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Europa hat beschlossen, COVID-19 ist vorbei. Ist es aber nicht.

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Von Jorge Liboreiro  & ras
Die meisten europäischen Länder haben alle Beschränkungen aufgehoben, Masken sind meist nur noch in öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht.
Die meisten europäischen Länder haben alle Beschränkungen aufgehoben, Masken sind meist nur noch in öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht.   -   Copyright  Adrienne Surprenant/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved

Es ist offiziell: COVID-19 ist vorbei. Oder etwa nicht?

Zwei dramatische Jahre waren bestimmt von Schock, Angst, Chaos, Empörung, Erschöpfung und sogar auch Lockdown-Langeweile. Jetzt scheinen die Europäer beschlossen zu haben, die tödliche Pandemie, die jeden Aspekt ihres täglichen Lebens auf den Kopf gestellt, eine Wirtschaftskrise ausgelöst und berufliche und persönliche Gewohnheiten für immer verändert hat, kollektiv hinter sich zu lassen.

Der Kontinent hat genug von Reisebeschränkungen, Ausgangssperren, geschlossenen Geschäften und Covid-Pässen. Weg mit der Maske, die Musik spielt wieder: Beim Karneval in Venedig, dem Glastonbury Festival oder dem Münchner Oktoberfest will verlorene Zeit aufgeholt werden.

Die Wende, auch „Freedom Day“ genannt, hat auf sich warten lassen: Seit die erste Corona - Welle Mitte 2020 abzuklingen begann, haben die Europäer ungeduldig auf die perfekte Gelegenheit gewartet, zurückzukehren in ihr vorpandemisches Leben und Teststäbchen aus dem Gedächtnis zu streichen.

Doch die ersehnte Freiheit wurde immer wieder ausgehebelt, durch das Auftauchen neuer und zunehmend ansteckender Virusvarianten und die anschließende Wiedereinführung von Eindämmungsmaßnahmen – ein Hin- und Her, das bald ein weit verbreitetes und schwindelerregendes Déjà-vu-Gefühl hervorrief.

Die Nachricht, dass die hochinfektiöse Omikron-Variante relativ milde und überschaubare Symptome verursacht, sahen viele als Silberstreif am Horizont auf ein baldiges Ende der Plage.

Der Weg aus der Angst: Omikron und Impfungen

Ermutigt durch erfolgreiche Impfkampagnen begannen die europäischen Länder, nach und nach Regeln, Beschränkungen und Vorschriften aufzuheben, bis sie nur noch marginal und in einigen Fällen sogar nur noch symbolisch waren.

Spanien, eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder, hob seine zwei Jahre lang geltenden Verordnungen auf, die das Tragen von Masken in Innen- und Außenbereichen vorschrieben, und beschränkte diese Praxis auf öffentliche Verkehrsmittel und Gesundheitseinrichtungen.

Österreich hob seine 3G-Regeln - geimpft, genesen oder getestet - auf, die für Restaurants, Bars und Clubs galten, Frankreich schaffte seinen grünen Pass gleich ganz ab. Das war so bahnbrechend, dass es andere Länder inspirierte, diesem Beispiel zu folgen. Auch in Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Schweden, Polen, Rumänien, Ungarn, Irland und dem Vereinigten Königreich wurden alle oder fast alle Beschränkungen aufgehoben.

Dänemark ging noch einen Schritt weiter, als es als erstes europäisches Land sein Impfprogramm mit der Begründung einstellte, die Impfquote - über 82 % der Bevölkerung sind doppelt geimpft - reiche aus, um die Pandemie in ihrem derzeitigen Stadium einzudämmen.

"Wir sind in einer guten Position. Der Frühling ist da, und wir haben die Epidemie gut unter Kontrolle, sie scheint abzuflauen", sagte Bolette Søborg, Abteilungsleiterin beim dänischen Gesundheitsamt.

Die dänische Behörde plant, das Programm im Herbst wieder aufzunehmen, wenn ein Anstieg der Infektionen erwartet wird oder neue Varianten auftauchen.

Eine neue Phase der Pandemie

Diese Dynamik veranlasste die Europäische Kommission zu der Erklärung, die Pandemie sei in ein neues Kapitel eingetreten, wo die Zählung einzelner Fälle überflüssig sei. Anstelle von Massentests, so die Empfehlung der Kommission, sollten sich die Länder auf gezieltes Testen konzentrieren, um neue Varianten zu erkennen.

Wir treten in eine neue Phase der Pandemie ein
Stella Kyriakides
EU-Kommissarin für Gesundheit

Stella Kyriakides, EU-Kommissarin für Gesundheit sagte Ende April, es sei eine "Neue Phase, die von uns verlangt, dass wir den Umgang mit dem Virus neu überdenken."

Kyriakides rief dazu auf, die Kampagne zur Auffrischungsimpfung fortzusetzen, und wies darauf hin, dass über 90 Millionen EU-Bürger noch immer nicht geimpft sind.

"Es wurde schon viel erreicht, aber die Bereitschaft und die strukturelle Widerstandsfähigkeit sind entscheidend", fügte sie hinzu. Die Kommissarin wies darauf hin, dass sich schätzungsweise 60 bis 80 % der EU-Bevölkerung in den letzten zwei Jahren mit dem Virus infiziert haben.

