Euronews Business beleuchtet, wie die Menschen in Europa über eine Mindestvermögenssteuer für Superreiche und Mindeststeuern für Großkonzerne denken.
Steuern sind ein Kernstück des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Sie verschaffen Staaten die Einnahmen, die sie für ihre Aufgaben, öffentliche Leistungen und Stabilität brauchen. Die EU will das Steuersystem gerechter, transparenter und effizienter machen und geht dafür gegen Diskriminierung, Doppelbesteuerung und Steuerhinterziehung vor.
Große multinationale Konzerne und sehr wohlhabende Privatpersonen geraten zunehmend in den Fokus. In der Debatte geht es darum, ob sie ihren fairen Anteil zahlen. Immer wieder fordern Proteste in Europa, dass sie stärker zur Kasse gebeten werden.
Eine Eurobarometer-Umfrage von 2025 ergab: Zwei Drittel der EU-Bürgerinnen und -Bürger befürworten eine Steuer auf Vermögende, vier von fünf eine stärkere Besteuerung großer multinationaler Unternehmen. Die Zustimmung fällt je nach Land sehr unterschiedlich aus. Fachleute verweisen auf unterschiedliche Vertrauenswerte in Regierungen und öffentliche Institutionen als zentrale Erklärung.
Die Teilnehmenden sollten etwa folgende Frage beantworten: „Wie stehen Sie zu einer Mindeststeuer auf Vermögen, die nur für die vermögendsten Personen Ihres Landes gilt (oberste 0,001 %)?“
Im EU-Durchschnitt sprachen sich 65 % für eine solche Mindeststeuer aus. Die Spannbreite reicht von 45 % in Tschechien bis 78 % in Ungarn.
Abgesehen von diesen beiden Ländern liegt die Zustimmung in Bulgarien, Rumänien, Kroatien und Griechenland jeweils bei mindestens 70 %. In Polen und Dänemark dagegen unterstützt weniger als die Hälfte eine solche Abgabe.
Unter den vier größten Volkswirtschaften der EU fallen die Unterschiede gering aus. Italien liegt mit 70 % vorne, dicht gefolgt von Deutschland und Spanien mit jeweils 69 %. Frankreich erreicht 65 % und entspricht damit genau dem EU-Durchschnitt.
In Mittel- und Osteuropa ist die Zustimmung insgesamt hoch, die Unterschiede innerhalb der Region sind jedoch deutlich. Polen und Tschechien stechen als Ausreißer hervor, dort ist die Unterstützung deutlich niedriger.
In einigen Ländern mit geringerer Zustimmung ist außerdem der Anteil der „Weiß nicht“-Antworten auffallend hoch, etwa in Tschechien mit 25 % und in Lettland mit 19 %.
Ungleichheit und Vermögensunterschiede
„Wie Menschen Ungleichheit wahrnehmen und wie sichtbar Vermögensunterschiede sind, prägt Einstellungen zu Steuern ganz entscheidend“, sagte Erick Kirchler von der Universität Wien gegenüber Euronews Business.
„Wo soziale Sicherungssysteme schwach sind und Vermögensunterschiede besonders ins Auge fallen, fordern Bürgerinnen und Bürger eher stärkere Korrekturen. Dazu gehören auch höhere Steuern für die Superreichen.“
Er erinnerte daran, dass viele Vermögensteuern in den nordischen Ländern abgeschafft wurden. Der Grund waren Zweifel an ihrer Effizienz und die Sorge vor Steuervermeidung. Die Menschen dort vertrauen den bestehenden Einkommen- und Kapitalertragsteuern. Sie gelten als wirksam und als relativ faire Lastenverteilung. „Entsprechend ist die Bereitschaft gering, eine allgemeine Vermögensteuer wieder einzuführen“, so Kirchler.
Vertrauen in den Staat als Schlüsselfaktor
Caren Sureth-Sloane von der Universität Paderborn betonte, dass Unterschiede im Vertrauen in Regierungen diese Wahrnehmungen stark prägen. Auch Einkommen und Vermögensungleichheit sowie die Frage, welche Ungleichheit Menschen noch akzeptabel finden, spielten eine Rolle.
