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Brexit: Schlamassel für Spediteure

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Brexit: Schlamassel für Spediteure
Copyright  Luke Hanrahan / Euronews
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Allmählich schiebt sich die Möglichkeit eines Schiffbruchs der Brexit-Verhandlungen auch in das Blickfeld der Transport- und Logistikbranche. Die Übergangsfrist zum Aushandeln eines Freihandelsabkommens zwischen EU und UK endet im Dezember 2020. Und COVID-19 macht alles nur noch schwieriger. Ein "harter Brexit", also ohne vertragliche Regelungen für ein ordentliches Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union einerseits und Großbritannien anderseits, wird immer wahrscheinlicher.

Die Gewerkschaften in Großbritannien schlagen Alarm, wieder einmal. Natalie Chapman spricht für eine der großen Transportarbeitergewerkschaften des Landes. Gegenüber Euronews sagte Chapman: "Wenn wir bis Jahresende auch bei Zöllen und Einfuhrkontrollen sämtliche Verbindungen mit der EU kappen, dann werden wir vor riesigen Schwierigkeiten stehen. Es gibt unglaublich viele Details die noch zu regeln sind."

London blockiert

Was liegt derzeit auf dem Verhandlungstisch? Die Europäische Union bietet London ein Freihandelsabkommen an - falls Großbritannien im Gegenzug Sozial- und Umweltstandarts akzeptiert. Doch London blockiert.

LKW-Fahrer wie Blumenlieferant Dan Van der Knaap sind die Leidtragenden. Täglich chauffiert er seine blumige Fracht von den Niederlanden nach Großbritannien. Alles muss schnell gehen, die zarten Blüten vertragen keine Verzögerungen, weder für Zollpapiere, noch für durch den Brexit erschweten Verwaltungskram oder Staus an der neuen EU-Außengrenze. Den Euronews-Reporter bittet Van der Knaap deshalb kurzerhand in seine Fahrerkabine, schon geht es los - und während der junge Fahrer seinen Blumen-Truck erneut Richtung Grenze steuert hat er endlich doch Zeit für ein Interview:

"Ich mach mir echt Sorgen", meint Van der Knaap, "ich weiss nicht, was uns da noch blüht. Was mir schlaflose Nächte bereitet, ist, dass keiner hundertprozentig sicher ist, wo es lang geht." - Damit drückt der Blumenlieferant und Profifahrer aus, was Tausende seiner Kollegen umtreibt, die Angst vor dem Unbekannten. Die Furcht vor einem völligen und endgültigen Scheitern der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen.

Brexit-Albtraum

Viele Logistikunternehmer - sowohl auf britischer, wie auf kontinentaleuropäischer Seite - drängen deshalb auf eine Verlängerung der Übergangsfrist. Die wurde nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ja deshalb geschaffen, damit die Unterhändler vielleicht doch noch einen Kompromiss aushandeln können. Doch das gilt mittlerweile als sehr unwahrscheinlich.

Euronews-Reporter Luke Hanrahan bewertet die Lage folgendermaßen: "Seit vier Jahren durchleben die britischen Fracht- und Logistikunternehmen einen wahren Brexit-Albtraum. Jetzt kommt auch noch COVID-19 hinzu. Schwierig, unter solchen Umständen einen reibungslosen Warenverkehr zwischen Kontinentaleuropa und Großbritannien zu organisieren."

Keine Fahrer, nirgendwo

Denn: irgendwer muss ja am Steuer sitzen. Organisiert wird das unter anderem bei Jordan Freight Logistics, der nächsten Zwischenstation des Euronews-Reporter auf den Spuren der Brexit-Folgen. Das britische Unterhaus hat ein Gesetz zur Beendigung der Freizügigkeit für europäische Arbeitskräfte verabschiedet, das ebenfalls ab Januar 2021 in Kraft treten soll. Die Dienstleistungsfirma Jordan Freight Logistics hat deshalb bereits jetzt Probleme, Vertragsfahrer für das kommende Jahr zu finden. Und nicht nur die Fahrer bleiben weg. Auch viele Firmen lassen mittlerweile immer häufiger die Finger vom UK-Geschäft, verzichten auf Vertragsabschlü´sse für 2021, orientieren sich um und sortieren ihr Geschäftsfeld neu.

Jon Sparrow von Jordan Freight Logistics nimmt kein Blatt vor den Mund: "Ich habe schlicht und einfach Angst, dass die Spediteure wegbleiben. Meine größte Furcht ist, dass am Ende des Jahres alles zusammenbricht, nichts ist fertig, weder die Computertechnik noch - wegen COVID-19 - die Zollbehörden." - Der Mann wirkt müde, Sorgenfalten zeichnen seine Stirn, seine Stimme klingt eindringlich. Doch wer hört im Londoner Regierungsviertel schon auf Logistikprofis wie Sparrow?

Es kommt hart

Zwar ist eine Einigung auch jetzt noch möglich, quasi im letzten Moment, doch Kenner der Materie rechnen mittlerweile mit einem "harten Brexit" - spricht: Kurs Richtung Chaos. Selbst EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat es als unwahrscheinlich bezeichnet, dass es noch einAbkommen für die Zeit nach der Brexit-Übergangsphase gibt. Will er damit nur Verhandlungsdruck aufbauen? Das scheint die vorherrschende Lesart in London zu sein - und könnte sich letzten Endes als grandioses Missverständnis entpuppen.

Die vergangenen Monate und Jahre haben gezeigt: Wenn es um den Kernbestand der Europäischen Union geht, da ist Brüssel im ureigensten Interesse ihrer Mitgliedstaaten nicht bereit, dem Aussteiger London entgegenzukommen. Nähme London das Angebot Brüssels an, könnte Großbritannien auch künftig Waren ohne Zölle und Mengenbegrenzung in den Binnenmarkt exportieren. Allerdings nur dann, wenn es nicht zu Wettbewerbsverzerrungen kommt, sprich: Großbritannien müsste weiterhin die EU-Standarts bei Umwelt und Arbeitnehmerrechten nicht nur akzeptieren, sondern auch anwenden. "Level Playing Field" wird das in der Verhandlungssprache genannt - und ist für UK-Unterhändler offenbar immer noch eine Art "rotes Tuch". Damit scheint ein Verhandlungs-GAU vorprogrammiert.