In Gedanken im Krieg: Ukrainer und Russen in Deutschland

Am 24. Februar haben mehrere tausend Menschen in Berlin ihre Solidarität mit der Ukraine gezeigt.
Am 24. Februar haben mehrere tausend Menschen in Berlin ihre Solidarität mit der Ukraine gezeigt. Copyright AP Photo
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Von Olivia StroudJohanna Urbancik & Heilika Leinus
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Zwei Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine leben viele Ukrainerinnen und Ukrainer im Ausland und machen sich Sorgen um Verwandte und Freunde. Auch russischen Dissidenten wie Dimitri Androssow geht es so.

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Am vergangenen Wochenende hat sich zum zweiten Mal der Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gejährt. Viele Menschen auf der ganzen Welt haben diesen Tag genutzt, um sich auf Großdemonstrationen mit der Ukraine zu solidarisieren. In Berlin wurde der Protest von Vitsche e.V. organisiert, einem Verband junger Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Deutschland leben. Die Gruppe organisiert Proteste, kulturelle Veranstaltungen, Vorträge, bietet Unterstützung für Geflüchtete an und koordiniert humanitäre Hilfsgüter für die Ukraine. Ziel ist es, Ukrainern in Deutschland eine starke Stimme zu geben.

Der Begriff "Vitsche" hat eine lange Geschichte in der ukrainischen Sprache und geht zurück bis etwa ins sechste Jahrhundert. Er bezieht sich auf einen Rat, der gemeinsam Entscheidungen trifft und Änderungen zum Wohl der Gemeinschaft vornimmt.

Schon vor dem 24. Februar 2022 haben Vitsches Mitglieder gespürt, dass die Spannungen an der Grenze ernstzunehmen sind. Aus diesem Grund haben sie schon im Januar angefangen, kleine Demonstrationen in Berlin zu planen und Waffenlieferungen zu fordern.

Ihre Kundgebung in diesem Jahr hingegen wurde nach eigenen Angaben von rund 10.000 Menschen besucht.

Seit zwei Jahren nun beschäftigt sich Vitsche täglich mit dem Krieg. Die Pressesprecherin der NGO, Krista-Marija Läbe, sagt, sie wollen weder fühlen noch vermitteln, dass nichts getan werden könne. "Die Situation ist sogar ernster als vor zwei Jahren, aber wir können immer noch einen bedeutenden Unterschied machen." Man habe die Mittel, die Ukraine weiterhin zu unterstützen, damit sie diesen Krieg gewinnen könne. "Daher setzt sich jedes unserer Mitglieder dafür ein, dass die Menschen verstehen, wie der Ukraine geholfen werden kann und dass dies schnell geschehen muss. Das gibt uns enorme Kraft", fügt sie hinzu.

Am 24. Februar haben Menschen ihre Solidarität mit der Ukraine gezeigt.
Am 24. Februar haben Menschen ihre Solidarität mit der Ukraine gezeigt.Johanna Urbancik

"Wenn wir den Krieg nicht gewinnen, gibt es keine ukrainische Identität mehr"

Krista wurde in der Ukraine geboren, wuchs jedoch in Deutschland auf. Ihre Familie hat bislang keine Todesopfer in der Ukraine zu beklagen. Einige der Verwandten sind aus der Ukraine geflohen. "Ich mache mir Sorgen um meine beiden jüngeren Neffen. Der ältere ist jetzt 13 Jahre alt. Er könnte eingezogen werden, wenn der Krieg weitergeht", fürchtet sie.

Für Krista geht es bei dem Kampf nicht nur um physische Sicherheit, sondern auch um die Bewahrung der ukrainischen Identität und Existenz. "Den Krieg zu verlieren, könnte bedeuten, unsere nationale Identität zu verlieren. Das ist eine Sorge, die viele teilen, die befürchten, nie wieder in die Ukraine zurückkehren zu können. Die Belastung ist enorm groß. Unzählige Freunde, Familienmitglieder und Kollegen haben in den letzten zwei Jahren unvorstellbare Verluste erlitten", erzählt Krista.

Am 24. Februar haben laut Vitsche 10.000 Menschen protestiert.
Am 24. Februar haben laut Vitsche 10.000 Menschen protestiert.Johanna Urbancik

"Wir dürfen nicht aufgeben."

Er brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit, soll Präsident Wolodymyr Selenskyj gesagt haben, nachdem ihm vor zwei Jahren angeboten wurde, evakuiert zu werden, als der Krieg begann. Diese Aussage ist auch heute noch zutreffend. Die Ukraine leidet derzeit unter einem Mangel an Munition, was zum Rückzug strategischer Schlüsselpunkte wie Awdijiwka geführt hat.

Aber es könne mehr getan werden, sagt Krista. "Auch wenn die US-Wahlen nicht zu unseren Gunsten verlaufen, können wir dennoch etwas tun. Wir können viel mehr Unterstützung leisten – mit Waffen, finanziell und durch die Übertragung von russischen Vermögenswerten an die Ukraine. Es gibt so viel Spielraum, auch innerhalb des Völkerrechts. Ich erwarte, dass der Rest Europas seine Unterstützung verstärkt, denn unsere gesamte Zukunft steht auf dem Spiel, ebenso wie die Zukunft des gesamten Kontinents. Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Situation, aber wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen die Ukraine weiterhin unterstützen. Dieses Jahr wird äußerst schwierig werden. Es wird ein schwieriges Jahr für die Ukraine sein, das unter den schlechtesten Bedingungen mit einem Mangel an Munition beginnt. Wir haben nicht genug Munition, um Städte mit Luftabwehr zu unterstützen, und auch nicht genug an der Frontlinie. Dennoch wird die Ukraine nicht aufgeben."

