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Georgieva: Investitionen in Zukunft muss Politik-Schwerpunkt der EU-Länder werden

Georgieva: Investitionen in Zukunft muss Politik-Schwerpunkt der EU-Länder werden
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Kristalina Georgieva, ist die erste Person an der Spitze des Internationalen Währungsfonds, die aus einem Schwellenland kommt. Die bulgarische Staatsbürgerin sagt, ihr Ziel ist es, den Fonds zu stärken. Wenige Tage vor Beginn der Jahrestagungen von IWF und Weltbank ist Kristalina Georgieva zu Gast in 'The Global Conversation'.

Sasha Vakulina, Euronews:"Sie übernehmen die Leitung des IWF zu einer Zeit, in der die Handelsspannungen zunehmen und sich die Weltwirtschaft verlangsamt. Zunächst, wie schwerwiegend ist diese Verlangsamung?"

Kristalina Georgieva:"Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Welt von einem synchronisierten Aufschwung - also einer Beschleunigung des Wachstums - zu einem synchronisierten Abschwung entwickelt, also einem verlangsamten Wachstum.

Und unsere Prognose sowohl für dieses als auch für das nächste Jahr zeigt, dass dieser Abschwung bereits einen Großteil der Welt betrifft. Es ist wichtig zu erkennen, dass wir immer noch wachsen, aber nicht mit der nötigen Geschwindigkeit, um die Erwartungen der Menschen zu erfüllen.

Wenn wir uns die Gründe für diesen Abschwung ansehen, dann sind es die Auswirkungen der Handelsspannungen. Der IWF hat die Gesamtauswirkungen der Handelsstreits berechnet und kommt auf eine beachtliche Zahl: Bis 2020 würde die Welt um 0,8% des BIP schrumpfen, das heißt, wir würden 700 Milliarden Dollar verlieren, durch eine Kombination aus Zöllen und Vertrauensverlust. Wobei ein Vertrauensverlust das globale Wachstum eigentlich noch stärker bremst als die Zölle selbst."

Wir brauchen einen besseren Ausgangspunkt für nachhaltiges Wachstum

Euronews:"Wie wirken sich die aktuellen Spannungen zwischen den USA und China auf Europa aus? Wie bewerten Sie die Handelsbeziehungen zwischen den USA und der EU?"

Kristalina Georgieva:"Da ist einmal diese schrittweise Erhöhung von Zöllen, die entweder angekündigt oder bereits umgesetzt wurde - das dämpft das Wachstum überall. Aber nicht nur die angekündigten oder umgesetzten Zölle sind schlecht für das Wachstum, gleichzeitig bereitet uns vor allem ein allgemein unsicheres Umfeld Sorgen. Zu dieser allgemeinen Unsicherheit kommen noch die Ungewissheiten durch den Brexit und die durch geopolitische Spannungen in vielen Teilen der Welt hinzu. In diesem unsicheren Umfeld verhalten sich viele Investoren eher abwartend."

Bisher war der Abschwung vor allem im verarbeitenden Gewerbe spürbar, aber es ist durchaus möglich, dass er auch auf den Konsum übergreift, wenn die Unsicherheiten weiterhin dominieren - und ich möchte nochmals betonen, dass die Unsicherheiten nicht nur durch den Handel verursacht werden. Deshalb hissen wir eine Flagge mit der Aufschrift: Wir müssen über einen besseren Ausgangspunkt nachdenken, um eine Nachhaltigkeit des Wachstums zu erreichen.

Handel ist gut für das Wachstum, gut für die Beschäftigung und vor allem - er ist gut für die Armutsbekämpfung. Eine Tatsache, über die wir nicht viel sprechen, ist, dass die Menschen mit niedrigem Einkommen am stärksten betroffen sind, wenn freier Handel eingeschränkt wird. Denn es sind die Waren, die sie kaufen, die bei Einschränkungen des freien Welthandels teurer werden."

Investitionen in Zukunft muss Politik-Schwerpunkt der EU-Länder werden

Euronews: "Frau Georgieva, was sind die größten Herausforderungen und Bedrohungen für Europa?"

Kristalina Georgieva: _"In Europa erleben wir dasselbe wie in anderen Industrieländern. Das Wachstum verlangsamt sich, die Inflation bleibt unter der EZB-Zielmarke und gleichzeitig wird das Instrument der Geldpolitik schon ziemlich umfassend genutzt. In einem Umfeld wie diesem, in dem es nicht mehr viel Raum für Anpassungsmaßnahmen gibt, weil sie bereits genutzt werden, fordern wir die Länder auf, sich mehr auf andere Instrumente zu konzentrieren. Für ein Wachstum müssen Sie Ihnen mehr Gewicht verleihen.
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Auf der fiskalischen Seite haben einige der Volkswirtschaften in Europa mehr Steuerspielraum, ich denke da an Deutschland, an die Niederlande. Sie können sich auf den Einsatz fiskalischer Maßnahmen vorbereiten oder, wie in den Niederlanden, bereits Maßnahmen ergreifen.

Der schwierigste Bereich für Reformen, aber auch der erstrebenswerteste ist der Strukturbereich. Automatisierung, sehr schnelle Weiterentwicklung der digitalen Technologien, künstliche Intelligenz - all das stellt neue Anforderungen an die Länder. Deshalb können und müssen Reformen der Arbeitsmärkte, Investitionen in die Fähigkeiten von morgen, in das Humankapital - ein Schwerpunkt der Politik sein, damit Europa wettbewerbsfähiger für die Zukunft ist."

Wir müssen uns auf weitere Schocks einstellen

Euronews: _"Abgesehen von Handelshemmnissen, Protektionismus und Brexit - welchen Bedrohungen sollten wir mehr Aufmerksamkeit schenken? Was ist die nächste tickende Bombe?"
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Kristalina Georgieva:"Wenn ich etwas herausgreifen soll, auf das wir unsere Aufmerksamkeit besonders richten müssen, dann sind das die Risiken des Klimawandels. Wir haben gesehen, dass die Wirtschaft durch Naturgewalten dramatisch beeinflusst werden kann, und wir müssen uns darauf einstellen, dass weitere solcher Schocks kommen. Darüber hinaus ist unsere Gesellschaft anfälliger für Terrorismus. Wir müssen besser auf plötzliche Veränderungen und Schocks vorbereitet sein, um flexiblere und anpassungsfähigere Volkswirtschaften aufzubauen. Und auch, um in die Widerstandsfähigkeit für die Zukunft zu investieren."