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EU-Lohntransparenz: Werden Gehaltsangaben in Stellenanzeigen endlich ehrlich?

Auf diesem Foto vom Mittwoch, 16. Dezember 2020 unterhält sich Krankenschwester Anne-Catherine Charlier (Mitte) in der Pause mit Kollegen auf der Covid-Intensivstation.
Archivfoto vom Mittwoch, 16. Dezember 2020: Krankenschwester Anne-Catherine Charlier spricht in der Essenspause mit Kollegen auf der COVID-19-Intensivstation. Copyright  Copyright 2020 The Associated Press.All rjghts reserved
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Von Servet Yanatma
Zuerst veröffentlicht am
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Nur wenige EU-Staaten haben die Frist für die Richtlinie zur Lohntransparenz eingehalten. Daten von Indeed zeigen, wie sich der Anteil der Stellenanzeigen mit Gehaltsangabe verändert.

Die große Mehrheit der Europäerinnen und Europäer weiß bei einer Bewerbung nicht, wie viel sie in der Stelle verdienen würde. In vielen Anzeigen fehlt jede Angabe zum Gehalt. Bewerberinnen und Bewerber investieren jedoch viel Zeit und Energie, sie führen Gespräche und absolvieren teils sogar praktische Tests.

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Trotzdem erfahren viele erst nach einem erfolgreichen Auswahlverfahren, was sie tatsächlich verdienen sollen. Oft haben sie auch kaum eine Vorstellung davon, wie viel Kolleginnen und Kollegen im selben Betrieb bekommen.

Nach Einschätzung der EU-Kommission begünstigt das Lohndiskriminierung und vergrößert den Unterschied zwischen den Einkommen von Frauen und Männern. Um gegenzusteuern, hat die EU die Richtlinie über Lohntransparenz beschlossen. Die Frist zur Umsetzung in nationales Recht endete am siebten Juni dieses Jahres. Die meisten Mitgliedstaaten haben sie jedoch verpasst.

Italien ist unter den großen Volkswirtschaften Europas bislang das einzige Land, das die Vorgaben umgesetzt hat. Die Folgen sind deutlich, wie Daten der weltweiten Jobplattform Indeed zeigen. Der Anteil der Stellenanzeigen mit Gehaltsangabe stieg dort von 26 % im Juli 2025 auf 61 % im Juli dieses Jahres.

Italien weist damit unter den fünf größten Volkswirtschaften Europas inzwischen den höchsten Anteil an Stellenanzeigen mit Gehaltsangabe auf.

„Italien entwickelt sich unter den großen europäischen Volkswirtschaften zu einem Vorreiter bei der Lohntransparenz, und die Zahlen deuten darauf hin, dass Regulierung hier tatsächlich etwas bewegt“, sagte Pawel Adrjan, Leiter der volkswirtschaftlichen Forschung bei Indeed, gegenüber Euronews Business.

Einem Anfang August veröffentlichten Beitrag der Beratungsgesellschaft PwC zufolge hatten bis November erst fünf EU-Staaten die Richtlinie in nationales Recht überführt: Italien, die Slowakei, Malta, Litauen und Griechenland.

Spanien ist nur begrenzt vorangekommen, Deutschland hat die Umsetzung auf Anfang 2027 verschoben. Für Frankreich ist der Status weiterhin „nicht angegeben“.

Obwohl das Vereinigte Königreich (UK) nicht mehr der EU angehört, verzeichnet es auf Indeed seit Beginn der Datenerhebung Anfang 2020 den höchsten Anteil an Stellenanzeigen mit Gehaltsangabe. Im Januar 2020 lag der Anteil im Vereinigten Königreich bei 40 %, Frankreich folgte mit 20 % auf Rang zwei unter den fünf größten Volkswirtschaften Europas plus die Niederlande.

Italien überholt Vereinigtes Königreich erstmals

Im Juli 2026 hat Italien das Vereinigte Königreich bei der Lohntransparenz in diesem Vergleich erstmals überholt: 61 % der Anzeigen enthielten dort Gehaltsangaben, im Vereinigten Königreich waren es 60 %.

