Städte bauen stark heruntergekommene Flächen in der Größe von 350 Fußballfeldern wieder auf.
Eine der am stärksten verschmutzten Städte Europas soll deutlich grüner werden. In den kommenden vier Jahren werden in Mailand rund drei Millionen neue Bäume und Sträucher gepflanzt. Sie sollen die vom Smog verhangenen Straßen reinigen.
Eine Luftqualitätsrangliste vom Oktober führt die italienische Metropole auf Platz sieben unter den weltweit zehn am stärksten verschmutzten Städten. Mailand ist damit der einzige europäische Eintrag auf der IQAir-Liste (Quelle auf Englisch). Ein Grund ist die Lage in der tiefen Poebene, in der sich die Luft nur schlecht austauscht. Hinzu kommen intensive Landwirtschaft und hohe Emissionen in der stark industrialisierten Region.
Die Fondazione Forestami, die das Projekt koordiniert, sieht mehr Grün auf Straßen, Dächern und Fassaden als günstigste und zugleich wirksamste Methode, Feinstaub zu filtern, die Stadt abzukühlen und die Lebensqualität der Bewohner zu steigern.
Seit seinem Start 2019 hat das städtische Aufforstungsprogramm fast 640.000 Bäume und Sträucher gesetzt. Initiator ist der italienische Architekt Stefano Boeri, der auch Mailands berühmten vertikalen Wald entworfen hat. Für sein Engagement für bessere Luft erhielt er eine Auszeichnung der European Lung Foundation (ELF).
Inzwischen hat das Projekt eine weitere Auszeichnung erhalten: Es gilt nun als UN World Restoration Flagship. Die Ehrung wurde am 29. Oktober während der UN-Biodiversitätskonferenz (COP17) im armenischen Jerewan bekanntgegeben.
„Ein Baum pro Einwohner“: Mailand ist eines von fünf neuen UN-Restaurations-Flaggschiffen
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) erklärt, die Auszeichnung würdige Mailands Bemühungen, die Natur in „eine der am dichtesten besiedelten und verschmutzten Metropolregionen Europas“ zurückzubringen. Das geschieht, indem „etwa ein Baum pro Einwohner“ gepflanzt und rund 350 Fußballfelder an geschädigten Stadtflächen wiederhergestellt werden.
„Die Initiative erweitert den Zugang zu Grünflächen, bezieht Schulkinder ein und wertet Flächen wie ehemalige Industrieareale, Parkplätze und Lagerhöfe wieder auf“, teilte das UNEP in einer Erklärung mit.
„Die World Restoration Flagships … zeichnen ehrgeizige und vielversprechende Beispiele großflächiger, langfristiger Renaturierung aus und tragen dazu bei, das globale Ziel zu erreichen, bis 2030 eine Milliarde Hektar degradierter Ökosysteme wiederherzustellen.“
Forestami gehört zu nur fünf Projekten, die bei der COP17 den Titel erhielten – und ist das einzige in Europa.
Zu den weiteren ausgezeichneten Programmen zählen die kolumbianische Initiative zur Wiederherstellung von Feuchtgebieten „Urban Nature Reborn“ und die „Green Seattle Partnership“, ein Projekt zur Renaturierung und Pflege der Parklandschaften der US-Stadt. Ebenfalls geehrt wurden Äthiopiens „Great Rift Valley Renaissance“, das eines der am stärksten geschädigten Waldgebiete am Horn von Afrika wiederbelebt, sowie Chinas „Blue Bay Restoration“, das Küsten- und Meeresökosysteme im großen Stil regenerieren soll.
UN: Natur kehrt zurück, doch Fortschritte bleiben zu langsam
Am Tag der Mailänder Auszeichnung veröffentlichte das UNEP einen grundlegenden Bericht zum Stand der weltweiten Wiederherstellung von Ökosystemen.
Dem Bericht zufolge werden in 149 Staaten insgesamt 252 Millionen Hektar Land wiederhergestellt – die bislang größte dokumentierte weltweite Renaturierungsanstrengung.
„Wir erleben heute die Anfänge einer der größten Bewegungen für die Natur in der dokumentierten Geschichte“, sagt Inger Andersen, Exekutivdirektorin des UNEP. „Doch zur Halbzeit der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen bringen wir die Natur noch immer nicht in dem notwendigen Umfang und Tempo zurück.“
Die Fortschritte hin zum sogenannten „30x30“-Ziel, bis Ende des Jahrzehnts mindestens 30 Prozent der geschädigten Land- und Meeresflächen des Planeten zu schützen, sind uneinheitlich.
Bei terrestrischen Ökosystemen ist inzwischen fast die Hälfte des globalen Ziels erreicht. In Süßwasser-, Meeres- und Küstenökosystemen, die sich am schnellsten verschlechtern, hinkt die Renaturierung deutlich hinterher. Die jährlichen Finanzmittel für Wiederherstellung müssen sich zudem mehr als vervierfachen.
Die Wiederherstellung von Ökosystemen ist entscheidend für die Versorgung mit Nahrung und Wasser, für die Klimastabilität und für die Gesundheit der Menschen.
Würden allein 15 Prozent der globalen Vorranggebiete renaturiert, könnten 30 Prozent der seit der Industriellen Revolution ausgestoßenen CO₂-Äquivalente gebunden werden. Zudem ließen sich so 60 Prozent der drohenden Artenauslöschungen verhindern.
Die Erreichung der globalen Ziele könnte laut UNEP bis 2030 weltweit schätzungsweise bis zu 32 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen.
„Wir können nicht erwarten, die Natur mit der einen Hand zu heilen und sie mit der anderen zu zerstören“, sagt Astrid Schomaker, Exekutivsekretärin des Sekretariats des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD), das den Bericht mitveröffentlicht hat. „Regierungen müssen die Ursachen der Zerstörung von Ökosystemen angehen und in Überwachungsmechanismen investieren, um die Dauerhaftigkeit der bisherigen Renaturierungsbewegung zu sichern.“
Der Bericht fordert die Regierungen auf, über Einzelprojekte hinauszudenken und „Renaturierungsökonomien“ aufzubauen, in denen dauerhafte Erholung der Natur langfristig auch Arbeitsplätze und Einkommen sichert.