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Zu wenig Eis für Oktober: Warum uns die Arktis interessieren sollte

Die Meereisbildung seit Mitte Oktober ist die langsamste seit Beginn der Aufzeichnungen
Die Meereisbildung seit Mitte Oktober ist die langsamste seit Beginn der Aufzeichnungen   -   Copyright  National Snow & Ice Data Center
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Was in der Arktis passiert, beeinflusst das Klima des gesamten Planeten. Im Oktober dieses Jahres ist das arktische Meer zu warm: die Eisdecke kann sich nicht mit der üblichen Geschwindigkeit schließen.

Die Grafik oben zeigt, dass die arktische Eiskappe zu dieser Jahreszeit also noch nie so klein war wie in diesem Jahr. Das Jahr 2012 (die gestrichelte Linie) ist Spitzenreiter für die geringste Eismenge seit dem Beginn der Datenaufzeichnungen, doch damals schien es kaum Auswirkungen auf die Eisbildung zu Beginn des Herbstes zu haben.

In diesem Jahr (blaue Linie) hingegen ist das Meerwasser zu warm - ein Ergebnis der hohen Temperaturen, die Sibirien und andere Gebiete der Arktis verzeichnet werden. Das führt dazu, dass sich das Eis nicht mit der üblichen Geschwindigkeit bildet (auf der Grafik in grau dargestellt).

Die Saison brach auch Rekorde mit häufigeren Schmelzen als im Jahr 2012 zwischen den Sommermonaten März und Juni und an einigen Tagen im Juli.

Sie können die interaktive Grafik mit der Oberfläche des Meereises auf der Seite des Snow & Ice National Data Center abrufen.

Darüber hinaus blieben die Temperaturen in diesem Oktober in der gesamten arktischen Region hoch, so dass die verbleibende Eisdecke viel dünner ist als sonst, wie aus der Grafik von Dr. Zachary E. Labe, einem Forscher an der Universität von Colorado, hervorgeht.

Gegenüber euronews erklärte Labe, dass der größte Teil dieser Besonderheit auf "die schlimmste Meereisbildung der Satelliten-Beobachtung" auf die sehr hohen Temperaturen zurückzuführen ist, die in der sibirischen Region seit Anfang des Jahres herrschen - eine rekordverdächtige Hitzewelle.

Er hofft auch, dass sich das Eis erneut bilden wird und erinnert daran, dass es - zusätzlich zum Klimawandel - jedes Jahr eine erhebliche Variabilität gibt. So könnte es in Sibirien im nächsten Jahr mehr Eis als im Durchschnitt geben. Dennoch deckt sich diese Episode mit den Beobachtungen zu den Auswirkungen der globalen Erwärmung in der Arktis.

Erdbeobachtungsprogramm Copernicus
September war einer der wärmsten in der Arktis, seit dem Beginn der Aufzeichnungen 2012Erdbeobachtungsprogramm Copernicus

Samantha Burgess, stellvertretende Direktorin des Klimawandel-Service des Europäischen Erdbeobahtungsprogramms, erklärt, dass die außergewöhnliche Hitze der sibirischen Arktis "die Temperatur an der Oberfläche des Meeres überdurchschnittlich aufheizt, wodurch es für das Eis schwieriger wird, sich wieder auszubreiten." Noch sei es zu früh, die Auswirkungen auf die gesamte Jahreszeit abzuschätzen, warnt aber gleichzeitig vor wahrscheinlichen "Auswirkungen auf das marine Nahrungsnetz mit weniger verfügbaren Nährstoffen und auf eisabhängige Arten wie Eisbären und Walrosse."

Der belgische Gletscherforscher Xavier Fettweis erklärt, diese Situation zeige, dass der Zustand der Arktis nicht an der Eisoberfläche gemessen werden könne: "Wir müssen auch die Temperatur in offenen Gewässern berücksichtigen. Das ist die verborgene Seite des Eisbergs und hat in diesem Jahr wahrscheinlich einen Rekord gebrochen. Eine Tatsache, die weniger bekannt ist". In dieser Hinsicht glaubt Fettweis, dass diese Saison wahrscheinlich schlimmer ausfallen könnte als das Jahr 2012. Er befürchtet zudem, dass sich diese Situation im nächsten Jahr noch weiter verschärfen könnte, weil eine geschwächte Eisdecke bleibt, die in der Saison 2021 schneller schmelzen wird.

