Aufgefressen und abgebrannt: Borkenkäfer und Brände raffen den Wald dahin

Aufgefressen und abgebrannt: Borkenkäfer und Brände raffen den Wald dahin
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Von Hans von der Brelie
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Im Frankenwald im Norden Bayerns sorgt der Borkenkäfer für große Schäden. Wie kann man den Tieren beikommen? Im französischen Departement Gironde wird gegrübelt: Wie kann man künftig verheerende Waldbrände wie im Sommer verhindern?

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„Der Wahnsinn, die reinste Mondlandschaft“, schießt mir unwillkürlich durch den Kopf. Ich bin mit meinem MoJo-Rucksack unterwegs im Frankenwald, im Nordosten Bayerns. Doch der riesige Kahlschlag in steiler Hanglage könnte auch anderswo in Deutschland sein, in NRW, Hessen, Thüringen… Die Klimakrise hat dazu geführt, dass sich das Waldsterben beschleunigt. Anhaltende Extremtemperaturen und mehrere Dürresommer lösten eine explosionsartige Vermehrung des Borkenkäfers aus. Die Folgen sind katastrophal.

Aus dem gesamten Freistaat kommen Forstarbeiter in den Frankenwald. Bayern hat im Kampf gegen den Borkenkäfer ein paar Gänge hochgeschaltet, schweres Gerät wird zusammengezogen, auch aus Polen und Österreich kommt Hilfe, private und staatliche Waldbesitzer arbeiten Hand in Hand, es ist – wieder einmal – ein Wettlauf gegen die Zeit, ein Wettlauf mit dem Borkenkäfer.

Ich bin unterwegs mit Matthias Lindig. Auch sein Team kämpft gegen den gefräßigen Baumschädling mit dem exorbitanten Fortpflanzungstrieb. Bevor wir uns hangaufwärts in den Wald vorarbeiten, rasch noch ein Blick auf die Zahlen, einfach mal zum Einordnen: Ein Viertel des riesigen Fichtenforstes im Nordosten Bayerns ist bereits tot. Man kann das durchaus einmal drastisch formulieren: Der Frankenwald liegt im Sterben. Der Satz stimmt so. Von rund 40.000 Hektar Forst kann man 10.000 getrost vergessen, und dabei handelt es sich noch um eine sehr zurückhaltende Schätzung, die Schadflächen nehmen ständig zu, von Tag zu Tag, Woche zu Woche…

Es handelt sich auch nicht um ein lokal begrenztes „Frankenwald-Problem“, auch wenn hier, auf wasserdurchlässigen Böden in trockenen Zeiten der Käfer ein noch leichteres Spiel hat als anderswo. Seit 2018 hat Deutschland eine halbe Million Hektar Wald verloren. Anders formuliert: Fünf Prozent der deutschen Waldfläche sind weg. Insbesondere Fichten-Monokulturen sind schwer betroffen. Denn Fichte mag der Borkenkäfer besonders gern, Lieblingsgericht quasi. Und wenn da Fichte neben Fichte steht, ganz ohne Abwechslung, nun, da lebt der Schmarotzer wie im Schlaraffenland der Schädlinge.

Matthias Lindig ist im Forstamt Pressig-Rothenkirchen auch für die Azubis zuständig, alle haben orangeroten Fluo-Westen an, gut sichtbar im Dunkel des Waldes. Auf den ersten oberflächlichen Blick sehen die Baumriesen - einige von ihnen sind 100 bis 200 Jahre alt – eigentlich ganz ok aus. Nun gut, „Stangerlwald“ halt, kaum Seitenzweige, hoch aufgeschossen, Wipfel weit weg irgendwo da oben…

Doch der erste Eindruck täuscht. „Ja schauen wir uns einmal den Baum da drüben an“, sagt Lindig und steuert auf einen der Baumriesen zu, gefolgt von Azubi Yannik. „Der Baum hat zwar noch eine grüne Krone, aber rundherum ist alles dürr…“

Lindig beugt sich näher zum Stamm, sein behandschuhter Finger deutet auf eine kaffeebraune Masse am Stamm: „Hier sehen wir jetzt das Bohrmehl, welches der Borkenkäfer aus der Rinde rausschiebt, wenn er sich einbohrt, und das ist eben das früheste Indiz dafür, dass der Baum vom Käfer befallen ist und entnommen werden muss. Denn der Baum stirbt.“ Lehrling Yannik hat ebenfalls einige Bohrlöcher entdeckt. An diesem Baum, am nächsten, am übernächsten… überall.

