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Ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth gestorben

Rita Süssmuth zur Feierstunde im Deutschen Bundestag zu 100 Jahren Frauenwahlrecht, Berlin, 2019.
Rita Süssmuth zur Feierstunde im Deutschen Bundestag zu 100 Jahren Frauenwahlrecht, Berlin, 2019. Copyright  Bilddatenbank Deutscher Bundestag/ Achim Melde
Copyright Bilddatenbank Deutscher Bundestag/ Achim Melde
Von Sonja Issel
Zuerst veröffentlicht am
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Sie prägte die Bundespolitik über Jahrzehnte, setzte liberale Akzente in sensiblen Debatten und schrieb Geschichte als Bundestagspräsidentin. Mit Rita Süssmuth verliert Deutschland eine der einflussreichsten Politikerinnen der Nachkriegszeit.

Rita Süssmuth ist tot. Die frühere Bundestagspräsidentin und Bundesministerin starb im Alter von 88 Jahren, wie Bundestagspräsidentin Julia Klöckner am Sonntag mitteilte. Im Juni 2024 hatte Süssmuth ihre Brustkrebserkrankung öffentlich gemacht.

Süssmuth gehörte dem Deutschen Bundestag von 1987 bis 2002 an und stand ihm von 1988 bis 1998 als Präsidentin vor. Im Alter von 51 Jahren wurde sie zur zweiten Frau gewählt, die dieses hohe Staatsamt bekleidete.

Während ihrer politischen Karriere prägte Rita Süssmuth die Bundesrepublik durch ihr Wirken in Regierung und Parlament nachhaltig – und auch nach ihrem Ausscheiden aus der aktiven Politik blieb sie dem öffentlichen Leben eng verbunden. Bis zuletzt engagierte sie sich mit großer Energie in gesellschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Gremien.

Prägende Politikerin der Bundesrepublik

Ihren Einstieg in die Politik fand Süssmuth jedoch vergleichsweise spät: Erst Anfang der 1980er-Jahre trat die promovierte Erziehungswissenschaftlerin der CDU bei.

1985 berief Bundeskanzler Helmut Kohl sie dann überraschend zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit. Ein Jahr später wurde das Ressort um den Bereich Frauen erweitert. In dieser Funktion sorgte die bekennende Katholikin mit einer liberalen Haltung in der Frauen- und Abtreibungspolitik für Aufmerksamkeit – und nicht selten für Kontroversen innerhalb der eigenen Partei.

Auch in der Aids-Politik setzte Süssmuth neue Maßstäbe. In einer Zeit großer gesellschaftlicher Verunsicherung sprach sie sich entschieden gegen die Stigmatisierung von HIV-Infizierten aus und warb für Aufklärung und Solidarität. Über viele Jahre war sie Ehrenvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung.

Engagement über die Politik hinaus

Auch nach dem Ende ihrer aktiven politischen Laufbahn blieb Rita Süssmuth eine prägende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Sie übernahm weiterhin zentrale Verantwortung in wichtigen gesellschaftlichen Institutionen und brachte ihre Erfahrung in sensiblen historischen und kulturellen Fragen ein. So wurde sie 2003 Mitglied der neu eingerichteten Beratenden Kommission zur Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut – der sogenannten Limbach-Kommission –, die sich insbesondere mit geraubtem jüdischem Besitz befasst.

Ab 2005 stand Süssmuth dem Deutschen Polen-Institut als Präsidentin vor und setzte sich für den deutsch-polnischen Dialog ein. Bis zuletzt war sie dessen Ehrenpräsidentin. Über mehr als ein Vierteljahrhundert prägte sie zudem als Präsidentin den Deutschen Volkshochschul-Verband; seit 2015 trug sie auch hier den Titel der Ehrenpräsidentin.

Als überzeugte Katholikin wirkte Süssmuth zudem auch innerhalb der Kirche gestaltend: Sie leitete die Kommission "Ehe und Familie" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und war von 1980 bis 1985 Vizepräsidentin des Familienbundes der Katholiken. In all diesen Funktionen blieb sie ihrer Haltung treu – dialogorientiert, gesellschaftlich offen und dem Ausgleich verpflichtet.

Würdigung über Parteigrenzen hinweg

Der Tod Rita Süssmuths löste parteiübergreifend große Anteilnahme aus. Politiker würdigten sie als prägende Persönlichkeit, Vorbild und Vorkämpferin für Demokratie und Gleichberechtigung.

Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete Süssmuth in einem Nachruf auf der Platform X als "große Politikerin" und einen "Leitstern für unser demokratisches Gemeinwesen". Sie habe sich ihr Leben lang für Deutschland eingesetzt und sei als Bundesministerin und Bundestagspräsidentin "Vorbild und Vorkämpferin" gewesen – insbesondere für die Gleichberechtigung und die politische Teilhabe von Frauen. Süssmuth habe Maßstäbe für Toleranz, Weltoffenheit und eine moderne Gesellschaft gesetzt.

Karin Prien, Bundesfamilienministerin und somit eine der direkten politischen Nachfolger Süssmuths schrieb, sie habe die Nachricht "mit großem Bedauern" aufgenommen. Rita Süssmuth sei "für Frauen und Männer ein großes Vorbild" gewesen. Über Jahrzehnte habe sie sich mit "starker Stimme für Familien und Frauen eingesetzt – nicht nur als Frauenministerin, sondern auch in ihrer CDU".

Auch aus anderen Parteien kamen bewegte Reaktionen. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Britta Haßelmann erklärte, die Nachricht mache sie "sehr traurig". Sie sei dankbar, Rita Süssmuth gekannt zu haben: "Sie war eine aufrechte Demokratin und Parlamentarierin mit großer Leidenschaft."

Aus den Reihen der SPD würdigte unter anderem Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig Süssmuth als "unermüdliche Kämpferin für die Rechte von Frauen“" Sie sei mutig, klug und ihrer Zeit oft voraus gewesen. "Viele Fortschritte, die heute selbstverständlich erscheinen, tragen ihre Handschrift", schrieb Schwesig auf X.

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