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Couchsurfing "erpresst" Nutzer: 2,99 € bezahlen oder kein Zugang mehr...

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Die bekannteste kostenlose Internetplattform für Übernachtungen bei Privatpersonen, Couchsurfing, ermöglicht es Nutzern nicht mehr ohne Bezahlung sich anzumelden, und so den Zorn von Millionen von Benutzern entfesselt.

Die Covid-19-Pandemie, durch die der Reiseverkehr lahmgelegt und die Grenzen geschlossen wurden, hat das Unternehmen nach eigenen Angaben in eine "beispiellose" Finanzkrise gestürzt: Ohne die Hilfe seiner Gemeinschaft, so ist auf der Seite zu lesen, wird die Plattform nicht in der Lage sein, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.

"Der letzte Ausweg" vor dem Bankrott?

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels ist selbst das einfache Zugreifen auf das eigene Profil für (fast) alle Benutzer gesperrt: Kein Zugang zu Nachrichten, kommunizieren mit anderen Nutzern nicht erlaubt, und auch Fotos sowie andere Optionen sind nicht verfügbar. Es sei denn, man ist bereit, zumindest den monatlichen Beitrag von 2,99 Euro zu bezahlen.

"Erpressung", "Geiselnahme unserer Daten", "Pistole an den Kopf"

Die verzweifelte Maßnahme wurde von Couchsurfern, einer Gemeinschaft, die sich seit jeher dem Profitstreben und der "Monetarisierung" des Gastgewerbes widersetzt hat, heftig kritisiert.

Vorher war der Zugang kostenlos. Das Ziel von Couchsurfing ist es, Reisenden einen Schlafplatz bei einer Privatperson zu vermitteln ohne dass dabei Kosten entstehen. Millionen Menschen können sich so das Reisen überhaupt erst leisten. Zudem ist die Idee dahinter auch, Reisende und Einheimische in Kontakt zu bringen und so das Reiseerlebnis zu vertiefen.

Überall schlafen, auf einer Hängematte oder einem Sofa, dank Couchsurfing konnten viele junge Menschen (und auch ältere) andere Realitäten kennen lernen und Momente des sprachlichen und kulturellen Austauschs erleben.

Vor diesem Hintergrund wird Entscheidung des Unternehmens von seinen langjährigen Unterstützern als Grabstein bezeichnet.

Eine "Waffe an den Kopf der Gemeinschaft", schreibt der User Klaus Ehrlich auf Facebook. In einer Gruppe, die geschaffen wurde, um kostenlose Alternativen zum Couchsurfing zu finden, sagt Jim Wilkinson, er fühle sich "als Geisel" des Unternehmens, da er keinen Zugang mehr zu seinem Konto habe. Niek Hoogendoorn spricht auf Twitter von "Lösegeld" an ein Unternehmen, das beschlossen hat, unsere "Daten als Geisel zu nehmen".

Das Management antwortete, dass trotz Kürzungen, Entlassungen und eines Darlehens, das bei der US-Regierung beantragt wurde, 96% der Nutzer "Couchsurfing finanziell nicht unterstützen".

Das Unternehmen, mit Sitz in San Francisco und 14 Millionen Nutzern weltweit, gab es schon lange vor Airbnb oder Uber. Es ist die Plattform der Sharing Economy schlechthin - wenn auch sehr viel mehr "sharing" (Teilen) und sehr weniger "economy" (Wirtschaft) dahinter steckt, wie das Portal GigaOm bemerkt.

2011: Der Unternehmenswandel

Die Nachhaltigkeit des Modells ist seit jeher der gordische Knoten des 2003 (vor Facebook, Twitter und sogar MySpace) von Casey Fenton gegründeten Portals, das in den ersten Jahren als gemeinnütziges Kollektiv geführt wurde. Bis 2011 wurde es ausschließlich von Freiwilligen verwaltet, dann wurde Couchsurfing zu einem gewinnorientierten Unternehmen umgemünzt, das Investitionen in Höhe von 23 Millionen Dollar tätigte.

Der "kapitalistische" Ansatz zur Verwaltung der Plattform kollidierte jedoch sofort mit der Atmosphäre der Couchsurfing-Gemeinde.

