In Italien fordert die Opposition Aufklärung vom Innenminister, nachdem ein 42-Jähriger in Bologna trotz seiner Hilferufe bei einem Polizeieinsatz gestorben ist. Auf einem Video ist zu hören, wie der Mann "Aiuto, basta, basta" (Hilfe, genug, genug) ruft.
In Bologna ist ein Mann vor den Augen von mehreren Sanitätern gestorben, während zwei Polizisten ihn am Boden fixiert hielten.
Es gibt ein verstörendes Video, das inzwischen viral geht: Das Gesicht auf den Asphalt gedrückt, ruft der Mann mehrere Minuten lang um Hilfe, dann spricht und bewegt er sich nicht mehr.
Viele erinnert der Fall an George Floyd, der 2020 in Minneapolis durch Polizeigewalt starb und die Black Lives Matter-Bewegung mit wochenlangen Protesten nicht nur in den USA auslöste.
In Italien reagiert in dem Video zunächst niemand, nur das Zirpen der Zikaden ist zu hören und erinnert an die große Hitze dieser Tage.
Etwa 30 Sekunden später wird Abderrahim Fakir, so hieß der von der Polizei fixierte Mann, auf die Seite gedreht: Er ist bereits tot.
Was über den Polizeieinsatz bekannt ist
Der Polizeieinsatz findet am Sonntag, dem 19. Juli 2026, im Stadtteil Pilastro, einem Vorort im Nordosten von Bologna statt. Um die Mittagszeit ist es in der Metropole der Emilia-Romagna mehr als 35 Grad heiß.
Die Beamten treffen gegen 12:15 Uhr am Einsatzort ein. Sie rufen den Notdienst 118, und rund eine Viertelstunde später fährt ein Krankenwagen vom Roten Kreuz vor.
Die Polizeidirektion von Bologna hat eine Mitteilung veröffentlicht, in der sie den Ablauf schildert: "Die Beamten sind auf Bitte von Bürgerinnen und Bürgern eingeschritten, die eine Person in großer Erregung gemeldet hatten."
Um die Person unter Kontrolle zu bringen, seien die Beamten von anderen Anwesenden unterstützt worden, auch nachdem ein Auto beschädigt worden war.
Die Beamten hätten zudem sofort die Hilfe des medizinischen Notdienstes 118 angefordert. Zu dem, was der Verstorbene zuvor getan hatte, lagen zunächst weder weitere Informationen noch Zeugenaussagen vor.
Der Bruder von Fakir, der zusammen mit der Schwester beim Einsatz dabei war, sagte Journalisten, die Beamten hätten ein Reizgas-Spray gegen Abderrahim Fakir eingesetzt und es ihm sogar in den Mund gesprüht.
Nach Angaben von Nachrichtenagenturen und Lokalzeitungen entschieden die Beamten später, ihn zu fixieren, indem sie ihm mit den Knien die Handgelenke hinter dem Rücken niederdrückten. Sie wollten ihn fesseln.
Wer ist der Mann, der in Bologna nach Polizeifixierung stirbt?
Der Verstorbene hieß Abderrahim Fakir, war 42 Jahre alt und stammte aus Marokko. Er hatte keine italienische Staatsbürgerschaft, lebte aber seit seinem siebten Lebensjahr in Italien, wohin er mit seiner Familie gekommen war.
Die Rechtsanwältin Barbara Spinelli, die ihn bei der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis vertrat, sagte der Nachrichtenagentur Ansa: "Er hatte ein Unternehmen, Angestellte und sprach wie ein verantwortungsbewusster Familienvater, auch wenn er keine Kinder hatte.“
In den vergangenen Monaten, so Spinelli weiter, habe er Sorgen wegen des Inkrafttretens des neuen Europäischen Pakts zu Migration und Asyl geäußert. "Er hatte eine unbegründete Angst, aus Italien ausgewiesen zu werden. Ich versuchte, ihn zu beruhigen und sagte ihm, dass er als Letzter Anlass zur Sorge haben müsse, weil seine gesamten Dokumente in Ordnung seien.“
Die Tageszeitung Repubblica schreibt, er habe "kleinere Vorstrafen“ gehabt und sei zweimal verheiratet gewesen: zunächst mit einer Italienerin und später mit einer Frau marokkanischer Herkunft. Er lebte in Borgonuovo, einem Ortsteil der Gemeinde Sasso Marconi, außerhalb von Bologna.
Familienangehörige erklärten Reportern, Abderrahim Fakir sei Inhaber einer Firma für Lager- und Reinigungsarbeiten gewesen, in der er vor allem Logistik und Umzüge organisiert habe. In Pilastro habe er Freunde gehabt, die er häufig besuchte.