Der Borkenkäfer-Teufelskreis

Lindig holt ein Riesenmesser hervor, man kann sich den Mann auch gut mit Machete im Dschungel vorstellen: Jemand der weiß, wo es lang geht, was zu tun ist: „Jetzt machen wir da mal die Borke ab“, meint Lindig und setzt die Klinge an. Ein rascher Drehgriff, da liegt es auf seinem Handteller, das Kunstwerk aus regelmäßig geformten Fraßgängen. Kein Wunder, dass vielerorts der Borkenkäfer auch Buchdrucker genannt wird.

Lindig freut sich, die Probe zeigt sämtliche Entwicklungsstadien, Larve, Jungkäfer, Altkäfer: „Die Larve hat gerade noch gezappelt“, wendet sich Lindig an seinen Azubi, „und da sehen wir den fertig entwickelten Jungkäfer… das heißt, wir müssen uns beeilen, das Holz zu entnehmen, wir haben nur noch wenige Tage Zeit, dass das Holz rechtzeitig aus dem Wald kommt.“ Denn wenn der Käfer erst einmal ausgeflogen ist, dann stürzt er sich auf den nächstbesten noch gesunden Fichtenbaum – und alles beginnt erneut, noch schlimmer, noch heftiger, mit noch mehr Käfern. Ein Teufelskreis.

Forstwirtschaftslehrling Yannik zückt die Sprühdose: „Den befallenen Baum müssen wir jetzt markieren, damit wir ihn auch wiederfinden.“ – Dann ziert ein knallroter Querstrich den Stamm. Und bald darauf auch den nächsten, übernächsten, überübernächsten… Nach kurzer Zeit sind wir ringsum umgeben von rot markierten Fichtenstämmen, die Hundertjährigen sind dem Baumtod geweiht, bald ist es vorbei, das ruhige Forstleben als CO2-Falle, Sauerstoffspender, Erosionsschützer, Schattenspender für Schwammerlsucher…

Als die Holzfäller kamen, flossen Tränen

Matthias Lindig markiert auf seinem Forstarbeiter-Handy die exakten Geodaten der kranken Bäume. Ein roter Punkt – das Todesurteil, jetzt kommen die Holzfäller. „Ja, emotional war das vor zwei Jahren, als das losgegangen ist… gerade die Privatwaldbesitzer, die kleineren, waren draußen im Wald oder bei sich in der Stube und haben geweint“, erinnert sich Lindig – und meint das wörtlich. Lindig wirkt nicht unbedingt wie ein Mann der großen Worte, sachlich, technisch, freundlich, absolut pro, das ja. Wenn so jemand vom Leid der Menschen redet, von weinenden Waldbesitzern, dann muss man das ernst nehmen. Auch seine Einordnung des Geschehens: „Wir haben hier ein großflächiges Waldsterben im Frankenwald und das ist eine Katastrophe.“

Forstwirtschaftsmeister Lindig kommt aus der Gegend, stammt selbst aus einer Familie mit etwas Waldbesitz, weiß, von was er redet: „Das, was Generationen aufgebaut haben, ist innerhalb von drei Jahren kaputt gegangen.“ Gut, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg benötigte man dringend Bauholz, viel Bauholz, sehr viel Bauholz… Ohne lange Bodenanalyse wurde damals auf Teufel komm raus Fichte gepflanzt, schnell wachsendes Nutzholz, anscheinend anspruchslos, leicht zu pflegen. Jetzt steht die Fichte in Deutschland auch dort, wo sie eigentlich nicht hingehört, in Lagen, die zu warm, zu trocken geworden sind.

