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Analphabetismus in Deutschland: "Das Thema ist kein Tabu mehr"

Analphabetismus in Deutschland: "Das Thema ist kein Tabu mehr"
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Carola Kind war 19, als ihr bewusst wurde, dass sie etwas tun muss: Sie hatte gerade ihr erstes Kind bekommen und konnte die Zutaten auf der Packung für die Babynahrung nicht lesen: "Da hat es bei mir Klick gemacht." Die ehemalige Analphabetin begann, sich mit Boulevardzeitungen das Lesen beizubringen: "Buchstabe für Buchstabe", erzählt sie. Heute seien selbst Verträge kein Problem mehr für sie. Mit dem Schreiben tue sie sich aber weiterhin schwer.

Kind ist eine von 6,2 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die laut einer Studie der Universität Hamburg nicht richtig lesen und schreiben können. Die Ergebnisse wurden am Dienstag bekanntgegeben. Die Zahl der Betroffenen sei zurückgegangen, so das Bildungsministerium, das die Studie förderte: 2011 hatten noch 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland Probleme beim Lesen und Schreiben. Das Bildungsministerium macht dafür die Maßnahmen der "Alpha Dekade" verantwortlich: Ein Zusammenschluß von Bund, Ländern, Bildungs- und Sozialpartnern, der für mehr Grundbildungsangebote und erhöhte Aufmerksamkeit für das Thema sorgen soll - unter anderem mit einer Aufklärungskampagne.

Die Studie:

  • 52,6 Prozent der Menschen mit Schreib- und Leseproblemen sind Deutsch-MuttersprachlerInnen. 47,4 haben einen Migrationshintergrund.
  • 76 Prozent der Betroffenen haben einen Schulabschluss: 40,6 Prozent einen Haupt- oder Volksschulabschluss. 22,3 Prozent haben keinen, 16,9 Prozent einen hohen Schulabschluss.
  • Die meisten Betroffenen sind erwerbstätig und haben Familie. Sehr häufig sind sie Geringverdiener.
  • Die meisten funktionalen Analphabeten in Deutschland sind Männer (58,4 Prozent/ Frauen: 41,7 Prozent).

Tatsächlich habe sich durch die Initiative vieles verbessert, so Ralf Häder, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung: "Das Thema ist in der allgemeinen Öffentlichkeit angekommen", sagt er. "Das führt auch zu einer Entstigmatisierung." Trotzdem bleibe das Grundproblem bestehen: Viele AnalphabetInnen und Menschen mit geringen Schreib- und Lesekompetenzen nehmen Kurse von Volkshochschulen oder anderen Trägern gar nicht in Anspruch. Wer im Schulsystem negative Erfahrungen gemacht habe, fremdle oft auch mit Bildungsangeboten für Erwachsene, so Häder. "Weniger als ein Prozent der funktionalen Analphabeten nehmen an Kursen teil." Als funktionaler Analphabet gilt, wer Probleme hat, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen.

Betroffene: "Mein Bruder hatte Nachhilfe. Für mich war kein Geld mehr da"

Carola Kind hat an einem Kurs in einem Grundbildungszentrum teilgenommen. Sie wurde über die Familienhilfe auf das Angebot aufmerksam. Die 44-Jährige ist Mutter von vier Kindern. Sie hat einen Hauptschulabschluss, ging auf eine Förderschule. Durch die Schule habe sie sich irgendwie durchgemogelt, sagt sie. "Die Sachen, die ich nicht verstanden habe, habe ich nicht gemacht." Ihre Eltern hätten die Zeugnisse einfach unterschrieben. "Wir waren eine große Familie. Meine Eltern haben sich nicht um mich gekümmert. Mein Bruder hatte Nachhilfe, für mich war kein Geld mehr da", so Kind. Sie heiratete, als sie 18 Jahre alt war und arbeitete zunächst als Reinigungskraft, heute ist sie arbeitslos. Ihr Ex-Mann habe ihre Probleme ausgenutzt. Er habe sie zum Beispiel Anträge für Kredite unterschreiben lassen und sie über die Höhe der Summe angelogen. "Irgendwann war ich überfordert", erzählt die gebürtige Berlinerin. Sie bekam Familienhilfe und die leitete sie an das Grundbildungszentrum weiter.

Heute ist sie "Lernbotschafterin" beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. Der Verein ist mit einem mobilen Angebot, dem "Alfa-Mobil", in Deutschland unterwegs, um über Analphabetismus aufzuklären. Kind spricht mit anderen Betroffenen. "Ich erzähle ihnen, dass jeder Lesen und Schreiben lernen kann", sagt sie stolz.

Mehr niedrigschwellige Angebote gefordert

Laut Häder braucht es mehr solcher niedrigschwelliger Angebote. Der Verein betreibt zudem das "Alfa-Telefon", bei dem sich Betroffene melden können - oft gehe es einfach nur darum, dass sie mit jemanden über ihre Probleme sprechen könnten. "Damit geht man ja nicht gerade hausieren", so der Geschäftsführer.

Kind erzählt, sie habe früher im Supermarkt einfach fremde Menschen angesprochen, um zu wissen, was in der Babynahrung für ihre Kinder drin gewesen sei. Damals und heute treffe sie auf viel Unverständnis, "aber das Thema ist kein Tabu mehr", sagt sie. In der Schule sei sie gemobbt worden, habe Selbstmordgedanken gehabt. Mittlerweile hat sie sich offensichtlich mehr Selbstbewusstsein erarbeitet. "Ich bin auch ein Mensch und will so wahrgenommen werden", so Kind. Geholfen hat ihr dabei auch, dass sie durch über ihre Mitarbeit am "Alfa-Mobil" mit anderen Betroffenen in Kontakt kam. "Es ist schön zu sehen, dass ich nicht alleine bin."

Hier finden Sie weitere Informationen und die komplette Studie.