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Sexarbeiterinnen in der Coronakrise: keine Rechte, keine Hilfen

People demonstrate on November 29, 2013 in Paris to protest against a bill that would punish those who use prostitutes. AFP PHOTO / JOEL SAGET (Photo by JOEL SAGET / AFP)
People demonstrate on November 29, 2013 in Paris to protest against a bill that would punish those who use prostitutes. AFP PHOTO / JOEL SAGET (Photo by JOEL SAGET / AFP)   -   Copyright  JOEL SAGET/AFP
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"Es ist Wochen her, dass wir einen Euro in der Tasche hatten," sagt Conxa Borrell, Generalsekretärin der spanischen Sexarbeitergewerkschaft OTRAS, während die Menschen in Spanien ihr viertes Wochenende mit Ausgangssperre verbringen.

Die Maßnahmen zur sozialen Eingrenzung haben schwere Folgen für die Menschen, deren Arbeit von Körperkontakt abhängig ist: SexarbeiterInnen.

"Die Frauen und Männer, die sich in Spanien prostituieren, mussten jegliche Arbeitstätigkeit einstellen, da der physische Kontakt zwischen SexarbeiterInnen und ihren Kunden elementar und sehr eng ist," erklärt Borrell gegenüber Euronews und listet die Opfer der Krise auf: "Frauen, die auf der Straße anschaffen, diejenigen, die in Wohnungen, Villen, Clubs und Massagezentren arbeiten sowie FreiberuflerInnen."

Soziale Entfremdung in der Sexindustrie

Borrell sagt, in den sozialen Netzwerken kursierten Gerüchte, wonach viele ihrer Kolleginnen immer noch auf der Straße, in Wohnungen oder in Clubs arbeiteten, aber sie versichert, dass nichts davon wahr sei. Die Priorität sei, sich nicht zu infizieren.

"Den SexarbeiterInnen ist sehr klar, dass wir es uns nicht leisten können, krank zu werden", fügt sie hinzu. "Wir müssen gesund sein, wenn die Ausgangsbeschränkungen vorbei sind, um wieder Geld zu verdienen."

Das fehlende Einkommen seit Beginn der Epidemie in Spanien habe ihr Leben in einen Kampf ums Überleben verwandelt. "Die meisten von uns unterstützen ihre Eltern, wir haben Kinder, oder es sind Migrantinnen, die ihren Familien zu Hause Geld geben."

Arbeiten per Webcam ist für die große Mehrheit unmöglich. Einige versuchen es, "aber es ist nicht leicht," sagt Borrell. Nicht jeder hat ein Bankkonto oder eine gute Internetverbindung.

"Wir sind der Abschaum der Gesellschaft"

Ende 2018 lehnte die spanische Justiz es ab, OTRAS als Sexarbeitergewerkschaft zu registrieren.

GegnerInnen waren der Ansicht, dass durch die Zulassung Zuhälterei als legale Tätigkeit anerkannt würde. Nach Meinung der RichterInnen kann Prostitution "nicht Gegenstand eines gültigen Arbeitsvertrags sein".

Mit der Folge, dass SexarbeiterInnen keinen Anspruch auf Wirtschaftshilfen haben, die von der spanischen Regierung in der Coronavirus-Krise beschlossen wurden.

"Wir sind der Abschaum der Gesellschaft. Wir sind die Frauen, die mit denen sich niemand, der 'normal' arbeitet, befassen will," kritisiert Borrell die Weigerung der Regierung Pedro Sánchez, ihre Situation zu regulieren. OTRAS hat eine Online-Kampagne gestartet, durch die besonders bedrohte SexarbeiterInnen unterstützt werden sollen.

Prostitution nach neuseeländischem Vorbild

In Spanien ist Prostitution nicht einheitlich geregelt, so dass sie von kommunalen Vorschriften abhängt. Die Mitglieder von OTRAS treten für eine Legalisierung ein, jedoch nicht nach niederländischem und deutschem Vorbild, "weil das die ArbeitgeberInnen schützt, aber die ArbeitnehmerInnen benachteiligt," sondern nach neuseeländischem Vorbild. Ein Land, das die Tätigkeit 2003 vollständig entkriminalisiert hat.

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This picture taken on January 12, 2018 shows a warning sign reading "Prostitutes' clients, here you are filmed". (Photo by PHILIPPE LOPEZ / AFP)AFP or licensorsPHILIPPE LOPEZ

Das französische Paradox

In Frankreich haben die Verbände der SexarbeiterInnen Präsident Emmanuel Macron gebeten, einen Notfallfonds einzurichten, "um mit der extremen wirtschaftlichen Unsicherheit fertig zu werden".