Fallen mit Sexualduftlockstoffen

Doch zurück in den sterbenden Frankenwald. Wird auch nur eine einzige Käfer-Fichte übersehen, sterben nur wenig später 400 weitere Bäume. Es geht um wenige Monate, Wochen, Tage – und sieht man den Waldarbeitern und Förstern bei der Arbeit zu, bekommt man den Eindruck, es geht um Minuten. Lindig nimmt mich mit zu „seinen“ Käferfallen, flache schwarze Kästen mit lamellenartigen Querschlitzen. Für den Borkenkäfer entströmt diesen Kästen ein geradezu unwiderstehlicher Duft, denn Lindig und seine Kollegen der Bayerischen Staatsforsten setzen Pheromone, Sexualduftlockstoffe, ein. Da kommt der Käfer sofort, wenn er nicht grad hungrig ist und lieber frische Fichtenstämme anbohrt.

Wir hatten zur Hauptsaison heuer über 15.000 Käfer pro Falle pro Woche!
Matthias Lindig
Forstwirtschaftsmeister

Große Teile der bayerischen Wälder sind in Freistaatsbesitz. Die Forstverwaltung beobachtet die Käferplage genau. Es geht um den Erhalt der Umwelt. Es geht auch ums Geld. Und es geht um die Zukunft. Denn wäre Bayern ohne Wälder noch das Bayern, das alle so schätzen und lieben? Lindig ist etwas besser gelaunt, was am schlechten Wetter liegt, es hat ein paar Tropfen geregnet und es ist kühler geworden, schlecht für den Borkenkäfer, gut für den Wald. Die Fallen dienen nicht der Käfer-Bekämpfung, da hilft nur die Motorsäge, sondern dem Monitoring. Man will ja schon wissen, ob man es mit wenigen, vielen oder unglaublich vielen Käfern zu tun hat, wenn man Männer, Motorsägen und schwere Holzernte-Maschinen in die Schlacht gegen den Schädling schickt.

Mit einem Handgriff ist der Sammelbehälter unter der Falle entfernt: „Ab 3000 Käfern ist die Alarmstufe rot“, erinnert Lindig. „Wir hatten zur Hauptsaison heuer über 15.000 Käfer pro Falle pro Woche!“ – Heute sind es gerade einmal 20, auf die Woche hochgerechnet wird die „Käfer-Ernte“ in der „Falle Nummer 1“ bei 100 bis 200 Käfern liegen. Die Zahlen gehen also wieder runter – es sei denn, es schwappt noch einmal Saharaluft Richtung Kontinentaleuropa, mitten im Herbst…

Die Käferjäger sitzen in Freising

Die Schaltzentrale der Käferjäger: die Bayerische Landesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Freising. Hier werden die Schädlinge genau gezählt und bestimmt, es gibt ja nicht nur den Buchdrucker. Auch der Kupferstecher richtet Schäden an. Doch Fichten-Feind Nummer 1 ist ganz klar der Borkenkäfer. Wenn es zu viele sind, alarmieren die Wissenschaftler die Waldbesitzer. Dazu haben sie eine im Wochentakt aktualisierte Bayern-Borkenkäfer-Karte entwickelt. War im Februar ganz Bayern noch saftig grün, auf dieser Karte, rutschte ab April rasch alles ab ins Gelbe, Orange… dann wurde Bayern Tiefdunkelalarmrot: Borkenkäfer-Super-Alarm.

