Eilmeldung

Eilmeldung

Wer ist schuld am Genua-Unglück: Rom, die EU oder Autostrade?

Sie lesen gerade:

Wer ist schuld am Genua-Unglück: Rom, die EU oder Autostrade?

Wer ist schuld am Genua-Unglück: Rom, die EU oder Autostrade?
Schriftgrösse Aa Aa

Nach dem verheerenden Einsturz einer Autobahnbrücke in Genua mit mindestens 42 Toten wird nun nach dem Schuldigen gesucht.

Kritik gab es an dem eingestürzten Polcevera-Viadukt wegen hoher Baukosten schon seit seiner Erbauung. Doch auch kostspielige Renovierungen sorgten immer wieder für Diskussionen. Auf der Brücke, die im Westen von Genua unter anderem über Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet führt, waren zum Zeitpunkt der Tragödie Bauarbeiten im Gange.

Experten hatten bereits vor Jahren gewarnt, man müsse die Brücke rechtzeitig einreißen. Mehr dazu in unserem Artikel: Genua-Brücke nicht sicher - Warnungen einfach ignoriert?

Salvini: Autobahnbetreiber und EU seien schuld

Der italienische Innenminister Matteo Salvini machte am Dienstagabend die mangelnde Instandhaltung der Brücke für das Unglück verantwortlich. Die Verantwortlichen müssten für das Desaster bezahlen, "alles bezahlen, teuer bezahlen", erklärte er.

Außerdem stünden die strengen europäischen Defizitregeln der Sicherheit des Landes im Wege. Kosten, die für die Sicherheit ausgegeben werden, "dürfen nicht nach den strengen (...) Regeln berechnet werden, die Europa uns auferlegt", sagte der EU-kritische Politiker am Mittwoch dem Sender Radio24.

"Immer muss man um Erlaubnis fragen, um Geld auszugeben", beschwerte sich Salvini. Davon dürfe aber nicht die Sicherheit auf den Straßen, bei der Arbeit und in den Schulen, "in denen immer mal wieder die Decken einstürzen", abhängen.

Der frühere Verkehrsminister Graziano Delrio sagte unterdessen, es sei respektlos gegenüber den Opfern, politische Spekulationen aufzuwerfen.

Aber ist wirklich die EU verantwortlich?

Ganz und gar nicht meint Veronica Vecchi, Professorin für Projektmanagement und Finanzierung internationaler Programme an der Universität Bocconi.

"In Italien wurden der Stabilitätspakt und die Haushaltszwänge der Europäischen Union vor Ort an die kommunalen Verwaltungen weitergegeben." Italien habe also beschlossen, die Eindämmung der Staatsverschuldung und des Defizits nach unten zu verlagern, bestätigte Vecchi im Gespräch mit Euronews.

Kurzum, es seien die italienischen Institutionen gewesen, die entschieden haben, wo sie sparen wollten, so die Expertin.

Lizenzverlust und Strafe für "Autostrade per l'Italia"

Nicht nur Salvini, auch 5-Sterne-Chef und Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio machte den Autobahnbetreiber Autostrade per l'Italia für die Tragödie verantwortlich. "Autostrade muss für die Instandhaltung sorgen und hat dies nicht gemacht", sagte er dem Radiosender Radicale.

Gegen den Autobahnbetreiber seien Schritte eingeleitet worden, um die Lizenz für die Straße zu entziehen und eine Strafe von bis zu 150 Millionen Euro zu verhängen, erklärte zudem Verkehrsminister Danilo Toninelli am Mittwoch. Zuallererst müsse aber das Management zurücktreten. Auch Matteo Salvini sprach sich für einen Entzug der Lizenz aus. Das sei das Mindeste, was man erwarten könne.

Autobahnbetreiber weißt Vorwürfe zurück

Der Verantwortliche des Autobahnabschnittes von Genua, Stefano Marigliani, hält unterdessen nichts von diesen Vorwürfen. In einem Radio-Interview sagte er kurz nach dem Unglück:

"Es gab keine Anzeichen von Gefahr. Die Brücke unterlag häufigen Kontrollen, sie war eine ständig überwachte Infrastruktur. Die laufenden Arbeiten waren nur normale Wartungsarbeiten. Es gab einige Konsolidierungsarbeiten, wir haben die Sicherheitsbarrieren geändert. Einer der drei Pfeiler ist abgestürzt, wir müssen nun die Ursachen überprüfen."

Verkehrsminister: Italienische Regierung sei schuld

Verkehrsminister Danilo Toninelli räumt im Euronews-Interview eigene Fehler ein: "Es ist wichtig, dass ich das sage, da mein Ministerium und die ganze Regierung in der Verantwortung stehen. Es ist absolut inakzeptabel, dass solche Ereignisse erneut passieren können. Wir müssen darüber nachdenken, ob eine ordnungsgemäße Routinewartung fehlte.

Eines der Dinge, die wir tun werden, ist, Geld in viele dieser Viadukte zu investieren. Besonders für die eindrucksvollsten, wie die von Genua. Wir werden Sensoren installieren. Der neueste Stand der Technik könnte solche Vorfälle verhindern. Es ist aus unserer Sicht ein schwerer Fehler, es nicht vorher getan zu haben."

"300 italienische Brücken und Tunnel marode"

Die Brücken-Katastrophe lässt in Italien die Alarmglocken schrillen. Laut der Tageszeitung "La Repubblica" sind um die 300 Brücken und Tunnel marode. Grund dafür seien die veraltete Infrastruktur und die lückenhafte Instandhaltung.

Apokalyptischer Brückeneinsturz

Am Dienstagmittag war während eines schweren Unwetters der Polcevera-Viadukt - auch Morandi-Brücke genannt - auf der Autobahn A10 in mehr als 40 Metern Höhe auf einem etwa 100 Meter langen Stück eingestürzt. Um die 30 Fahrzeuge waren zu der Zeit auf der Brücke unterwegs: Autos wurden in die Tiefe gerissen, Lastwagen stürzten in den Fluss Polcevera.

Nach dem Unglück waren mehr als 300 Rettungskräfte im Einsatz. In der Nähe der Brücke wurden nach dem Einsturz vorsichtshalber Gebäude geräumt. Mehr als 400 Menschen seien obdachlos, erklärte der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Edoardo Rixi. Ihm zufolge wird der Einsturz weitreichende Konsequenzen haben, da die Brücke komplett abgerissen werden müsse. Das werde "schwerwiegende Auswirkungen" auf den Verkehr haben und so Probleme für Bürger und Unternehmen bringen. (dpa)