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Macht eine allgemeine Impfpflicht wirklich Sinn?

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Von Alice Tidey
Krankenschwester in Rom zieht eine Moderna-Impfung auf, 10.12.2021
Krankenschwester in Rom zieht eine Moderna-Impfung auf, 10.12.2021   -   Copyright  AP/Alessandra Tarantino

Obwohl die Länder Westeuropas eine der höchsten Impfquoten der Welt aufweisen, gibt es Bestrebungen, die letzten Impfverweigerer zu überzeugen. Einige Länder setzen auf auf Impfpässe, ohne die eine Teilnahme am sozialen Leben quasi unmöglich ist, während andere eine Impfpflicht diskutieren.

In Österreich werden Corona-Impfungen ab dem 1. Februar zur Pflicht, unabhängig von Alter oder Berufstätigkeit. In Griechenland und Italien müssen sich Menschen über 60, beziehungsweise 50 Jahren impfen lassen, sonst drohen Geldstrafen.

Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz sprach sich am vergangenen Mittwoch für eine Impfpflicht in Deutschland aus, über die der Bundestag noch in diesem Monat beraten wird. Gegenwärtig gibt es Einschränkungen für Ungeimpfte, wobei mindestens der Nachweis über die Impfungen oder über die erfolgte Genesung erforderlich ist, um Bars, Restaurants und die meisten Kultur- und Freizeiteinrichtungen zu betreten. Frankreich, wo es bereits einen "Gesundheitspass" gibt, wird diesen - ähnlich wie in Deutschland - in einen Impfpass umwandeln.

Wissenschaftler:innen sind jedoch besorgt über die Auswirkungen, die solche Maßnahmen haben könnten.

"Wenn man die Vorschriften zu streng macht, dann werden die wirklichen Impfgegner:innen, die eine Minderheit sind, resistenter", meint Julia van Weert, Professorin an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Universität Amsterdam, gegenüber Euronews.

"Und ich denke, das ist die Gefahr auf lange Sicht", fügt sie hinzu, "es wird die Gesellschaft spalten und langfristig kann es auch bei anderen Themen zu größeren Auseinandersetzungen und stärkerer Polarisierung kommen."

Ungeimpfte "nerven"

Die bevorstehende Gesetzesänderung in Frankreich - wo etwa 75 % der Erwachsenen vollständig geimpdt sind, hat die Menschen auf die Straße getrieben. Mehr als 105-000 Menschen demonstrierten am Sonntag landesweit gegen die Einführung des Impfpasses - viermal mehr als am 18. Dezember.

Präsident Emmanuel Macron könnte seinen Teil dazu beigetragen haben. Anfang des Monats hatte er erklärt: "Die Ungeimpften, die möchte ich wirklich nerven".

Expert:innen warnen, dass diese Art der Sprache kontraproduktiv sein könnte.

Professor Martyn Pickersgill, der den Lehrstuhl für Wissenschafts- und Medizinsoziologie an der Universität Edinburgh innehat, erklärt gegenüber Euronews, er sei "besorgt, dass Macrons Kommentar das Risiko birgt, das Misstrauen und die Abneigung gegenüber öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen zu verstärken, anstatt die Menschen zu motivieren, sich für Impfungen zu engagieren".

Dabei könnte Macron darauf pochen, dass die Strategie der französischen Regierung bisher durchaus erfolgreich gewesen ist. Die Menschen haben sich impfen lassen, da die Strategie die Impfung für Angestellte in Gesundheitsberufen obligatorisch machte und den COVID-Gesundheitspass einführte, der bescheinigt, dass sein Inhaber entweder vollständig geimpft wurde, von der Krankheit genesen ist oder erst kürzlich negativ getestet wurde. Diese Strategie ist nach Ansicht von Paris der Grund dafür, dass das Gesundheitssystem in letzter Zeit eine noch nie dagewesene Welle von Infektionen bewältigen konnte.

Vertrauen in neue Impfstoffe?

Corona-Ausweise gelten weithin als erfolgreich, wenn es darum geht, Menschen zur Impfung zu bewegen. Eine im Dezember in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancetveröffentlichte Studie, die die Auswirkungen des Corona-Passes in Dänemark, Israel, Italien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz untersuchte, ergab, dass 20 Tage vor der Einführung des Passes die Zahl der Impfungen anstieg und dieser Effekt bis zu 40 Tage danach anhielt.

Doch trotz der Einschränkungen im täglichen Leben entscheiden sich immer noch viele Menschen dafür, auf Impfungen zu verzichten. Laut einem im Mai 2021 veröffentlichten EU-Barometer sind die Hauptgründe für die Zurückweisung einer Impfung gegen COVID-19 die Überzeugung, dass die Impfstoffe noch nicht ausreichend getestet sind, und die Sorge vor den Nebenwirkungen.