Wo kommen die ganzen Käfer her, will ich vom Chef der entomologischen Spezialeinheit, Dr. Hannes Lemme, wissen: „Also vor 100 Jahren, 80 Jahren, war es durchaus Usus, dass ein Buchdrucker (auch: Borkenkäfer) in einem Jahr eine Generation pro Jahr produziert hat. Und durch diese zunehmenden Temperaturen in den letzten Jahrzehnten beobachten wir jetzt, dass es in diesen Fichtenregionen zu zwei bis drei Generationen kommt - und das wird langfristig, mittelfristig dazu führen, dass in vielen Regionen die Fichte nicht mehr überleben kann.“

Auf seinem Bildschirm ruft Lemme eine Graphik auf: „In eine Fichte können etwa 500 bis 1000 Buchdrucker reingehen, die bringen sie dann zum Absterben – und daraus entstehen dann 20.000 Jungkäfer… und das macht die Sache so rasant, so schnell. Wenn Sie früher nur eine Generation (im Jahr) hatten, konnte man das aufarbeiten, bei drei Käfergenerationen wird es schwierig.“  Ich erinnere mich an den Frankenwald, an den Moment, in dem einer der Waldexperten und Förster neben mir voll Horror in der Stimme den Anblick einer weißen Larve in der Rinde kommentierte: „Das wird doch jetzt nicht etwas schon die vierte Generation…“. Dann brach der Satz ab. Und ich musste an Hitchcocks Horror-Klassiker „Die Vögel“ denken. Da fängt auch alles an mit nur einer Krähe… und endet gar nicht gut mit sehr, sehr vielen Unheilsbringern!

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Auf der Suche nach dem Gegenmittel

Es ist schon ein Kreuz mit dem Borkenkäfer. Der großflächige, permanente Einsatz von Insektiziden geht nicht. Und bei Massenattacken nach Hitze- und Dürresommern fehlt es manchmal an Personal und Gerät. Sicher, wer gutes Monitoring betreibt, wie die Bayern, hat eine Nasenlänge Vorsprung, die Kurven der Wissenschaftler sind recht präzise, die Vorhersagen genau, Alarm wird rechtzeitig, also frühzeitig gegeben, der LWF sei es gedankt.

Doktor Lemme nimmt mich mit ins Allerheiligste der LWF, Abteilung Waldschutz, ins Labor. Hier schlägt das Herz der vierköpfigen Borkenkäfer-Spezialeinheit, Wissenschaftler blicken durch Mikroskope, vergleichen „Schlitzproben“ aus dem jüngsten „Schlitzversuch“, eine Methode, die vielleicht den Kampf gegen den Käfer etwas beschleunigen könnte – ganz ohne Insektizide. Noch sind die Ergebnisse nicht veröffentlicht, noch ist die Versuchsreihe nicht abgeschlossen, ein zweiter Durchlauf wird im kommenden Jahr starten. Doch bereits jetzt lassen erste Zwischenergebnisse hoffen: Borkenkäferlarven mögen kein Sonnenlicht (weshalb die Eier ja unter der Borke abgelegt werden, die ersten Entwicklungsstadien laufen im Dunkeln ab). Eier und Larven müssen abgetötet werden, bevor sie zu Jungkäfern werden und ausfliegen. Üblicherweise werden die erkrankten und gefällten Bäume entrindet, Luft und Sonne besorgen den Rest. Nur kostet die Ganzstammentrindung so einer Riesenfichte Zeit und Geld. Wenn mit der Motorsäge lediglich „geschlitzt“ wird, geht es schneller – so die Arbeitshypothese der Wissenschaftler. Und da es im Borkenkäferkampf um Zeit geht, also darum, die sprunghafte Vermehrung zu stoppen, wäre so eine Schlitzmethode schon was wert.

Bei Befall muss der „Tyrannosaurus Rex der Holzfällergemeinschaft“ ran

Zurück im Frankenwald. Ich folge den Kettenspuren im Waldboden. Gegen den fünf Millimeter kleinen Borkenkäfer wird schwerstes Geschütz aufgefahren: 20 Tonnen wiegt so ein Holz-Harvester, eine Art Holzfäller-Panzer – die größte fahrbare Forstmaschine der Welt. Raimund Bohn Junior, passend mit Holzfällerhemd, erlaubt mir, zu ihm hoch ins Führerhaus zu klettern. Sobald Lindigs Such-Team da draußen im Forst befallene Bäume entdeckt und auf der Käfer-App lokalisiert hat, schlägt Raimund Bohns Monster-Maschine alles kahl.