Anders als in Spanien ist die Prostitution in Frankreich eine legale, meldepflichtige Tätigkeit mit dem Recht auf soziale Sicherheit. Allerdings ist es illegal, für Dienste von Prostituierten zu zahlen. KundInnen machen sich daher strafbar, wenn sie zu SexarbeiterInnen gehen. Die Geldstrafe kann bis zu 3.750 Euro betragen.

Mit der Folge, dass viele Prostituierte gezwungen sind, versteckt anschaffen zu gehen und sich dadurch noch "größeren Risiken aussetzen", um ihren Kundenstamm zu erhalten, wie die französische Tageszeitung "Le Figaro" anprangert.

"Auch kriminelle Handlungen und Gewalt haben zugenommen," kritisiert Anaïs de Lenclos von der französischen Gewerkschaft für Sexarbeiter (Strass). "Als die Ausgangssperre eingeführt wurde, befanden wir uns also bereits in einer schwierigen Lage."

Der Verband befürchtet, dass "einige der ärmsten Sexarbeiterinnen gezwungen sein werden, gegen die Anordnungen zu verstoßen. Nicht weil sie es wollen, sondern weil sie kein Einkommen haben."

Eine Frage des Überlebens

"Ich wurde für die Hälfte des üblichen Honorars für Dienstleistungen ohne Kondom gebeten, oder für 15-minütige Treffen in Gegenden, die von meiner weit entfernt liegen. In Krisenzeiten sind die Kunden, die uns fragen, potenzielle Angreifer. Hätte ich zugestimmt, hätte ich mein Leben riskiert," sagte eine anonyme französische Sexarbeiterin gegenüber der Zeitung HuffPost.

Marlène Schiappa, die für die Gleichstellung der Geschlechter zuständige Staatssekretärin, sagte, dass es für die französische Regierung "sehr schwierig ist, eine Person zu entschädigen, die einer nicht angemeldeten Tätigkeit wie Prostitution nachgeht".

Giovanna Rincon, Sprecherin des französischen Transgender-Verbandes ACCEPTESS-Transgenre, beschuldigte Schiappa, für die mögliche Zunahme von Covid-19-Fällen verantwortlich zu sein, weil Sexarbeiterinnen zu ihren Kunden gehen müssten, um Geld zu verdienen.

Cybele Lespérance

Arbeiten per Webcam

Célia (nicht ihr richtiger Name) ist eine 29-jährige französische Masseurin, die Euronews erzählt, dass Januar und Februar bereits früher "harte Monate für meine Arbeit" waren. Beim Sozialversicherungssystem ist sie als Selbständige gemeldet. Sie beginne das Jahr immer verschuldet und könne erst ab März wieder etwas sparen.

Aber dieses Jahr ist es aus offensichtlichen Gründen anders. Sie sagt, sie habe die Hälfte ihres Einkommens verloren und überlebe finanziell nur mit der Hilfe einiger weniger Menschen ihres Umfelds.

"Jetzt arbeite ich mit einer Webcam. Das habe ich noch nie getan, dadurch habe ich ein ganz anderes Verhältnis zu meinen Kunden. Ich fürchte, dass ich mittelfristig gezwungen sein werde, 'intimere' und 'regelmäßigere' Beziehungen zu ihnen zu haben. Das ist gefährlich," erklärt sie.

Cybele Lespérance, ein Escort-Girl und gelegentlicher feministischer Pornostar, arbeitet zwischen 17 und 50 Stunden pro Woche. Sie sagt, sie verdiene nicht mehr als 15.000 Euro im Jahr von denen 25 Prozent für Steuern drauf gingen. In manchen Monaten verdiene sie nicht einmal 400 Euro.

"Schon im Februar musste ich wegen einer Grippe und Angstvorstellungen für drei Wochen aussetzen, ich hatte kaum 600 Euro verdient."

Cybele Lespérance

Cybele Lespérance

"Nicht jeder kann oder will virtuelle Dienstleistungen verkaufen", erklärt Cybele, die auf die Gefahren des Internets verweist. "Auch ohne Webcam erhalte ich bereits jede Woche Dutzende von Drohnachrichten. Da die Menschen durch die Ausgangssperre noch mehr Zeit haben, hat sich auch die Zahl der verbalen Übergriffe verschlimmert."