits im Hinterkopf. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie das aussehen könnte, weil wir noch ganz am Anfang stehen, es ist ein bisschen verfrüht, das jetzt zu diskutieren... Dem noch etwas hinzuzufügen, Fiktion oder Doku-Fiktion wäre nicht... In Wirklichkeit habe ich so etwas noch nie gemacht! Als ich zum Beispiel "Der Widersacher" schrieb, gab es überhaupt keine Fiktion!

Der 64-jährige Emmanuel Carrère veröffentlichte seit den frühen 1980er Jahren rund ein Dutzend Bücher und begründete mit "Der Widersacher" in Frankreich das Genre des Tatsachenromans. Carrère ist der Sohn von Louis Carrère und der französischen Historikerin Hélène Carrère d'Encausse. Die Cousine seiner Mutter ist die französisch-georgische Politikerin und frühere Außenministerin Georgiens Salome Surabischwili. Ferner war er Drehbuchautor und Produzent einer Reihe von Filmen für Kino und Fernsehen. 2010 war er Jurymitglied bei der Auswahl der Spielfilme bei den 63. Filmfestspielen von Cannes und 2015 Jurymitglied bei den 72. Internationalen Filmfestspiele von Venedig.

Euronews:

Was haben Sie aus diesem ersten Monat des Prozesses mitgenommen, welchen Eindruck haben Sie?

Emmanuel Carrère:

Was gerade zu Ende geht, ist ein ganz bestimmter Zeitraum, eine Sequenz, nämlich die der Zeugenaussagen der Zivilparteien, wie es formal heißt, d.h. der Überlebenden, der Familien der Opfer. All das ist von extremer emotionaler Intensität, was bedeutet, dass wir alle, alle Menschen, die den Prozess verfolgen, erschöpft sind, nach Hause gehen, Weinkrämpfe haben, es ist etwas Schreckliches, was wir erleben. Aber es ist nicht nur eine schreckliche Sache. Wir werden auch Zeuge von außergewöhnlichen und bewundernswerten menschlichen Momenten. Und jetzt, ab Ende nächster oder übernächster Woche, werden wir auf die Seite der Angeklagten wechseln, zur Befragung der Angeklagten. Wir werden also in eine ganz andere Dimension des Prozesses eintreten. Es ist sehr überraschend, dass es einen Prozess wie diesen gibt, man hat den Eindruck, dass über 9 Monate versucht wird, in alle Richtungen und aus allen Blickwinkeln aufzuklären, was in wenigen Stunden in der Nacht des 13. November passiert ist. Es ist etwas, das emotional sehr anstrengend, aber auch immer wieder spannend ist.

Was kann dieser Prozess bewirken?

Euronews:

Und was erwarten Sie von diesem Prozess, wenn überhaupt?

Emmanuel Carrère:

Es ist schon komisch, denn die Frage, die Sie stellen, wird allen der aussagenden Zivilparteien gestellt. Am Ende beantworten alle die Frage: "Was erwarten Sie von dem Prozess?" Die Antworten, auch meine, lauten, dass der Gerechtigkeit Genüge getan werden muss, d. h. die Strafen müssen in einem angemessenen Verhältnis zu den begangenen Taten stehen. Die Personen, die vor den Richtern stehen, sind ja nicht die, die die Morde tatsächlich begangen haben. Das entlastet sie keineswegs, aber sie sind nicht die Mörder, denn diese sind alle tot.

Es bedeutet auch, dass die Gerechtigkeit nach den Normen des Gesetzes erfolgen muss. So als ob die Ehre dieses Prozesses darin besteht, dafür zu sorgen, dass er gut verläuft, dass die Angeklagten verteidigt werden, dass sie gut verteidigt werden... Alle fordern das, auch die Menschen, die am meisten gelitten haben. Es besteht auch der Wunsch, die Dinge ein wenig besser zu verstehen, um weitere Angriffe zu verhindern. Ich glaube nur halb, dass das möglich ist. Einige Leute sagen, und das ist vielleicht das, was mir am meisten im Gedächtnis geblieben ist, dass sie eine Art kollektive Erzählung dieses Ereignisses schaffen wollen. Aber vielleicht ist das eine Art berufliche Deformation von mir.

Euronews:Ja, das ist der Standpunkt des Schriftstellers.**

Emmanuel Carrère:

Ja, aber das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch die vieler Menschen, die hier aussagen. Das ist für sie einer der wichtigsten Aspekte ...

Euronews: Zu erzählen...

Emmanuel Carrère:

Ja, denn jeder hat bisher seine eigene Geschichte, und es ist sehr wichtig und sehr wertvoll, all die anderen Geschichten zu hören. Ich meine, es ist nicht nur meine berufliche Deformation, die diese Dimension so wichtig macht.

Der Weg ist das Ziel

Euronews:

Letzte Frage: Laotse sagt: "Das Ziel ist nicht das Ziel, der Weg ist das Ziel". Ich denke, Sie kennen dieses Zitat.

Emmanuel Carrère:Ja, und ich stimme ihm voll und ganz zu.

Euronews:Wohin führt Sie ihr Weg? Schwierige Frage!

Emmanuel Carrère:

Sagen wir mal, ich laufe noch und stolpere und humple, das ist unser aller Schicksal... Diese Frage bringt uns zum Anfang dieses Gesprächs zurück, zu dem Wunsch, die Dinge ein wenig besser zu machen und dadurch auch die kleinen Dinge um uns herum zu verbessern. Es ist ein ebenso bescheidenes wie gewaltiges Ziel.