Ich erwarte, dass der Rest Europas seine Unterstützung verstärkt, denn unsere gesamte Zukunft steht auf dem Spiel, ebenso wie die Zukunft des gesamten Kontinents.
Krista-Marija Läbe

Der Krieg ist bereits in Deutschland angekommen

Trotz der über 2.000 Kilometer entfernten Front habe der Krieg Deutschland bereits erreicht, meint Krista. "Es handelt sich auch um einen Informationskrieg und russische Desinformation ist hier seit Jahren aktiv. Wir müssen einfach ein größeres Bewusstsein dafür schaffen, dass wir schon lange direkt davon betroffen sind", sagt sie. 

Seit Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine hat die deutsche Regierung einen Anstieg von Desinformationen aus russisch kontrollierten Medien und diplomatischen Kanälen beobachtet. Laut dem Bundesinnenministerium nutzen russische Regierungsbehörden zunehmend verschiedene Kanäle, um Wahrnehmungen zu manipulieren, ihre Handlungen zu rechtfertigen und die Ukraine zu verunglimpfen, während sie den Westen als feindlich darstellen.

Wenn Sie die Arbeit unterstützen möchten, die Vitsche leistet, können Sie dies hier tun.

"Habe meine Freunde in der Ukraine angerufen und konnte die Tränen nicht zurückhalten"

Dimitri Androssow ist im Mai 2022 aus Russland nach Deutschland geflüchtet und arbeitet jetzt für den Deutschen Bundestag. In seiner Heimat wurde er verfolgt, weil er lautstark gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine protestierte. Der 24. Februar 2022 ist ihm besonders schmerzhaft in Erinnerung geblieben. "Ich habe in der Nacht gar nicht geschlafen. Etwa um fünf Uhr morgens kamen die ersten Meldungen aus der Ukraine. Diese Rede Putins … Das war ein unheimliches Gefühl. Ich habe meine Freunde in der Ukraine angerufen und konnte die Tränen nicht zurückhalten."

Der russische Aktivist Dimitri Androssow wurde festgenommen, weil er gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine demonstriert hat.
Der russische Aktivist Dimitri Androssow wurde festgenommen, weil er gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine demonstriert hat.Donogh McCabe, Euronews

Danach hat Androssow in den sozialen Medien dazu aufgerufen, gegen den Krieg zu demonstrieren. Am Abend war er schon auf der Straße … Und bald danach im Gefängnis. Als er im März desselben Jahres freikam, versuchte er sich weiter gegen den Krieg zu engagieren. Im Mai wurde er erneut verhaftet und auf dem Polizeirevier geschlagen und gewürgt, erzählt er. Danach verließ er seine Heimat.

"Es liegt am Westen, die Ukraine so stark zu unterstützen, dass sie in der Lage ist, sich zu befreien"

Er sagt, dass er fest davon überzeugt sei, dass es kein Ende des Krieges geben wird, solange die russischen Truppen nicht von der Ukraine besiegt werden. "Es liegt am Westen, die Ukraine so stark zu unterstützen, dass sie in der Lage ist, sich zu befreien", sagte er im Interview mit Euronews. Zwar habe der Westen inzwischen die wahren Absichten des russischen Präsidenten Wladimir Putins verstanden, die Natur seines Regimes sei aber für viele Menschen noch nicht klar. "Diese Leute, die sich selbst Staatselite nennen, kommen alle entweder von der ehemaligen Kommunistischen Partei der UdSSR oder von der Geheimpolizei KGB, wie Putin selbst. Das macht ihre Mentalität, ihre Art und Weise, wie sie denken, welche Methoden sie anwenden, was sie anstreben, aus. Da die Sowjetunion und ihre Funktionäre für ihre zahllosen Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen wurden, erwachte das alte menschenverachtende System wieder zum Leben", sagt Androssow.

Trotz der heutigen politischen Lage glaubt Androssow, dass Russland eines Tages ein demokratischer und friedlicher Staat werden könnte.
Trotz der heutigen politischen Lage glaubt Androssow, dass Russland eines Tages ein demokratischer und friedlicher Staat werden könnte.Donogh McCabe, Euronews

Trotzdem ist er hoffnungsvoll, wenn es um die Zukunft Russlands geht. "Als Mitglied der Partei der Volksfreiheit (PARNAS) bin ich überzeugt, dass Russland eine gute, friedliche und freiheitliche Zukunft haben kann", so Androssow. "Es gibt wunderschöne, ausgebildete, intelligente Leute, die momentan leider keine Chance haben, auf die Geschehnisse in ihrem Land Einfluss zu nehmen. Wenn die Ukraine den Krieg gewinnt, gibt es eine Chance, dass diese Menschen nach Russland zurückkehren, aus den Gefängnissen rauskommen und sich an der Gestaltung der Zukunft meines Heimatlandes beteiligen."

Wenn die Ukraine den Krieg gewinnt, gibt es eine Chance, dass diese Menschen nach Russland zurückkehren und sich an der Gestaltung der Zukunft meines Heimatlandes beteiligen.
Dimitri Androssow

Zu Deutschland hat der studierte Politologe, Germanist und Deutschlehrer einen innigen Bezug. Vor zehn Jahren absolvierte er ein Praktikum im Deutschen Bundestag. Doch der Gedanke an den Krieg lässt ihn nicht los: "In Deutschland lässt es sich sehr gut leben, aber wenn man immer in Kontakt mit Leuten ist, die vom Krieg betroffen sind, die ihre Verwandten, ihre Familien in der Ukraine haben, dann glaube ich, egal wo auf der Welt du bist – in Deutschland, Afrika oder Amerika – du kannst diese Gedanken nicht loslassen. Dieser Krieg ist in Europa und gar nicht weit weg von Deutschland."

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