Was ein Mensch aushält

Die schieren Zahlen werfen die Frage auf, wie viel Kraft die Europäer noch haben, um mit einer Krankheit fertig zu werden, die so allgegenwärtig geworden ist.

Die Regierungen sind sich der schwindenden Bereitschaft in der Bevölkerung bewusst, weitere Beschränkungen hinzunehmen. Diese Erkenntnis zeigt sich auch daran, wie schnell die Länder die Sondermaßnahmen aufhoben, nachdem die Omikron-Welle im Januar ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Auch die Medien scheinen es eilig zu haben, das Virus hinter sich zu lassen und das Thema zu wechseln.

Die Pandemie wurde von den Titelseiten verdrängt, um Platz zu machen für Russlands Einmarsch in der Ukraine, internationale Sanktionen und steigende Energiepreise. Google Trends zeigt einen stetigen Rückgang des Interesses an dem Begriff "COVID-19" in den größten europäischen Ländern.

Die Pandemie ist nicht vorbei

Hinter dieser gemeinsamen Anstrengung, einen Neustart zu machen, verbergen sich aber zwei unbequeme Wahrheiten.

Erstens: Nach wie vor sterben täglich Europäer an der Krankheit, auch wenn die Krankenhäuser nicht mehr überlastet sind. Allein im April wurden mehr als 13 000 Todesfälle registriert.

In Asien richtet Omikron verheerende Schäden an. China hat eine drakonische Zero-COVID-Strategie eingeführt, die die globalen Lieferketten unterbricht. Und weltweit ist die Ungleichheit bei der Impfung nach wie vor erschreckend groß: Nur 15 % der Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen haben ihre erste Dosis erhalten.

Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei - und sie wird nirgendwo vorbei sein, bevor sie nicht überall vorbei ist."
Dr. Tedros Adhanom Gebreyesus
WHO-Generaldirektor

"Obwohl die gemeldeten Fälle und Todesfälle weltweit zurückgehen und mehrere Länder die Beschränkungen aufgehoben haben, ist die Pandemie noch lange nicht vorbei - und sie wird nirgendwo vorbei sein, bevor sie nicht überall vorbei ist", so Dr. Tedros Adhanom Gebreyesus, Direktor der Weltgesundheitsorganisation WHO Anfang März anlässlich des offiziell zweiten Jahrestags der Pandemie.

Die zweite Wahrheit, die durch diesen plötzlichen Sinneswandel verdeckt wird, ist die Tatsache, dass einige Menschen weder bereit noch willens sind, das Virus hinter sich zu lassen, zumindest nicht so schnell. In manchen Fällen kann das Trauma, zwei Jahre lang in ständigem Alarmzustand zu leben, lähmend wirken, auch wenn die allgemeinen Aussichten Anlass zu Optimismus geben.

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Viele Europäer haben mit den langfristigen psychischen Folgen der Pandemie zu kämpfen, auch wenn die Regierungen die meisten Beschränkungen aufgehoben haben.AP Photo

"Der allgemeine Eindruck ist, dass die Leute sehr schnell zum „Business as usual“ zurückkehren und sich so verhalten, als gäbe es COVID nicht mehr. Ich denke aber, dass diese Art von Verhalten nicht bei allen da ist", so Carmine Pariante, Professor für biologische Psychiatrie am King's College London, gegenüber Euronews.

Die Angst in der Bevölkerung vor COVID ist immer noch sehr stark.
Carmine Pariante
Professor für biologische Psychiatrie, King's College London

"Es gibt viele Menschen, die noch immer Probleme damit haben, sich in Gruppen zu treffen, in Restaurants zu gehen oder an belebte Orte. Und selbst wenn sie es tun, haben sie große Angst davor. Eine Normalisierung wird also schrittweise kommen.“

Die psychische Gesundheit ist ein Hauptopfer der Pandemie

Im ersten Jahr der Pandemie stieg die weltweite Prävalenz von Angstzuständen und Depressionen um atemberaubende 25 %, wie aus einem im März von der WHO veröffentlichten wissenschaftlichen Bericht hervorgeht.

Die WHO nennt den "beispiellosen Stress durch soziale Isolation" als Ursache für diesen besorgniserregenden Trend, gepaart mit Einsamkeit, Angst vor Ansteckung, Trauer nach einem Todesfall, finanziellen Problemen und, im Falle von Arbeitskräften, körperlicher Erschöpfung.

Diese psychischen Schäden werden langfristig und weitreichend sein, warnen Experten, und sie werden uns erhalten bleiben, auch wenn die Infektionen weiter zurückgehen. Es wird an den Regierungen liegen, zu entscheiden, wie viel Aufmerksamkeit sie dem Virus und seinen Auswirkungen in den kommenden Jahren schenken. Und zwar auch in Form von Gegenmaßnahmen, die Geld kosten.

Diese politischen Entscheidungen wiederum werden bestimmen, wie schnell das kollektive Bewußtsein die tödliche Krankheit hinter sich lässt und in die Post-COVID-Ära eintritt, so Pariante.

"Wenn die politischen Entscheidungsträger COVID-19 komplett von der Tagesordnung streichen, werden wir das Virus wohl auch vergessen", so der Professor. "Aber es wird weiter viele gefährdete Menschen geben, die für eine lange Zeit von den Folgen der Pandemie betroffen sein werden, selbst wenn sich die Gesellschaft insgesamt wieder erholen wird.“