Ob Abderrahim Fakir gesundheitliche Probleme hatte, ist unklar. Einige Bekannte, die am Einsatzort eintrafen, sagten, er sei herzkrank und habe Asthma. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es bislang nicht.
Staatsanwaltschaft und Gesundheitsbehörde ermitteln
Eine Obduktion soll helfen, den Ablauf des Geschehens besser zu verstehen. Die Staatsanwaltschaft von Bologna hat dabei erstmals die neue Regelung zum "Schutzschirm“ für Polizisten angewandt.
Es gibt derzeit keine Beschuldigten.
Die Polizeidirektion bestätigte zudem, dass die eingesetzten Beamten Bodycams trugen, kleine Videokameras, mit denen Polizeieinsätze aufgezeichnet werden. Die Aufnahmen werden den Ermittlungsbehörden für die strafrechtlichen Untersuchungen zur Verfügung gestellt.
Die Staatsanwaltschaft teilte am Montagmorgen mit, die Untersuchungen würden "den gesamten Ablauf der Ereignisse berücksichtigen, der zeitlich über das bisher im Netz verbreitete Video hinausgeht, sowie das Handeln der Einsatzkräfte sowohl der Polizei als auch des medizinischen Personals“.
Unterdessen hat auch die Gesundheitsbehörde von Bologna eine interne Untersuchung eingeleitet. In einer Mitteilung erklärte sie, sie sammle "alle verfügbaren Informationen“ und bestätigte Uhrzeiten und Reihenfolge des Einsatzes in der Via Svevo: Der Krankenwagen wurde demnach um 12:17 Uhr losgeschickt und traf um 12:30 Uhr am Einsatzort ein.
Um 12:36 Uhr nahmen die Rettungskräfte des Krankenwagens Kontakt mit der Leitstelle auf, um ärztlichen Rat einzuholen, und baten gleichzeitig um den Einsatz eines Notarztfahrzeugs, das um 12:53 Uhr eintraf und den Tod feststellte. Es wird zu klären sein, was in diesen 36 Minuten geschah.
Tod von Abderrahim Fakir: Familie und Politik reagieren
Die Schwester von Abderrahim Fakir erhob schwere Vorwürfe gegen die Polizei und erklärte: "Wenn jemand aufgewühlt ist, musst du ihn beruhigen, nicht unter der Sonne töten.“
Schon am Sonntagabend versammelten sich Angehörige und rund 300 Menschen in Pilastro zu einer spontanen Kundgebung aus Solidarität und forderten, die Umstände seines Todes vollständig aufzuklären.
Im Laufe des Tages ordnete die Vizepräsidentin des Senats, Mariolina Castellone (M5S), den Fall politisch ein: "Wenn eine Person dem Staat anvertraut ist, hat der Staat die Pflicht, ihr Leben und ihre Würde zu schützen.“
Es wurden bereits zwei parlamentarische Anfragen an Innenminister Matteo Piantedosi angekündigt: von der Senatorin des Bündnisses der Grünen und Linken, Ilaria Cucchi – der Schwester von Stefano, der am 22. Oktober 2009 in Rom während der Untersuchungshaft starb – und vom Vorsitzenden von +Europa, Riccardo Magi. Magi sagte: "Wir haben ein Sterben in Echtzeit gesehen, zudem unter den Augen des medizinischen Personals.“ Am Montagvormittag schlossen sich auch die linken Oppositionsparteien PD und die Fünf-Sterne-Bewegung M5S der Forderung nach einer dringenden Unterrichtung an.
Aus dem Mitte-Rechts-Lager und von den Regierungsparteien kam zunächst kein Kommentar, aber sich am Abend sprach der Fraktionsvorsitzende der Meloni-Partei FdI im Abgeordnetenhaus, Galeazzo Bignami von einem "Einsatz, der mit Professionalität und angemessenen Methoden von den Ordnungskräften durchgeführt wurde“. Kurz darauf äußerte sich die rechte Lega: "Die Polizisten haben ihre Pflicht erfüllt. Hände weg von der Polizei.“
Der Bürgermeister von Bologna Matteo Lepore rief hingegen für diesen Montag, 20. Juli, um 19:00 Uhr zu einer Kundgebung auf der Piazza Nettuno im Zentrum von Bologna auf und verlangte Klarheit durch die Ermittlungen.
Die Gewerkschaft Si Cobas hat einen Tag der Arbeitsniederlegung ausgerufen und proklamierte, für die gesamte Region eine 24 Stunden Protestaktion. Sie kündigte an: "Um 22 Uhr werden wir mit einem Streik alle Unternehmen des Logistikzentrums Interporto di Bologna blockieren“, zur Unterstützung eines "ehemaligen Mitglieds“.