Maschine hat Dampf, hat richtig Dampf, macht Spaß…
Raimund Bohn Junior
Holzfäller

Der Junior erklärt mir den Ablauf: „Ok, ich habe hier ein Handy, ich habe da ein Programm drauf, das nennt sich ZIELENTNAHME INSEKT. Und diesen Punkt versuchen wir jetzt anzusteuern und aufzuarbeiten."

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Der Holzfäller-Radpanzer schiebt sich raupend durchs Unterholz, über Forstwege. „Also man sieht jetzt hier an dem roten Strich markierte und erkannte Käferbäume“, zeigt Bohn. Es ist erstaunlich ruhig im Führerhaus, alles fast schalldicht isoliert, Klasse Arbeitsplatz. Doch draussen tobt die Hölle, die Kette der im Greifarm eingebauten Motorsäge läuft doppelt so schnell wie eine "normale" Holzfällerkettensäge.

Mit 370 PS und scharfen Schneidezähnen aus Metall ist der Harvester der Tyrannosaurus Rex der Holzfällergemeinschaft. „Maschine hat Dampf, hat richtig Dampf, macht Spaß…“, grinst Bohn. „Wenn Sie jetzt etwas schwächere Bäume haben, die nicht so starkastig sind, kann es sein, dass ein Baum in 15 bis 20 Sekunden aufgearbeitet ist.“

Die Mischung macht's: Lieber Laubholz?

Am Waldrand baut sich ein Regenbogen auf, Zeichen der Hoffnung – wegen Regen! Welchen Ausweg gibt es aus der Fichten-Falle, wenn überhaupt? Einige fränkische Privatwaldbesitzer haben Mut zum Experiment. Das will ich mir mal genauer ansehen. Spannung pur! Christof Körner klettert aus seinem Jager-Auto, geht mit der Zwickzange in der Hand zum Zaun. Vor sieben Jahren hat er auf der Anhöhe hinter Teuschnitz Bäume gepflanzt, ziemlich viele, und so einiges! Verschiedenes! Vogelbeere, Kirsche, Ahorn, Eiche, Buche… die Liste ist lang.

Mal was anderes! „Und jetzt ist er groß genug, mein Wald der Zukunft, da kann das Wild mit seinen Äsern keinen Schaden mehr anrichten“, freut sich Körner und knapst die Drahtmaschen durch. Heute ist der große Tag: Der Wald wird „frei gelassen“, der Zaun kommt weg, das Ergebnis des Experiments kann begutachtet werden: Eine bunte Mischung, gesund und frisch – trotz Dürre-Sommer. Da staunt der Laie – und Körners herbe, etwas holzig geschnittene Gesichtszüge werden für einen Moment weicher, um die Augen zeichnen sich Lachfältchen ab, in seinem über das Laubgemisch streifenden Blick liegt professionelle Zufriedenheit.

Meine Bibel ist ein altes Buch, das wurde schon vor Jahrzehnten veröffentlicht, über den Mischwald
Christof Körner
Waldbesitzer

Körner ist ein Franke durch und durch, bodenständig, hier am Wald aufgewachsen, seit Urzeiten in der Gegend verwurzelt. „Meine Bibel ist ein altes Buch, das wurde schon vor Jahrzehnten veröffentlicht, über den Mischwald“, erzählt Körner. Sein Mischwald-Credo wurde im Frankenwald nicht immer geteilt, ganz im Gegenteil. „Das Laubholz war früher bei den Holzmachern so eine Art Unkraut“, schüttelt Körner den Kopf. „Das ist dann entfernt worden, nur die Fichte hat gezählt und nur die Fichte war der Brotbaum.“

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Und heuer sitzen alle in der Fichtenfalle. Hätten halt die Waldbesitzer früher einmal in das Mischwaldbuch geschaut – der Borkenkäfer hätte kaum Lust gehabt, sich in der Gegend einzubohren! Nun, jetzt ist es zu spät. Oder vielleicht doch nicht endgültig? Mehr und mehr Waldparzellen-Nachbarn werden neugierig, schauen beim Körner seinem Waldstück vorbei (wir sind in Bayern, da darf der doppelte Dativ verwendet werden), knüpfen ein Gespräch an, von Forst-Profi zu Forst-Profi.

