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Wer vertritt welche Interessen im Konflikt um Bergkarabach: Warum die Gewalt wieder aufflammt

Armenische Soldaten patrouillieren auf einem Panzer in der Nähe des Dorfes Madaghis in Berg-Karabach, Aserbaidschan, 6. April 2016
Armenische Soldaten patrouillieren auf einem Panzer in der Nähe des Dorfes Madaghis in Berg-Karabach, Aserbaidschan, 6. April 2016   -   Copyright  Karo Sahakyan/AP
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In der Region Berg-Karabach ist es ab dem 27. September 2020 zu einer Eskalation der Gewalt zwischen armenischen und aserbaidschanischen Streitkräften gekommen.

Heftige Kämpfe hatte es zuletzt 2016 gegeben. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bemühte sich um Vermittlung. Die internationale Gemeinschaft und die EU forderten eine Feuerpause.

Vertreter Armeniens und Aserbaidschans haben 1994 einen Waffenstillstand unterzeichnet, aber ein offizielles Friedensabkommen ist nie in Kraft getreten.

Hier einige wissenwerte Dinge zum Konflikt.

Worum geht es bei dem Konflikt?

Die ehemaligen Sowjetstaaten Aserbaidschan und Armenien führten Anfang der 1990er Jahre einen blutigen Krieg um die Bergregion Berg-Karabach.

Auf beiden Seiten wurden tausende Menschen getötet, Hunderttausende vertrieben.

Der Krieg endete 1994 mit einem Waffenstillstand, obwohl die Gewalt seitdem sporadisch immer wieder aufflammt.

Es ist sehr schwer, Kompromisse einzugehen, wenn es um einen so tief verwurzelten Teil ihrer eigenen Identität geht.
Dr. Kevork Oskanian
Ehren-Forschungsstipendiat an der Universität Birmingham, Experte für eurasische Politik

"Das ist eine Frage der Identität für beide Seiten", meinte Dr. Kevork Oskanian, Ehren-Forschungsstipendiat der Universität Birmingham und Experte für eurasische Politik gegenüber Euronews.

"Berg-Karabach ist für die Identität sowohl der Armenier als auch der Aserbaidschaner von zentraler Bedeutung - es ist sehr schwer, Kompromisse einzugehen, wenn es um einen so tief verwurzelten Teil ihrer Identität geht", fügte er hinzu, "das ist auch der Grund, warum die Regierenden auf beiden Seiten wissen, dass es sehr schwierig ist, ihrem Volk irgendeine Lösung zu verkaufen."

Auch für externe Akteure steht hier potenziell eine Menge auf dem Spiel, wobei die Energieversorgung einen hohen Stellenwert einnimmt, wie Paul Stronski, Senior Fellow des Russland- und Eurasien-Programms beim US-Think Tank "Carnegie Endowment for International Peace" gegenüber Euronews erklärte.

"Berg-Karabach ist eine wichtige Transitroute für Energie nach Europa - sie führt durch Aserbaidschan, Georgien und die Türkei", erklärte er.

In Bezug auf die internationale Sicherheit fügte Stronski hinzu, dass das Wiederaufflammen der Gewalt "sich destabilisierend für Georgien auswirkt, genauso für Iran und den russischen Nordkaukasus, die direkt nebenan liegen."

Warum gerade jetzt?

Es gibt sowohl kurz- als auch langfristige Faktoren, die für das Wiederaufflammen der Gewalt in der Region verantwortlich sind.

Zum einen zieht sich der Konflikt "schon seit langem hin", so Kaukasus-Experte Oskanian. Auf aserbaidschanischer Seite "hat Ilham Alijew, seit er 2003 Präsident wurde, versprochen, das Gebiet wieder unter aserbaidschanische Kontrolle zu bringen."

Alijew habe das Land mit modernster Militärtechnologie ausgestattet - das erhöhe den Druck, sein Versprechen einzulösen, erläutert Kevork Oskanian.