Die übrigen vier Länder liegen weiterhin unter 50 %, die Niederlande mit 49,5 % nur knapp darunter.

In zwei großen Volkswirtschaften Europas liegt der Anteil der Stellenanzeigen mit Gehaltsangabe sogar unter 20 %: in Deutschland bei 14 %, in Spanien bei 18 %. In Frankreich beträgt er 43 %.

Die Entwicklung in Italien innerhalb eines Jahres ist bemerkenswert. Im Juli des Vorjahres enthielt dort nur gut ein Viertel der Stellenanzeigen (26 %) eine Gehaltsangabe, so Indeed.

„Der Anteil der italienischen Stellenanzeigen mit Gehaltsangabe ist von 35 % im Januar auf 61 % im Juli gesprungen und hat nach dem Inkrafttreten der EU-Richtlinie zur Lohntransparenz im Juni noch einmal deutlich angezogen“, sagte Adrjan.

„Italien geht sogar über die EU-Vorgaben hinaus und verpflichtet Arbeitgeber, die Gehaltsspanne direkt in die Stellenanzeige zu schreiben. Arbeitssuchende erhalten diese Information also, bevor sie überhaupt entscheiden, ob sie sich bewerben“, so Adrjan weiter.

Lohntransparenz legt nach Inkrafttreten des Gesetzes zu

Adrjan betonte in einem Beitrag in sozialen Netzwerken auch, dass der Anstieg bereits vor Ablauf der Frist eingesetzt habe, weil einige Unternehmen den neuen Regeln vorgegriffen hätten. „Mit Inkrafttreten des Gesetzes hat die Lohntransparenz dann weiter Fahrt aufgenommen“, schrieb er.

Arbeitgeber müssen in der Stellenausschreibung nun das Einstiegsgehalt oder die Gehaltsspanne angeben und dürfen diese Information nicht erst irgendwann im Verlauf des Bewerbungsverfahrens preisgeben.

Ein vollständiger Wert von 100 % ist allerdings nicht zu erwarten, weil der Geltungsbereich der Richtlinie begrenzt ist. In Italien sind etwa bestimmte Beschäftigungsformen ausgenommen, außerdem wird über Details der Durchsetzung noch gestritten.

Adrjan weist darauf hin, dass zwar noch längst nicht jede Anzeige ein Gehalt ausweist. Doch je mehr Unternehmen ihre Praxis anpassen, desto klarer zeigt der Trend nach oben.

Frauen verdienen elf Prozent weniger als Männer

Laut Eurostat lag das geschlechtsspezifische Lohngefälle in der EU im Jahr 2024 bei elf Komma eins Prozent. Verdienen Männer 100 Euro, kommen Frauen im Schnitt nur auf 88,9 Euro.

„Die nächste Bewährungsprobe wird sein, ob andere europäische Länder einen ähnlich konsequenten Schritt von der Transparenz als Prinzip hin zur gelebten Praxis schaffen“, sagte Pawel Adrjan.

Er machte zugleich deutlich, dass Transparenz in Europa insgesamt noch hinterherhinkt. Viele Parlamente schieben die Umsetzung der Vorgaben ins nationale Recht vor sich her. In manchen Staaten gilt derzeit sogar als wahrscheinlich, dass Gehaltsspannen in Stellenanzeigen am Ende gar nicht verpflichtend ausgewiesen werden müssen.

„Verrat an arbeitenden Frauen“

Die Generalsekretärin des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB), Esther Lynch, sprach von einem „Verrat an arbeitenden Frauen“, weil die Frist nicht eingehalten wurde.

„Geheimhaltung beim Lohn gibt der Arbeitgeberseite die gesamte Macht und lässt Frauen und ihre Gewerkschaften ohne die grundlegenden Informationen zurück, die sie brauchen, um sich zu wehren“, sagte sie.

Nach Berechnungen des EGB entgehen Frauen, die in der EU arbeiten, wegen des Lohngefälles zwischen den Geschlechtern pro Jahr 358 Milliarden Euro. Das entspricht im Schnitt fast 3.900 Euro pro Frau.

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