Am Wegrand hält ein Auto, Thomas Raab klettert heraus, gesellt sich zu uns. Auch Raab ist Privatwaldbesitzer, etwas weniger Hektar als Körner, aber trotzdem besorgt um seinen Bestand. „Ich versuche auch zu mischen, das heißt Tanne, Eiche, Buche, Ahorn, was anfällt, Birke, was gut hier wächst“, meint Raab. Körner ergänzt: „Wir setzen auf die heimischen Baumarten, die das Klima aushalten, die diese Erwärmung aushalten.“ Immer wieder fällt das Stichwort Eiche, zwar werden auch andere Arten „ausprobiert“, aber bei der Eiche beißt sich erstens der Borkenkäfer die Kiefer aus und zweitens kommt der Baum besser mit dem sich erwärmenden Erdklima zurecht als die Fichte, insbesondere in den tieferen Lagen. 

Seit 1774 in Teuschnitz

Körner nimmt mich mit nach Teuschnitz, wo er ein beeindruckendes altes Haus im Dorfzentrum bewohnt. Nach dem langen Tag verdrücken wir erst einmal eine Pizza – dann steht Körner auf und sucht etwas. Nach ein paar Minuten kommt er zurück in die gute Stube, unter dem Arm einen Ordner mit vielen Papieren: „Jetzt kann ich ihnen einmal die Familiengeschichte zeigen“, meint er und schlägt den Ordner auf. „Wir haben da noch einige alte Dokumente gefunden, die waren oben auf dem Speicher in einem alten Wäschekorb!“ Mir verschlägt es die Sprache: Uralte Dokumente, verschnörkelte Tintenschrift auf handgeschöpftem Papier…

Wir werden auch die anderen Leute mit ins Boot nehmen
Christof Körner
Waldbesitzer

„Uns gibt es seit 1774 in Teuschnitz“, erzählt Körner stolz. Und fügt hinzu: „Die zehn Generationen, das ist irgendwo die Verpflichtung, den Betrieb zu erhalten.“ – Ich frage nach: „Und jetzt kommt das Ende, wegen des Käfers…?“ Körner protestiert, signalisiert Zuversicht: „Nein, auf keinen Fall, es geht weiter, wir pflanzen Laubholz – und wir werden auch irgendwie davon leben können. Und: Wir werden auch die anderen Leute mit ins Boot nehmen.“ Im Januar oder Februar plant er einen großen Info-Abend für alle Waldbauern der Gegend.

Weiterer Feind im Forst: fresslustiges Wild

Die blaue Stunde hebt an. Das letzte Tageslicht schwindet, draußen im Wald verwischen die Konturen, die Farben verblassen, Dämmerung senkt sich über Franken. Körner bricht auf. Denn neben dem Käfer gibt es noch einen Feind im Forst: fresslustiges Wild. Und davon viel zu viel. Weshalb Körner sein Gewehr mitnimmt.

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Wir gehen behutsam durch das Unterholz. Körner kennt die Wildwechsel. Jetzt heißt es warten. „Der Jäger muss besser kontrolliert werden“, meint Körner, „der Abschuss muss erhöht werden, die Abschusszeiten müssen ein wenig angepasst werden. Nur wenn der Jäger öfters draußen ist, mit der Waffe, kann er Waldumbau betreiben. Und nur dann hat der Wald eine Zukunft.“ Er lädt sein Gewehr durch.

Wald vor Wild

Das gefällt auch den Naturschützern in Bayern. Im Vorfeld der Reportage habe ich mehrere Hintergrundgespräche geführt, am Telefon sind da unschöne Dinge über das Versagen der Landespolitik zu hören. Jahrzehntelang habe man den Klimawandelt nicht ernst genug genommen, den Waldumbau zu spät begonnen, die große Forstreform in Bayern sei nach hinten losgegangen… Sprich: Früher Handeln, energischer reagieren, besser vorhersehen – all das war offenbar nicht der Fall.

