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Massaker, Hausdurchsuchungen und Gewalt: Aktivist berichtet aus dem Iran

Ilja Hashemi
Ilja Hashemi Copyright  یورونیوز فارسی
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Von Euronews Farsi
Zuerst veröffentlicht am
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Ilya Hashemi, ein Social Media-Aktivist mit großer Reichweite, berichtet während der Proteste trotz Internetausfällen und gilt als eine der wenigen verlässlichen Quellen, wenn es um Informationen aus dem Iran geht.

Der iranische Aktivist Ilia Hashemi zählt aktuell zu den wenigen, die trotz der Abschaltung des Internets noch Informationen aus dem Iran nach außen bringen. Viele seiner Berichte gelten als verlässlich.

In einem exklusiven Interview mit Euronews Farsi am Dienstag, 13 Januar, beschrieb Hashemi die aktuelle Situation im Iran und die Schwierigkeiten, in einer brenzlichen Sitiation wie dieser dennoch Informationen mit der Welt zu teilen.

"Gerade jetzt, wo ich dieses Video aufnehme, ist es über 112 Stunden her, dass das Internet im Iran komplett abgeschaltet wurde", erklärt er.

Stellvertretend für Millionen Iraner

"Die Menschen haben derzeit keine Möglichkeit, Nachrichten oder Informationen online zu verschicken. Alles, was im Moment bekannt wird, stammt von Personen mit Zugang zum Satelliteninternet Starlink. Das Regime versucht jedoch gezielt, diese Verbindungen zu unterbinden: Mithilfe sogenannter RF-Detektoren werden Starlink-Terminals aufgespürt. Zudem setzt die Regierung massiv Störtechnik ein – gegen Funksignale ebenso wie gegen GPS –, um eine stabile Verbindung der Geräte mit den Satelliten zu verhindern. Dadurch hat sich die ohnehin angespannte Lage weiter verschärft", so Hashemi im Gespräch mit Euronews Farsi.

In den vergangenen Tagen konnte er jedoch über diese wenigen verbliebenen Verbindungen zu Menschen mit Starlink-Zugang Videos, Berichte und Fotos veröffentlichen. "Auch viele andere haben auf diesem Weg Videos verbreitet – nicht nur ich", räumt er ein und ergänzt, dass "das, was ich weitergegeben habe, stellvertretend für Millionen Iraner im ganzen Land steht: aus den Großstädten, aus kleineren Städten und selbst aus den Dörfern."

Zahl der Todesopfer bei Protesten im Iran
Zahl der Todesopfer bei Protesten im Iran AP Photo

Die "derzeitige Lage im Iran ist ein Massaker und eine Katastrophe", so Hashemi, der die Schätzungen anspricht, das mehr als 15.000 Menschen bereits getötet worden sind. Aufgrund der Internetsperre und dem damit einherfolgenden Kommunikationsloch ist eine unabhängige Verifizierung der Toten und Verletzten nicht möglich. Es gibt Berichte in denen von mindestens 2.500 Toten ausgegangen wird, als auch Berichte von Exil-Medien, die von über 20.000 Toten sprechen.

Hashemi erzählt, dass er mit medizinischem Personal in mehreren Krankenhäusern gesprochen habe, darunter Kliniken in Schiras, das Sina-Krankenhaus in Teheran sowie weitere Krankenhäuser in Rascht, Sari und Kerman. "So gut es ging, habe ich die mir vorliegenden Informationen nach außen weitergegeben."

"Was ein Arzt des Peyvand-Krankenhauses in Schiras berichtete – seine Stimme habe ich auch auf meinem Twitter-Account veröffentlicht –, war ein Hilferuf: Viele Menschen haben ihr Augenlicht verloren. In einzelnen Berichten heißt es, dass allein ein Krankenhaus mehr als 300 Fälle von Augenentfernungen verzeichnet haben", so Hashemi zu Euronews.

"Die Zahl der Toten ist katastrophal und kaum zu beziffern. Die Ereignisse vom 7. Oktober in Israel sind in ihrem Ausmaß deutlich geringer als das, was die Islamische Republik der eigenen Bevölkerung antut. Die aktuelle Lage ist ein vollständiger Völkermord, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit – während die Welt schweigt und fragt, warum es so wenige Videos gibt", erklärt der Aktivist und erwähnt erneut, dass die Menschen im Iran kein Zugang zum Internet haben.

"Alle derzeit verfügbaren Informationen stammen von Personen, denen es unter schwierigsten Bedingungen gelungen ist, online zu gehen und Bilder sowie Berichte zu übermitteln und zu sammeln. Eine Person, die in den Straßen von Schiras unterwegs war, berichtete zudem, dass die Basij-Miliz wegen Personalmangels auf 15-jährige Jugendliche zurückgreift. Einem 15- oder 16-Jährigen sei eine Schrotflinte übergeben worden. Er habe offenbar kaum verstanden, was er tat – als würde er ein Videospiel spielen. Dann sei er plötzlich in eine Menschenmenge gelaufen und habe geschossen", so Hashemi.

In einem weiteren Teil seiner Aussagen verwies er auf die Art und Weise, wie Demonstrierende getötet und teils noch während ihres Sterbens gefilmt worden seien. Die Kräfte der Revolutionsgarden bezeichnete Hashemi als "Kriminelle, deren Ideologie in ihrer Brutalität und Gefährlichkeit andere Ideologien noch übertreffe".

Die Menschen im Iran stünden diesen Kräften mit bloßen Händen gegenüber. Millionen seien auf die Straße gegangen, Millionen kämpften, und Millionen riefen um Hilfe aus der Welt.

Eine Person, die sich in Teheran-Pars aufgehalten hatte, berichtete ihm, dass an einem Polizeifahrzeug ein Maschinengewehr montiert gewesen sei. Ohne jede Vorwarnung habe die Polizei das Feuer auf die Menschen eröffnet. Die Menschen seien "wie Herbstlaub" zu Boden gefallen. Allein in diesem Viertel seien ihm zufolge mindestens 100 Menschen getötet worden. Euronews konnte diese Aussage nicht unabhängig verifizieren.

Proteste im Iran
Proteste im Iran Veröffentlicht auf den sozialen Medien

In anderen Städten ist die Lage noch deutlich schlimmer, so Hashemi, der ergänze, dass aus Sanandadsch, Izeh und dutzenden Städten, hunderten Landkreisen und vielen kleinen Dörfern im Süden des Iran – darunter Sistan und Belutschistan – es überhaupt keine Informationen gebe. "Dort hatten die Menschen nicht einmal die Möglichkeit, an Starlink-Geräte zu kommen. Die Islamische Republik geht inzwischen gezielt gegen die verbliebenen Starlink-Terminals vor. Mit RF-Detektoren und anderer Technik werden die Geräte aufgespürt, Häuser und Dächer durchsucht und verdächtige Personen verhört", so der Aktivist.

"Gleichzeitig stört das Regime massiv Telekommunikations- und GPS-Signale, um zu verhindern, dass sich Starlink-Geräte zuverlässig mit den Satelliten verbinden können. Die Upload-Geschwindigkeit für Starlink-Nutzer im Iran ist stark eingebrochen."

Die Lage ist äußerst beängstigend, bekräftigt Hashemi. "Wenn bislang von den grausamsten Verbrechen gesprochen wurde, die sich am 7. Oktober ereignet haben, dann muss heute von der Brutalität gesprochen werden, mit der ein Staat gegen seine eigene Bevölkerung vorgeht. Die Islamische Republik ist ein terroristisches Regime, das vor der Tötung von Menschen nicht zurückschreckt."

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