Auf einem Blog beschreib ein Nutzer den Wandel: "Couchsurfing-Freiwillige haben jahrelang 'Stadtgruppen' aufgebaut und gepflegt, mit regelmäßigen Treffen, die zu jahrelanger Freundschaft [führten]. Die Website wurde neu gestaltet, und über Nacht verschwanden diese Gemeinschaften. An ihrer Stelle wurden allgemeine Stadtseiten mit Veranstaltungen und Foren aufgezogen. Bei dem Versuch, daraus ein Unternehmen im Stil des Silicon Valley zu machen, zerstörten sie die Gemeinschaften, die die Menschen über die Jahre aufgebaut hatten, und die aus Couchsurfing, Couchsurfing machten."

Derselbe Blogger macht eine ungefähre Berechnung der Einnahmen der Plattform (1 Million Dollar pro Jahr für Profile, die bezahlt werden; 4,5 Millionen an Werbeeinnahmen - plus 23 Millionen, die von Investoren kommen. Was mit diesem Geld passiert ist, wundert er sich, und prangert einen Mangel an Transparenz in der Finanzverwaltung des Unternehmens an.

In der Vergangenheit ware Couchsurfing auch wegen Problemen von Zensur und Annullierung der Profile der kritischsten "Botschafter" des Unternehmens in die Schlagzeilen geraten. Im Jahr 2013 wurden 40% der Beschäftigten im Rahmen einer Kostensenkungspolitik entlassen.

Sich neu erfinden, um das Ende der Plattform zu verhindern

Im Jahr 2016 führte die Unternehmensleitung einen kleinen Pflichtbeitrag ein, der bei der Buchung des "Sofas" an das Unternehmen zu entrichten ist. Trotz der Versprechen im Jahr 2011: "CouchSurfing wird nie Geld von den Gästen verlangen. Es widerspricht unserer Vision, jemanden aus wirtschaftlichen Gründen von der Möglichkeit, aufregende Erfahrungen zu machen, auszuschließen".

Couchsurfing ist nicht das einzige Portal, das Nutzer zur Kasse bittet

Dieses "letzte Mittel", d.h. die Einführung von Zugangsbeschränkungen im Falle der Nichtzahlung, ist ein völlig legitimer Schritt: Bereits in der Vergangenheit hat sich das Unternehmen in den Nutzungsbedingungen, die die Nutzer akzeptieren müssen (und die im Allgemeinen selten gelesen werden), das Recht vorbehalten, die Nutzungsbedingungen des Dienstes einseitig zu ändern.

Couchsurfing ist sicherlich nicht der einzige Fall, wie Guido Scorza, Rechtsanwalt, Vertragsprofessor für neue Technologien, in einem Podcast sagt.

Am 6. Mai beschloss die Firma Wink, Hersteller einer Drehscheibe für die Verwaltung von Smart-Home-Geräten, ebenfalls angesichts der jüngsten Wirtschaftskrise ihr Geschäftsmodell "von abends bis morgens" zu ändern und verlangte für ihre bisher kostenlosen Dienste 5 Dollar. Ganz zum Ärger von Nutzern, die die Entscheidung als "Erpressung" interpretierten.

Nutzungsbedingungen - Bitte lesen!

"Unser Leben im Zeitalter des Internets der Dinge ist und wird in zunehmendem Maße davon bestimmt, was in einem Vertrag, den wir ohne zu lesen akzeptieren, vorgesehen ist oder nicht vorgesehen ist [...] Es ist dringend notwendig, die Fragen der effektiven Transparenz der Nutzungsbedingungen digitaler Dienste und der Grenzen (...) anzugehen", sagt Scorza.

Wie Luca Lischetti, ein langjähriger Webentwickler und Couchsurfer, unter Berufung auf die europäische Datenschutzverordnung GDPR erinnert, können Couchsurfing-Nutzer das Unternehmen bitten, Ihnen ihre im Besitz des Unternehmens befindlichen Daten zu schicken - auch wenn sie nicht in der Lage sind, ohne Bezahlung auf die Website zuzugreifen.

Couchsurfing hat auf die Bitte von Euronews um einen Kommentar nicht geantwortet.