Und jetzt? Alles zu spät? Hängt davon ab, wie es weitergeht. Der Bund Naturschutz Bayern hat einen sachlich-technischen Forderungskatalog veröffentlicht, der sich recht vernünftig liest:

  1. Waldumbau von Nadelforsten zu Laubmischwäldern vorrangig betreiben (gelobt werden Ahorn, Eichen, Buchen, Weißtannen)
  2. Wald vor Wild (denn ein zu hoher Bestand führt zum „Verbiss“ der Jungbäume)
  3. Mehr Förster (um beim Waldumbau zu helfen und diesen großflächig zu organisieren)

Hier passt Körners Kritik an manchen Jägern, die ihre Abschussquoten nicht erfüllen. Zumal es nicht nur um Rehwild geht. Das allein bereitet den Waldbauern schon genug Sorgen. Seit einiger Zeit wandert auch immer häufiger Rotwild ein. Was den Schaden an den jungen Trieben im nachwachsenden Wald noch einmal vergrößert. – Körner drückt ab, ein Schuss löst sich. Dann senkt sich wieder Abendstille über den sterbenden Frankenwald.

Gironde: Waldbrände zerstörten das Werk von Generationen

Wer denkt, Waldsterben sei eine "deutsche Erfindung", der liegt falsch. Auch weite Teile Frankreichs hatten in diesem Jahr erneut mit erheblicher Trockenheit zu kämpfen. Als dann im Sommer nahe Bordeaux im Departement Gironde Waldbrände ausbrachen, hatten die Flammen leichtes Spiel. Dürres Gehölz, Sträucher und Gras wirkten wie Brandbeschleuniger, nach wenigen Minuten brannte der ganze Wald. Viele, viele Tage lang. Ganz Europa schickte Hilfskräfte, Geräte, Flugzeuge nach Südfrankreich, auch aus Deutschland kamen zahlreiche Feuerwehrleute um Schulter an Schulter mit den französischen "pompiers" die Flammen einzuhegen.

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Von Bordeaux sind es rund 45 Minuten bis nach Origne. Ich bin mit einem Geländewagen unterwegs, um dorthin gelangen zu können, wo die Waldbrände Schaden anrichteten. Der Ort Origne stand im wahrsten Sinne des Wortes im Mittelpunkt des Feuers. Je näher ich meinem Ziel komme, desto mehr Forstmaschinen, aufgestapelte Baumstämme und leere Brandflächen sehe ich um mich herum.

Überall sieht man Plakate: „Danke“ steht da. Oder: „Wir stehen hinter Euch!" Es ist die Dankbarkeit der Bevölkerung für den Einsatz der Rettungskräfte, die hier zum Ausdruck kommt. Am Ortseingang steht eine kleine Kirche, in tadellosem Zustand. Sie konnte gerettet werden - samt der wertvollen Fresken aus dem Mittelalter.

Ursache Brandstiftung - Trockenheit begünstigt Ausbreitung

Nathalie Morlot stammt aus einer Forstwirtschaftsfamilie. Seit Generationen lebt man hier mit und vom Forst. Sie sagt, dank der Arbeit der Feuerwehrleute seien die Gebäude hier von den Flammen verschont geblieben: "Vor jedem Haus stand ein Feuerwehrauto..." - Aber 2400 der 2700 Hektar Wald rund um Origne sind verbrannt, berichtet sie. Morlot ist vom Ausmaß des Waldbrands immer noch tief getroffen: „Die ganze Arbeit unserer Vorfahren, Großeltern, Eltern - alles liegt am Boden, es ist furchtbar traurig", sagt sie. Die Bevölkerung von Origne musste vor den Flammen in Sicherheit gebracht werden. Auf einem verkohlten Stück Land erzählt sie mir, dass das Feuer zwar auf Brandstiftung zurückzuführen sei, die Ursachen für seine rasche Ausbreitung aber die Trockenheit, die in diesem Jahr in ganz Europa vorherrschte, sowie der Wind und die fehlende Luftfeuchtigkeit gewesen seien.

