"Energie und Emotionen spüren": Selenskyj besucht befreites Cherson

Präsident Selenskyj in Cherson
Präsident Selenskyj in Cherson Copyright Handout / UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE / AFP
Von Euronews mit DPA/AFP
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Noch Tage nach der Befreiung freuen sich die Menschen in Cherson über den Abzug der russischen Truppen. Es herrscht aber auch Angst vor russischen Schläferzellen.

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Mit der Hand auf dem Herzen sang Wolodymyr Selenskyj die ukrainische Nationalhymne in der nunmehr befreiten Stadt Cherson. Vor dem Gebäude der Regionalverwaltung wurde die gelb-blaue Fahne gehisst.

Nur wenige Tage nach dem Abzug der russischen Truppen reiste der ukrainische Präsident in die Stadt im Süden der Ukraine, um den Menschen mit seiner Anwesenheit seine persönliche Unterstützung auszudrücken und, wie er Journalisten gegenüber sagte, die Emotionen und die Energie seiner Landsleute zu spüren.

"Sie haben alles ausgeräumt, ganze Restaurants"

Nach ukrainischen Angaben sind noch etwa 80.000 von ehemals rund 280 000 Einwohner:innen in Cherson. Viele berichten nun über die Lebensbedingungen während der achtmonatigen russischen Besatzung - auch über Übergriffe und Plünderungen, als die Soldaten abzogen.

"Sie haben alles mitgenommen, aus den Hotels, aus den Geschäften, einfach alles, was sie sahen", sagt eine junge Frau. Die russischen Besatzer hätte "ganze Restaurants ausgeräumt, die gesamte Ausrüstung."

Ein junger Mann berichtet, dass er und seine Freunde monatelang die Bewegungen der russischen Soldaten in den Straßen von Cherson beobachteten und die Informationen der ukrainischen Armee zukommen ließen.

"Wir haben alles gemeldet: wo sich ihre Ausrüstung und ihre Munitionslager befinden, wo sie schlafen, wo sie trinken gehen", erklärt der junge Mann, der vor dem Krieg Musiker werden wollte.

Die Informationen ermöglichten es den Kiewer Truppen, während der im September begonnenen Gegenoffensive effektiv auf russische Stellungen zu zielen. "Glauben Sie mir, ich hatte große Angst", sagte der hochgewachsene junge Mann, der befürchtete, verhaftet und wahrscheinlich getötet zu werden.

Angst vor Schläferzellen und Sabotageeinheiten

Lada Koloskova, eine Journalistin, die für einen lokalen Radiosender arbeitet, erklärt, dass sie eine andere Waffe gegen die russische Besatzung einsetzte: Sie sprach täglich Ukrainisch.

"Ich habe Ukrainisch gesprochen. Meine Freunde sprachen untereinander Ukrainisch, wie alle anderen auch. Sogar die russischsprachigen Einwohner haben damit angefangen", sagt die 47-jährige Frau. Als Mittel, um ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren und sicherzustellen, dass eingeschleuste Russen nicht in ihr Privatleben eindringen können.

"Sie dachten wohl, dass sie uns hier einschränken können und die Leute dann sagen würden: Oh gut, die Befreier sind da.' Aber, nein. sie wurden von allen Seiten gehasst! "

Der ukrainische Sicherheitsdienst schränkt seit Freitag die Ausgänge aus Cherson ein, um mögliche Kollaborateure aufzuspüren, die keine Zeit hatten zu gehen und sich als Zivilisten verkleidet haben, um den Kiewer Soldaten zu entgehen. Militäranalysten vermuten, dass Russland in Cherson Schläferzellen und Sabotageeinheiten hinterlassen hat.

Erster Hilfskonvoi eingetroffen

Noch immer freuen sich die Menschen in Cherson über die Befreiung. Doch die Stadt ist stark getroffen. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind Wasser und Strom knapp, auf Märkten fehlt es an Nahrungsmitteln und Krankenhäuser und Ärztepraxen haben nicht genügend Medikamente.

Am Montag erreichte ein erster humanitärer Konvoi die Stadt und versorgte mehr als 6.000 Menschen unter anderem mit Nahrungsmitteln, Trinkwasser, Solarlampen und warmen Decken. Weitere Konvois seien für die nächsten Tage geplant.

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