AP/Azerbaijan's Presidential Press Office
Präsident von Aserbaidschan Ilham AlijewAP/Azerbaijan's Presidential Press Office

"Die armenische Seite scheint nicht bereit zu sein, bei der Kontrolle Berg-Karabachs Kompromisse einzugehen", so Oskanian weiter, "wir sollten im Auge behalten, dass Armenien mit dem Status quo zufrieden ist. Das Land will seine Kontrolle über die Region in einen Normalzustand überführen."

Als kurzfristiger Auslöser der Gefechte könnten mehrere Rückschläge für Alijew im Juli gelten.

Sie zogen offenbar das erneute Aufflammen der Gefechte nach sich. Daraufhin erklärten sich die Menschen in Baku bereit, in einem Krieg mit Armenien zu kämpfen, was für den Präsidenten peinlich war. Er musste "sein Gesicht wahren", davon ist Oskanian überzeugt.

Europa durch Covid-19 abgelenkt

Stronski sieht auch die COVID-19-Pandemie als einen Faktor der wiederaufflammenden Gewalt, da sie "versagende soziale Sicherheitsnetze und Staatsführungsprobleme in beiden Ländern aufgedeckt hat".

Zudem habe die Corona-Krise die Aufmerksamkeit externer Akteure, die eingreifen könnten, von der Region weggelenkt, so Stronski.

"Europa erlebt eine sogenannte 'zweite Corona-Welle' und hat daher weniger Möglichkeiten, einzugreifen. Russland hat eigene Corona-Probleme, Probleme mit Belarus und kämpft mit wachsender Unzufriedenheit, und die USA - unter der Führung Trumps - sind in der Region abwesend", so Stronski.

"Die Welt hat anderes im Sinn, das ist ein weiterer Grund, warum das geschehen konnte", fügte er hinzu.

Alexej Malaschenko, Forschungsleiter am Dialogue of Civilizations Research Institute (DOC Research Institute), stimmt dieser Beobachtung zu: "Die Welt ist abgelenkt: In den Vereinigten Staaten von Amerika ist man mit den Wahlen beschäftigt und, was die Außenpolitik betrifft, auf den Balkan und dem Nahen Osten fokussiert."

Mit welcher Unterstützung können beide Staaten rechnen?

Die wichtigsten Akteure sind Russland und die Türkei.

Während die Türkei Aserbaidschan schon immer unterstützt habe, habe sie ihr Engagement in der Region in jüngster Zeit in Form von Militärmanövern intensiviert, so Oskanian.

Eine mögliche Erklärung für das neuerliche türkische Interesse sei es, Druck gegen Russland aufzubauen, das "Aserbaidschan als seinen eigenen Hinterhof beansprucht", erklärt der Wissenschaftler der Uni Birmingham.

Auch innenpolitische Faktoren könnten eine Rolle spielen, sagte Oskanian.

"Beide Staaten sind Turkstaaten, die ähnliche Sprachen sprechen, aber es gibt auch eine große aserbaidschanische Diaspora in der Türkei. [...] Das Bild der Türkei, die ihrem aserbaidschanischen Bruder hilft, spielt Erdogan innenpolitisch zu", so Oskanian.

Der Konflikt schafft einen Angriffspunkt, den Russland in einem Teile-und-herrsche-Ansatz gegenüber der Region genutzt hat.
Dr. Kevork Oskanian
Ehren-Forschungsstipendiat an der Universität Birmingham, Experte für eurasische Politik

Russland vertrete eine eher zweideutige Haltung und habe in der Vergangenheit beide Seiten bewaffnet. Es sei zwar Teil eines formellen Bündnisses mit Armenien, der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), dieses erstrecke sich jedoch nicht auf Berg-Karabach.

Moskau habe Verbindungen zu beiden Seiten und sei daran interessiert, die Dinge unter Kontrolle zu halten. An einer endgültigen Lösung des Konflikts sei es aber nicht interessiert, fügte er hinzu.

AP/Russian Defense Ministry Press Service
Russische Waffensysteme bei einem Manöver im Sept. 2020AP/Russian Defense Ministry Press Service

"Berg-Karabach ist ein Konflikt, der den Südkaukasus spaltet - er ist der einzige Grund, warum Georgien, Aserbaidschan und Armenien nicht trilateral zusammenarbeiten können. Er schafft einen Angriffspunkt, den Russland in einem Teile-und-herrsche-Ansatz gegenüber der Region genutzt hat", so Oskanian.

