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Schottland und der Brexit: "Man schämt sich für die Probleme, die EU-Bürgern entstehen"

Schottland und der Brexit: "Man schämt sich für die Probleme, die EU-Bürgern entstehen"
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"Ich möchte heute Morgen die Gelegenheit nutzen, direkt mit Bürgern anderer EU-Länder zu sprechen, die hier in Schottland leben. Sie sind hier weiterhin willkommen. Schottland ist Ihre Heimat und Ihr Beitrag wird geschätzt."

Dies waren die Worte der Ersten Ministerin Schottlands, Nicola Sturgeon, an die im Land lebenden EU27-Bürger am 24. Juni 2016. An diesem Tag musste Schottland feststellten, dass es trotz einer 62-prozentigen Zustimmung zum Verbleib in der Europäischen Union den Staatenbund zusammen mit den anderen Ländern Großbritanniens verlassen würde.

Euronews sprach mit drei in Schottland lebenden EU-Bürgern - scrollen Sie nach unten, um über ihre Erfahrungen zu lesen.

Schottland war das einzige der vier britischen Länder, in dem kein einziger Wahlkreis für den Brexit gestimmt hat: Die Hauptstadt Edinburgh war mit 74,4% die höchste "Remain"-Stimme aller britischen Städte. Die größte Stadt Schottlands, Glasgow, stimmte mit 66,6% gegen den Austritt. Zum Vergleich: In London lag diese Zahl bei 59,9%.

Eine von der University of Birmingham veröffentlichte Studie fand heraus, dass sich EU27-Bürger in Schottland sicherer und willkommener fühlten als in England. Ausschlaggebende Gründe seien sowohl die überwältigende Mehrheit gegen den Brexit im damaligen Referendum, sowie die klare Botschaft der Regierung der Scottish National Party (SNP) von Sturgeon an die rund 221.000 Staatsbürger anderer EU-Länder im Land, dass sie willkommen sind.

Der Bericht "EU-Familien in Schottland nach dem Brexit-Referendum" stellte fest, dass EU-Bürger in Schottland sich ihrer Position nach dem Brexit sicherer waren als EU-Bürger in Großbritannien. Und das obwohl in Schottland und England derselbe rechtliche Rahmen gilt - die Einwanderungspolitik wird vom britischen Innenministerium und nicht von der schottischen Regierung in Holyrood verwaltet.

Die Studie, die Interviews mit Bürgern aus Bulgarien, Spanien, Italien, Griechenland, Dänemark, Rumänien, Deutschland, Polen, Portugal, Frankreich, den Niederlanden, Schweden und dem Großbritannien umfasste, verwies auch auf die durchweg positiven Botschaften der schottischen Regierung zum Thema Migration und der EU im Allgemeinen.

Ein weiterer Schlüsselfaktor laut den Ergebnissen war, dass in Schottland lebende EU-Bürger beim Unabhängigkeitsreferendum 2014 wahlberechtigt waren. Beim EU-Referendum 2016 waren sie ausgeschlossen. Sturgeons linksliberale, unabhängigkeitsorientierte SNP, die seit 2007 in Schottland an der Macht ist und deren Amt Sturgeon 2014 als Erste Ministerin antrat, vertritt eine Ideologie des bürgerlichen im Gegensatz zum ethnischen Nationalismus.

"Die schottische Regierung hat vor und nach dem EU-Referendum eine starke EU-freundliche Botschaft gefahren", sagte Professor Nando Sigona, von der Universität Birmingham im Gespräch mit Euronews. "Die großen Parteien im schottischen Parlament sind alle proeuropäisch, einschließlich der ehemaligen Vorsitzenden der konservativen Partei in Schottland [Ruth Davidson]. Die Botschaft der Regierung in London war dagegen mehrdeutig. Versprechen, die Rechte der EU-Bürger in Großbritannien zu schützen wurden wiederholt verletzt. "

Zwei Deutsche in Schottland erzählen, wie sie den Brexit und das Leben in ihrer Wahlheimat erleben

Jan Grüter, 39, stammt ursprünglich aus Deutschland und zog im September 2018 von London nach Schottland. Er lebt mit seinem Ehemann in Finnieston, Glasgow.

"Ich kam 1996 im Alter von 16 Jahren aus Deutschland nach Großbritannien. Ursprünglich war geplant, nur ein Jahr im Internat zu verbringen, um mein Englisch zu verbessern, aber ich blieb und beendete mein Abitur und bekam einen Platz für Jura an der Universität. Nach der Uni habe ich viele Jahre in der City als Jurist gearbeitet.

In den wenigen Jahren vor unserem Umzug nach Schottland haben mein Mann und ich viel darüber geredet, das stressige Leben in London hinter uns zu lassen und einen Ort mit besserer Lebensqualität zu finden. Wir haben einige Optionen in Betracht gezogen, darunter einen Umzug ins Ausland, aber wir haben uns in Schottland verliebt. Nach mehrmaligem Besuch vor allem in Glasgow gab es hier oben eine gute Gelegenheit für uns, beruflich tätig zu werden, und wir entschieden uns für den Umzug.

