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Vergessene Corona-Hölle? So kämpft San Marino gegen das Coronavirus

Ein Krankenhaus in San Marino
Ein Krankenhaus in San Marino   -   Copyright  Istituto per la Sicurezza Sociale, Simone Fiorani
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San Marino ist derzeit das am schlimmsten betroffene Land der Welt, was die COVID-19-bedingten Todesfälle pro Kopf in der Bevölkerung betrifft.

Die Mikrorepublik, eines der ältesten Länder der Welt, das sich im Zentrum der italienischen Halbinsel befindet, macht sich aufgrund der Pandemie auf einen verheerenden wirtschaftlichen Abschwung gefasst.

Der Staatssekretär für Arbeit, Teodoro Lonfernini, sagte Euronews, das Land brauche möglicherweise "80 bis 100 Millionen Euro", um seine Wirtschaft in Ordnung zu bringen, sobald der Notstand vorüber sei. Das Bruttoinlandsprodukt "könnte um mehr als 70% sinken".

Eine neue Patienten-Screening-Strategie zeigt jedoch Anzeichen dafür, dass sich das Blatt zumindest an der Gesundheitsfront wenden könnte.

Ein "proaktiver" Ansatz zur Bekämpfung von COVID-19

Die Behörden von San Marino teilten Euronews mit, dass sie bis vor kurzem nicht in der Lage waren, die Bevölkerung ordnungsgemäß auf Coronaviren zu testen.

"Vor dem 7. April haben wir Abstrich-Tests durchgeführt und sie dann nach Italien geschickt, um sie in den Labors dort analysieren zu lassen. Aber seit wir unsere Kits erhalten haben, konnten neben den serologischen Tests noch viele weitere Tests durchgeführt werden. Die Zahl der positiv getesteten Patienten stieg von 279 auf 382 - in nur einer Woche.

Nachdem San Marino die notwendigen Ausrüstung erhalten hatte, begann das Land proaktiver nach Infizierten zu suchen.

Massimo Arlotti, Experte für Infektionskrankheiten in San Marino, sagte das Land habe "mit der Suche an den Orten begonnen, an denen wir dachten, dass es Infektionen geben könnte, d.h. bei denjenigen, die gerade die Quarantäne beendet hatten, ebenso wie bei ihren Familien oder bei Menschen mit leichten Symptomen".

"Wir stellten fest, dass eine bedeutende Anzahl von Menschen nach Beendigung der Quarantäne immer noch positiv war. Wir testeten 100 Personen und stellten fest, dass 66 von ihnen immer noch positiv waren. Das ist eine wichtige Erkenntnis, dass einige Menschen auch nach Ende der Quarantäne noch positiv sind."

"Diese proaktive Forschungsstrategie ist nur in einem kleinen Gebiet mit einer kleinen Bevölkerung möglich. Hier hat sie sich als wirksam erwiesen. Wir verfügen über konsistente Daten. Und keine neuen Infektionen, sondern nur neue Diagnosen. Wir sind jetzt in der Lage, Menschen zu identifizieren, die bereits infiziert waren. Vielleicht sieht es zahlenmäßig nicht gut aus, aber es verringert die Zahl der Neuinfektionen".

stituto per la Sicurezza Sociale, Simone Fiorani
San Marino liegt im Norden Mittelitaliens und hat 33.785 Einwohner.stituto per la Sicurezza Sociale, Simone Fiorani

Erfolge nach 'Zwei-Test'-Strategie

Die Gesundheitsbehörden in San Marino sind in der Lage, in weniger als einer Stunde festzustellen, ob jemand positiv auf das Coronavirus ist.

Rund 5,6% von 30.000 Sammarinesen wurden bisher auf COVID-19 getestet. Nachbar Italien, eines der Länder, das die meisten Tests in Europa durchführt, hat 1,6 % seiner Bevölkerung getestet.

Arlotti sagte, San Marino benutze jetzt "Schnelltests", die von der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) genehmigt wurden, aber noch nicht von der EU (San Marino liegt nicht in der EU).

Der molekulare Test, auch Speichelabstrich genannt, kostet 80 Euro und ist von der EU zertifiziert; der serologische Test, bei dem ein Blutstropfen entnommen wird, kostet 20 Euro.

Wie Giovanni Maga, Virologe am Molekulargenetischen Institut des CNR Euronews erklärte, wird das Virusgenom aus der Speichelprobe extrahiert, während im serologischen Test, der eine Wirksamkeit von 90-95% hat, nach Antikörpern gesucht wird.

"Wenn wir überprüfen wollen, ob ein Patient das Virus hat, reicht der molekulare Test - der Abstrich - aus. In Italien ist das nur möglich, weil die serologischen Tests noch vom italienischen Gesundheitsministerium zertifiziert werden müssen".

"Aber wenn man den Gesundheitszustand der Bevölkerung richtig einschätzen will, indem man die Asymptomatik 'einfängt', sollte der serologische Test zusammen mit dem molekularen Test durchgeführt werden" - und genau das tut San Marino.

Institut für soziale Sicherheit
Massimo Arlotti, ausserordentlicher Kommissar für Notfälle, bei einer Pressekonferenz zusammen mit Stefania Stefanelli vom Institut für soziale Sicherheit in San MarinoInstitut für soziale Sicherheit

San Marino hat derzeit 538 Infizierte, 64 Genesene und 41 Todesfälle aufgrund von Covid-19 erfasst.

Finanzielle Hilfe und lokale Unterstützung der Bevölkerung

Darüber hinaus hat das Land fünf medizinische Gruppen eingesetzt, die Patienten zu Hause behandeln.

Auf diese Weise wird der Druck auf die Krankenhäuser drastisch gemildert. Am Freitagmorgen, 24. April, befanden sich nur noch drei Patienten auf der Intensivstation.

Was die Eindämmungsmaßnahmen betrifft, so sind die meisten Grenzübergänge zu Italien geschlossen - nur fünf sind unter strenger Überwachung zugänglich.

In San Marino waren die Einschränkungen ähnlich wie in Italien, "aber vielleicht fühlten wir uns im Vergleich zu Italien stärker kontrolliert", sagte der 50-jährige Handwerker Fabrizio Bernardini.

"Aus wirtschaftlicher Sicht habe ich jedoch seit zwei Monaten kein Einkommen mehr. Ich stecke in Schwierigkeiten. Ja, es wird zinsgünstige Darlehen geben, aber ich werde den Lohn, den ich verloren habe, nie wieder sehen".

Die Handwerkergewerkschaft des Landes (UNAS) sagte, dass sie etwa 85% ihres Geschäfts durch das Coronavirus verloren hat.

Als Erleichterung für diejenigen, die sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden, hat San Marino eine 150-stündige Elternurlaubsmaßnahme eingeführt und einen Lohn von 580 Euro pro Familie für die gesamte Dauer des gesundheitlichen Notfalls bereitgestellt.

Der Lohn von 580 € wird um 150 € erhöht, wenn zwei Erziehungsberechtigte im Haushalt leben und um 50 € für jedes weitere Familienmitglied.