Wie könnte es in der Region weitergehen?

"Es besteht die Gefahr, dass ausländische Mächte hineingezogen werden", erklärt Laurence Broers, vom Russland- und Eurasien-Programm im Chatham House gegenüber Euronews.

Er glaubt, dass es für die Türkei eine Herausforderung sei, wenn Aserbaidschan in den kommenden Tagen auf dem Schlachtfeld nicht gut abschneidet. "Denn dann wird der wahre Sinn ihrer Unterstützung darin bestehen, dass sie in Frage gestellt wird."

Das Gleiche gelte für Russland mit Bezug auf die armenischen Streitkräfte, fügte der Experte hinzu.

Sergej Markedonow, ein leitender Forscher am Zentrum für euro-atlantische Sicherheit am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Studien, sagte, ein Schlüsselfaktor, der beobachtet werden müsse, sei, wie lange die beiden Seiten bereit seien, die Konfrontation fortzusetzen und "wie weit die Eskalation geht".

Ein weiterer Faktor ist, ob sich das Aufflackern in Richtung Nachitschewan (also in Richtung Türkei - Anmerk. der Red.) und Tawusch an der armenisch-aserbaidschanischen Grenze ausbreitet.

"Das wäre eine völlig andere Situation", sagte Markedonow. "Ein direkter Zusammenstoß zwischen zwei unabhängigen Staaten, in denen es verbündete Verpflichtungen der Türkei einerseits und der CSTO und insbesondere Russlands andererseits gibt.

"Natürlich wäre dies das unerwünschteste Szenario. Ich glaube, dass die Parteien heute versuchen, dies zu vermeiden, aber die Logik hinter dem Kampf kann ziemlich unvorhersehbar sein.

Was wäre, wenn Eriwan die Unabhängigkeit Berg-Karabachs anerkennt?

Malaschenko glaubt jedoch nicht, dass die jüngsten Drohungen Eriwans, die Unabhängigkeit der Region offiziell anzuerkennen, etwas ändern werden - er glaubt, dass das Gebiet in diesem Fall de facto unter armenischer Kontrolle bliebe.

Andererseits, so glaubt Experte Oskanian, würde ein solcher Schritt "einen diplomatischen Feuersturm auslösen", was einen "großen Schritt Armeniens" darstelle.

Er kann sich nicht vorstellen, dass Eriwan dies tut, es sei denn, die Kämpfe eskalieren dramatisch oder erstrecken sich über Monate hinweg oder länger.

AP/Armenian Foreign Ministry
Bewohner von Stepanakert in Berg-KarabachAP/Armenian Foreign Ministry

Ist eine Einigung wahrscheinlich?

"Es sind viele verschiedene Lösungen vorgeschlagen worden... jede dieser Optionen ist auf unterschiedliche Weise für die Parteien inakzeptabel", erklärte der Leiter des Kaukasus-Programms beim Thinktank Chatham House, Laurence Broers.

Er meint, was wir brauchen, sei eine Transformation der Beziehungen, der Konfliktbedingungen, mehr Kontakte, mehr praktische Initiativen.

Er sagte, es sei "nicht sehr überraschend, dass die Diplomatie nicht erfolgreich war", da es schwierig sei, eine diplomatische Lösung im Kontext "eines regionalen Wettrüstens und wiederholter Eskalationen" voranzubringen.

Broers fügte hinzu, es habe an internationalem Engagement und Aufmerksamkeit im Konflikt sowie an der Forderung nach einer friedlichen Lösung gefehlt.

Malaschenko hält eine internationale Konferenz zwischen Armenien und Aserbaidschan, an der Vertreter mit mindestens der Autorität von Außenministern teilnehmen, für eine gute Lösung, um die Spannungen in der Region abzubauen.

"Die Türkei, Russland, einige europäische Länder und die USA könnten an diesen Verhandlungen teilnehmen", so der Vorschlag von Malaschenko.