Ich denke, EU-Bürger sind hier sehr willkommen. Ich habe überhaupt keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich kann die Ursachen [für das Brexit-Votum] nachvollziehen. Ich sehe sie als zunehmende wirtschaftliche Ungleichheiten in unserer Gesellschaft. Leider wird der Brexit dieses Problem nicht lösen. Das Land fühlt sich etzt bitter gespalten an.

Die schottische Regierung hat alles getan, um zu betonen, dass die EU-Bürger willkommen sind - und in der Tat für die schottische Wirtschaft von wesentlicher Bedeutung sind . Sie hat eine sehr konstruktive Rolle gespielt. Ich denke, die Tatsache, dass die Regierung ihre Unterstützung für die EU-Bürger im Land so klar formuliert hat, gibt mir das Gefühl willkommen zu sein. Durch den Brexit interessiere ich mich jetzt mehr für die schottische Unabhängigkeit. Immerhin hat eine große Mehrheit der Schotten für den Verbleib gestimmt.

Ich habe kurz nach dem Brexit-Referendum die britische Staatsbürgerschaft beantragt und erhalten, daher habe ich jetzt die doppelte Staatsbürgerschaft. Ich habe vor zu bleiben, würde aber nicht ausschließen, irgendwann in die EU zurückzukehren. Ich bin besorgt über die wirtschaftlichen Folgen [des Brexit] und die Spaltungen in der Gesellschaft. "

Lisa (Nachname vorenthalten) ist 26 und stammt ursprünglich aus Deutschland. Sie lebt seit drei Jahren in Glasgow, nachdem sie ursprünglich zum Studium dorthin gezogen war und für eine Organisation im öffentlichen Sektor arbeitet.

Zum Zeitpunkt des Referendums lebte ich noch in Deutschland und wollte gerade nach Glasgow ziehen, um mein Masterstudium zu beginnen. Das Ergebnis des Referendums war mit Sicherheit ein Schock, und ich machte mir Sorgen über meinen bevorstehenden Umzug in ein Land, das mich vielleicht nicht will. Die Tatsache, dass ich nach Schottland gezogen bin, war jedoch eine Erleichterung. Ich hätte die Entscheidung vielleicht überdacht, wenn ich n einen anderen Teil Großbritanniens hätte ziehen wollen.

Ich habe mich hier sowohl von der schottischen Regierung als auch von der Bevölkerung immer willkommen und gewollt gefühlt. Eine starke und entschlossene Regierung hinter uns zu haben, macht wirklich einen Unterschied. Mein Wahlkreis in Glasgow hat mit 78% für den Verbleib gestimmt. Auch wenn dies so ist - leider zählt das politisch nicht, aber es macht einen riesigen Unterschied, wie ich mich hier fühle.

Ich habe ein paar negative Äußerungen von Menschen im Allgemeinen über Einwanderer oder Ausländer gehört, was sehr verletzend war, aber alle meine Freunde sind unglaublich unterstützend und ermutigend. Oft schämen sich die Menschen über die Probleme, die ihren Freunden und Kollegen aus EU-Ländern entstehen.

"Bei meiner Arbeit wurden Leitlinien für Mitarbeiter aus anderen EU-Ländern herausgegeben, um sie zu unterstützen. Dazu gehört beispielsweise, dass man für Termine, die im Zuge der Beantragung einer Aufenthaltsgenehmigung anfallen, beurlaubt wird. Viele würden dies wahrscheinlich als eine normale Politik der Personalabteilung ansehen, aber ich finde es immer noch ermutigend und positiv, dass sie versuchen, ihren Mitarbeitern ein willkommenes Gefühl zu geben.

Ich habe mich bisher noch nicht um eine Aufenthaltsgenehmigung beworben, das ist irgendwie aus Prinzip bei mir so. Europäische Freunde, die meine Meinung teilen, haben sich vor kurzem entschlossen, sich vor dem 31. Oktober um den Status zu bewerben. Sie sind eingeschüchtert durch widersprüchliche Nachrichten der Regierung in London.

Es ist eine große Erleichterung, in einem Land zu leben, das sich entschieden hat zu bleiben, und ich fühle mich sicher und zu Hause. Ich könnte im Moment in keinem anderen Teil Großbritanniens leben. Auch wenn die Ansichten meiner Freunde aus anderen Teilen Großbritanniens sich nicht unterscheiden von denen meiner schottischen Freunde: sie sind alle vehement gegen den Brexit. Letztendlich glaube ich jedoch, dass die EU-Bürger in Schottland besser geschützt werden als im Rest Großbritanniens.