Europas Stromnetze am Limit: Können Gratisstrom-Angebote das Wachstum der erneuerbaren Energien sichern?
Solar- und Windkraft erreichen in Europa neue Rekordwerte und nähren die Hoffnung auf mehr Energieunabhängigkeit bei rasant steigenden Brennstoffpreisen.
Doch veraltete Stromnetze und begrenzte Batteriespeicher kommen kaum hinterher.
In Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden erhalten Betreiber von Ökostromanlagen immer häufiger Geld dafür, ihre Anlagen abzuschalten. Dieses Vorgehen heißt „Abregelung“: Die Anlagen gehen vom Netz, wenn das Angebot die Nachfrage so stark übersteigt, dass das Stromnetz überlasten und instabil werden könnte.
Doch wäre es nicht günstiger, den überschüssigen Strom einfach zu verschenken?
Im vergangenen Monat hat das britische Department for Energy Security and Net Zero ein neues System angekündigt. Es testet ein Modell, das Haushalten an windreichen Tagen vergünstigten Strom liefern soll.
In seinem Summer Outlook (Quelle auf Englisch) vom 14. April hat der nationale Netzbetreiber NESO, der für die Stabilität des Systems zuständig ist, diesen Ansatz aufgegriffen. Er ermuntert Netzbetreiber, den Stromverbrauch gezielt zu erhöhen, wenn besonders viel Energie im Netz ist.
Das könnte bedeuten, dass Haushalte und Fabriken Geld dafür bekommen, überschüssigen Strom zu verbrauchen – ein Novum in Großbritannien.
Solarboom senkt Stromnachfrage in Großbritannien
Erneuerbare Energien deckten im Jahr 2025 rekordverdächtige 44 Prozent der britischen Stromerzeugung. Im Jahr 2000 lag ihr Anteil noch bei lediglich drei Prozent.
NESO warnt in seinem aktuellen Bericht, dass das Stromangebot „zeitweise in diesem Sommer“ die Nachfrage übersteigen könnte. Haupttreiber ist der Boom von Solaranlagen auf Hausdächern.
Großbritannien, bislang Nettoimporteur von Energie, könnte in solchen Phasen sogar zum Stromexporteur werden, so NESO. Doch der Brexit und der Ausbau der Erneuerbaren in ganz Europa erschweren den Export.
Wie kann das Land den überschüssigen Strom sonst nutzen?
Variable Tarife motivieren Haushalte schon heute, Strom vor allem außerhalb der Spitzenzeiten zu nutzen, wenn er weniger kostet. Künftig könnten zusätzliche Anreize hinzukommen, etwa Rabatte oder direkte Zahlungen, wenn Verbraucher Strom dann abnehmen, wenn besonders viel im Netz ist.
„Dann könnten Verbraucher ein echtes Schnäppchen machen, wenn sie die Waschmaschine einschalten, sobald die Sonne richtig scheint“, sagt Jess Ralston, Energiechefin beim britischen Thinktank Energy & Climate Intelligence Unit (ECIU).
Warum müssen Erneuerbare bei hohem Angebot abgeschaltet werden?
Die europäischen Stromnetze, die Energie in Haushalte und Unternehmen bringen, entstanden für zentrale, gleichmäßige Einspeisung aus Kohle- und Gaskraftwerken.
Angebot und Nachfrage müssen sich im Stromsystem jederzeit die Waage halten. Stimmt die eingespeiste Energiemenge nicht mit dem Verbrauch überein, gerät die Netzfrequenz aus dem Takt. Die Folge können Stromausfälle sein.
Wetterabhängige erneuerbare Energien liefern jedoch schwankende Mengen, die sich nur begrenzt vorhersagen lassen. Viele Wind- und Solarparks stehen zudem offshore oder in dünn besiedelten Regionen. Von dort ist es aufwendig, den Strom in die Städte zu transportieren, wo er gebraucht wird.
Fehlen ausreichende Möglichkeiten, überschüssige erneuerbare Energie zu speichern, erhalten Betreiber Geld dafür, ihre Anlagen abzuschalten. So verhindern sie, dass es zu einer Überlastung des Netzes kommt, wenn die Produktion die Nachfrage übersteigt.
Deutschland, Frankreich und die Niederlande haben im Jahr 2025 laut einer Analyse des Marktforschers Montel Energy zusammen rund 3,9 Terawattstunden erneuerbaren Strom abgeregelt – ein Plus von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Alle drei Länder verzeichneten zudem neue Höchststände bei Stunden mit negativen Strompreisen. Sie entstehen, wenn das Angebot die Nachfrage übertrifft und können für Kundinnen und Kunden mit variablen Tarifen besonders niedrige Rechnungen bedeuten.
Der Boom von Solaranlagen auf Wohnhäusern erschwert Netzbetreibern wie NESO die Prognose zusätzlich, weil viele Haushalte an sonnigen Tagen deutlich weniger Strom aus dem Netz beziehen.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Solarleistung im britischen Netz mehr als verdoppelt und liegt nun bei 22 Gigawatt. Das entspricht grob der Produktion von 30 großen Kohlekraftwerken.
Der Trend dürfte sich noch beschleunigen, wenn Großbritannien Steckersolar-Geräte einführt und sich Haushalte besser gegen einen durch den Konflikt im Iran destabilisierten Energiemarkt absichern wollen.
Ist es besser, Überschussstrom zu verschenken?
Großbritannien gab im Jahr 2025 laut Montel Energy 363 Millionen Pfund (418 Millionen Euro) für direkte Abregelungszahlungen aus und eine Milliarde Pfund (1,16 Milliarden Euro) für den Ersatz des abgeregelten Windstroms. Wenn erneuerbare Anlagen wegen Engpässen abgeschaltet werden, springen konventionelle Kraftwerke wie Gaskraftwerke ein, deren Strom das Netz aufnehmen kann.
Am Ende landen diese Kosten auf den Stromrechnungen der Verbraucher.
Es könnte daher für alle Beteiligten sinnvoller sein, Haushalten, Unternehmen und der Industrie Geld zu zahlen, damit sie den überschüssigen Strom nutzen.
Mit der Modernisierung der Netzinfrastruktur, die besser zu erneuerbaren Energien passt, und mit größeren Speichern dürfte das Problem der Überproduktion langfristig abnehmen. Die weitere Elektrifizierung von Autos und Heizungen wird den Strombedarf zusätzlich erhöhen und den Überschuss weiter dämpfen.