Die Umfrage, für die mehr als 26.000 Personen über 15 Jahren in allen 27 Mitgliedstaaten der EU befragt wurden, ergab auch, dass die EU-Bürger am meisten darauf vertrauen, dass sie zuverlässige Informationen über COVID-19-Impfstoffe von Menschen in Gesundheitsbehörden- und den nationalen Gesundheitsbehörden erhalten (61 %, bzw. 44 %).

Die EU und die einzelnen Regierungen liegen mit 20 % bzw. 19 % weit abgeschlagen an dritter Stelle, aber noch vor den regionalen und lokalen Behörden und den Medien (14 % bzw. 11 %).

"Vertrauen, offene Kommunikation und Partnerschaften sind wesentliche Merkmale aller öffentlichen Gesundheitskampagnen. Wichtig ist, dass Vertrauen nicht einfach eingefordert werden kann, sondern dass die Vertrauenswürdigkeit von Politikern, die öffentliche Gesundheitspolitik betreiben, eindeutig nachgewiesen werden muss", betont Pickersgill.

"Die Vorteile und Risiken von Impfungen müssen klar und offen kommuniziert werden, sonst haben die Menschen verständlicherweise das Gefühl, dass ihnen Informationen vorenthalten werden, was Misstrauen schürt", fügte er hinzu.

Nicht alle Ungeimpften sind Impfgegner

Van Weert warnte unterdessen davor, diejenigen in Westeuropa, die sich noch nicht haben impfen lassen, als Impfgegner zu bezeichnen. Stattdessen, so van Weert, handele es sich um "eine heterogene Gruppe von Menschen", darunter Gemeinden, in denen viele Fehlinformationen kursierten. Dabei kann es sich um Menschen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Hintergrund, Student:innen und Migrant:innen handeln, aber auch um Menschen, die aufgrund ihrer eigenen medizinischen Vorgeschichte Zweifel haben und deren Bedenken gezielt angesprochen werden müssen.

"Die Regierungen sollten zuerst alle möglichen Anstrengungen unternehmen, um diese Menschen zu erreichen, bevor sie mit (anderen) Einschränkungen kommen", sagte sie und forderte mehr "personalisierte Strategien" unter Einbeziehung wichtiger Interessengruppen oder Schlüsselpersonen in den Gemeinden.

"Es ist besser, wenn sie zum Beispiel von Menschen erreicht werden, die von Regierungen unabhängig sind. Ärzt:innen können hier eine wichtige Rolle spielen", sagte sie, genauso wie religiöse Persönlichkeiten wie Imame und Priester.

Sie verweist auf den Erfolg einer "Zögerer-Hotline" in den Niederlanden, bei der ungeimpfte Menschen anrufen, um ihre Bedenken mit Medizinern zu besprechen. Bei diesem Dienst gehen durchschnittlich 1.000 Anrufe pro Tag ein.

Kann eine Impfpflicht funktionieren?

Van Weert ist der Ansicht, dass der Effekt einer allgemeinen Impfpflicht in Westeuropa wahrscheinlich begrenzt sein wird. "Was ich aus der Forschung weiß, ist, dass der Mehrwert einer Impfpflicht höher ist, wenn die Impfraten niedriger sind", sagte sie.

Es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass sie diejenigen, die prinzipiell gegen Impfungen sind, umstimmen können.

"Impfgegner:innen sind so überzeugt, dass sie sich von nichts umstimmen lassen. Ich denke, man sollte diese Leute eine Weile in Ruhe lassen und ihnen nicht ständig die ganze Aufmerksamkeit schenken. Je mehr sie stigmatisiert werden, desto geringer wird ihre Bereitschaft sein, sich impfen zu lassen", schloss sie.

Pickersgill äußerte sich vorsichtig zu den Auswirkungen und sagte Euronews, dass "es möglich ist, dass Impfvorschriften ausschließlich in dem Sinne 'funktionieren', dass sie einige Menschen, die sich Sorgen über Langzeitfolgen von Impfstoffen besorgt sind, zwingen, ein Impfangebot anzunehmen".

"Dies könnte jedoch auf Kosten des öffentlichen Misstrauens gehen und einen Angriffspunkt für Ressentiments bilden, die die allgemeinen Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit untergraben könnten", argumentiert sie.

Mehr als 69 % der EU/EWR-Bevölkerung sind vollständig gegen das Risiko einer schweren Erkrankung geschützt, aber es gibt große Unterschiede zwischen den 31 Ländern in Europa.

In Dänemark und Portugal sind mehr als 82 % der Bevölkerung vollständig geimpft, während in Österreich, Belgien, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Spanien die Impfquote zwischen 70 und 78 % liegt. Die osteuropäischen Länder sind mit ihren Impfstrategien weniger erfolgreich. Bulgarien hat es noch nicht geschafft, ein Drittel seiner Bevölkerung vollständig zu impfen, während die Raten in Rumänien und der Slowakei bei unter 50 % liegen.