Weiterhin erklärt er, dass mit zunehmender Verdunstung auch die Niederschläge zunehmen, wenn auch nicht unbedingt am Nordpol.

Polar Portal
Volumen des Meeres-Eis in der ArktisPolar Portal

Der Verlust von Meereis, vor allem des ältesten und dicksten Schichten, verursacht einen Teufelskreis. Das Eis bildet sich im Winter langsamer und schmilzt im Sommer schneller. Derzeit ist das vom Dänischen Meteorologischen Institut geschätzte Eisvolumen (siehe Grafik oben) gering, erreicht aber nicht den Rekord von 2019.

Die beiden anderen großen Eisschilde des Planeten, auf Grönland und in der Antarktis, sind stabil, und liegen in diesem Jahr ungefähr innerhalb der Durchschnittswerte.

Was in der Arktis passiert beeinflusst das globale Klima

Wenn Wissenschaftler und Experten so hartnäckig die dramatischen Veränderungen in der Arktis beobachten, dann deshalb, weil den Polen eine wesentliche und regulierende Rolle für das Klimagleichgewicht des gesamten Planeten zukommt.

AP Photo/David Goldman (Archiv 2017)
MeereisAP Photo/David Goldman (Archiv 2017)

Die Arktis leidet unter den Auswirkungen des Klimawandels. Dort laufen die Veränderungen wegen der so genannten arktischen Verstärkung doppelt so schnell ab wie im Rest der Welt. Diese Veränderungen wiederum wirken sich dann auf das Klima der Erde aus. Hinzu kommt das beschleunigte Abschmelzen der Gletscher und des Permafrosts, des gefrorenen Bodens, der die Gipfel und Steppen beider Hemisphären bedeckt. Das setzt zusätzlich Treibhausgase wie Methan frei.

Die Auswirkungen der Schmelze sind noch nicht genau erforscht, aber es gibt einige unmittelbare Konsequenzen:

  • Die Pole wirken wie ein Kühlschrank. Wenn sie weniger Eis haben, absorbieren sie Wärme, anstatt sie zu reflektieren. Das erschwert die Eisbildung, wie Professor Fettweis ausführt und ist das, was wir in diesem Jahr beobachten.
  • Steigender Meeresspiegel. Dies ist eine der offensichtlichsten Auswirkungen des Schmelzens der der mit Eis und Schnee bedeckten Landmassen.
  • Lebensgemeinschaften und das Ökosystem kommen aus dem Gleichgewicht. Das ist der unmittelbarste und offensichtlichste Effekt. Die Bevölkerung der Regionen muss sich seit Jahren an die veränderten Bedingungen anpassen. Das gilt auch für die Fauna, die ebenfalls weniger Ressourcen hat, um sich anzupassen.
  • Mehr Niederschläge und verheerende Unwetter. Höhere Verdunstung und mehr Wasser sorgt für noch mehr Niederschläge. Einige Wissenschaftler glauben zudem, dass Störungen in der Arktis Veränderungen im Jetstream verursachen, der das Klima der nördlichen Hemisphäre bestimmt.
  • Veränderungen in der Meeresströmung. Das Abschmelzen der Eisschilde ist in der Lage, die Meeresströmungen zu verändern. Sie hängen ebenfalls eng mit dem globalen Klima zusammen
  • Mehr Hitzewellen. Wissenschaftler glauben, dass Störungen in den Ozean- und Atmosphärenströmungen nicht nur extremere Winterperioden, sondern auch intensivere Hitzewellen im Sommer verursachen können.
  • Veränderungen des Salzgehalts. Der Eis-Mangel verändert das chemische Gleichgewicht der Ozeane und kann zu weniger Nährstoffen - oder einem Überschuss an bestimmten Tierarten oder Algen führen.

Die MOSAIC-Mission, die größte Arktis-Erforschung, die je unternommen wurde, ist vor kurzem zurückgekehrt. Eines ihrer Hauptziele bestand darin, Daten über voranschreitenden Klimawandel in der Arktis zu sammeln. Diese müssen nun ausgewertet werden: vor allem was er für das fragile Gleichgewicht am Nordpol bedeutet.