Keine Baumart ist feuerresistent und leider werden wir, egal ob wir Laub- oder Nadelbäume pflanzen, angesichts des Klimawandels sehr starken Bränden ausgesetzt sein.
Stéphane Latour
Fibois Landes de Gascogne

Mit Sand vermischte Asche bedeckt den Boden in den hiesigen Wäldern. Mein Wagen bleibt darin stecken. Wir müssen uns mit Hilfe von Holzscheiten aus der Falle befreien. Selbst der Geländewagen kam hier nicht weiter. Die in Reihen angepflanzten Bäume sind überwiegend von einer Baumart geprägt, nämlich der Strandkiefer. Sie brennt leicht, einerseits. Doch andererseits ist sie eigentlich DER Idealbaum für alle Mittelmeeranrainerstaaten. Auch hier, bei Bordeaux, denn sie passt sich an den sandigen Boden der Gironde und das trockene Klima an. Das Problem ist also nicht wie in Deutschland bei der Fichte "falscher Baum auf falschem Boden in falscher Klimazone mit falschen Niederschlagsmengen". Das Problem bei der Strandkiefer ist eher technischer Natur: der eine oder andere Waldbesitzer hat es beim Anlegen der Monokulturen eben nicht so ganz genau genommen mit den Brandschutzschneisen. Zu wenige Freiflächen sind ein Problem, da "springt" das Feuer zu leicht, zu schnell, zu weit.

Einige Umweltschützer prangern die Monokulturen auch deshalb an, weil es an Artenvielfalt mangelt. Und vereinzelt hört man auch, dass für die schnelle Ausbreitung der Feuer die Monokulturen mitverantwortlich sein könnten, was die Waldbesitzer empört von sich weisen. Vor Ort sind viele dafür, wieder Seekiefern zu pflanzen. Denn die wachsen hier so rasch heran wie sonst kaum ein Baum. Stéphane Latour von Fibois Landes de Gascogne, der Vereinigung der holzverarbeitenden Betriebe, meint: „Keine Baumart ist feuerresistent und leider werden wir, egal ob wir Laub- oder Nadelbäume pflanzen, angesichts des Klimawandels sehr starken Bränden ausgesetzt sein.“

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Bei der Fahrt durch diese Gegend fällt mir auf: Einige Häuser stehen ganz nah am Waldrand, Feuerschutzvorrichtungen - also Abstandsflächen ohne Bewuchs - sieht man selten. Dabei besteht eine gesetzliche Verpflichtung, Gestrüpp 50 Meter um Wohnhäuser herum und 10 Meter auf jeder Seite von Zufahrtswegen zu entfernen.

Man müsse Lehren aus dem Waldbrandsommer ziehen, meint Latour. „90 Prozent der Brände werden durch menschliche Aktivitäten verursacht", sagt er. Es brauche entbuschte Flächen, betont er und ergänzt: „Das ist einer der wichtigsten Faktoren, vor allem da die Verstädterung in unserer Region zunehmen wird.“

Brände wirkungsvoller aus der Luft bekämpfen zu können, ist ebenfalls eine Forderung. In der Gegend stand kein Löschflugzeug zur Verfügung, als die Brände am 12. Juli ausbrachen. Dabei sei dieses Hilfsmittel unverzichtbar, meint Latour: „Wenn man Brände verhindern will, muss man sie von Anfang an bekämpfen", sagt er. Eben auch aus der Luft. Die Europäische Union hat jetzt auf Latour und andere Stimmen gehört: Innerhalb weniger Jahre soll die Flotte der europäischen Feuerlöschflugzeuge verdoppelt werden. Denn es wird ein nächstes Mal geben, vielleicht schon bald. Beim Feuer wie beim Käfer.

Journalist • Hans von der Brelie

Cutter • Christele Ben Ali

Weitere Quellen • Mathieu Ollagnier, Domenico Spano, Matthieu Michaillat, Eric Deyerler

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