„Wenn Menschen überzeugt sind, dass die ‚Reichen‘ das System ausnutzen können und dass Politik und Verwaltung schlecht kontrolliert oder sogar korrupt sind, wächst der Unmut. Dann steigen auch die Forderungen nach einer Vermögensteuer“, sagte sie Euronews Business.
Als die Befragten angaben, in welchem Maß sie zustimmen, dass große multinationale Unternehmen in jedem Land, in dem sie aktiv sind, mindestens einen bestimmten Steuerbetrag zahlen sollen, fiel die Zustimmung noch höher aus.
EU-weit stimmen 80 % der Befragten dem zu. Davon sagen 44 %, sie stimmen „voll und ganz“ zu, 36 % „eher“. Die Unterstützung reicht von 67 % in Ungarn bis 87 % in Griechenland.
In mehreren Ländern finden mehr als vier von fünf Befragten, dass Konzerne dort eine Mindeststeuer zahlen sollen, wo sie Geschäfte machen. Dazu gehören Österreich mit 86 %, Bulgarien mit 84 %, Frankreich, Finnland, Portugal und Malta mit jeweils 83 %, Kroatien und Deutschland mit 82 % sowie Luxemburg mit 81 %.
Besonders hoch ist der Anteil derjenigen, die „voll und ganz“ zustimmen, in Österreich mit 54 %, in Kroatien mit 51 % und in Deutschland mit 48 %.
Neben Ungarn liegt die Gesamtzustimmung unter drei Vierteln auch in Lettland mit 72 %, in Slowenien mit 73 %, in der Slowakei mit 73 % und in Tschechien mit 74 %.
Laut Sureth-Sloane bleibt Österreich ein attraktiver Standort für ausländische Direktinvestitionen (FDI), während Ungarn zu den weniger attraktiven zählt. Daraus lässt sich schließen, dass Ungarn verstärkt um FDI wirbt, auch wenn der Staat dafür auf einen Teil der Unternehmenssteuern verzichtet.
„Diese Strategie speist sich vermutlich aus der Erwartung, dass andere Steuern am Ende mehr einbringen, etwa verbrauchsabhängige Abgaben wie die Mehrwertsteuer. In Österreich dagegen machen sich viele Menschen eher Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen gegenüber internationalen Konkurrenten“, sagte sie.
Ausländische Direktinvestitionen
Kirchler betonte, dass Österreich, Kroatien und Bulgariensich nicht als Steueroasen sehen, sondern als Marktwirtschaften, die von Unternehmen faire Beiträge erwarten. „Eine Mindeststeuer verspricht mehr Stabilität und Schutz vor Gewinnverlagerung. Gerade in Südosteuropa sind diese Fragen besonders wichtig“, sagte er.
Kirchler erklärte, dassUngarn und Lettland auf niedrige Unternehmenssteuern und ausländische Investitionen setzen, um ihre Wirtschaft zu stärken. „_E_instellungen sind dort zurückhaltender … Viele Menschen befürchten, dass strengere internationale Steuerabsprachen ihre Wettbewerbsfähigkeit schwächen könnten“, ergänzte er.
Zu den bekanntesten multinationalen Konzernen zählen Amazon, Meta, Google und Apple. Einige von ihnen sahen sich bereits Protesten wegen ihrer Steuerpraxis ausgesetzt.
Das Gefühl, dass Steuern „gerecht“ verteilt sind, ist in nordischen und westeuropäischen Ländern generell stärker ausgeprägt als in Osteuropa. Fachleute führen diese Lücke vor allem auf die Qualität öffentlicher Dienstleistungen und die Wirksamkeit der Umverteilung durch die Steuersysteme zurück.
Ein Euronews-Artikel mit dem Titel „Vermögensteuern in Europa“ zeigt im Detail, welche Länder solche Abgaben erheben und wie viel sie damit einnehmen. Die Spitzensteuersätze auf Einkommen für Topverdienende unterscheiden sich in Europa ebenfalls deutlich.