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Ein Wunder in der Adria? Kleiner Fischereischutz, großer Erfolg!

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Ein Wunder in der Adria? Kleiner Fischereischutz, großer Erfolg!
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Die Fischbestände im Mittelmeer sind durch jahrzehntelange Überfischung auf ein alarmierendes Niveau gesunken. Den Küstenstaaten droht ein Kollaps der Fischerei. Doch in einem geschützten Teil der Adria zwischen Kroatien und Italien erholen sich die Fischpopulationen. Zeigen sie einen Ausweg aus der Krise? Thema in dieser Ocean-Folge.

Der Schutz des Meeres kommt allen zugute

Auf Kroatisch bedeutet Jabuka Apfel. Doch heute steht der Name der winzigen Adria-Insel für die Hoffnung auf ein gesünderes Mittelmeer.

Ein fast 3.000 Quadratkilometer großes Gebiet um Jabuka ist ein wichtiger Laichplatz für Seehecht und Languste. Es ist seit 2017 durch ein Abkommen vor Überfischung geschützt, das von Wissenschaftlern, Fischern, NGOs und den Behörden Kroatiens und Italiens erreicht wurde.

Brandneue Schiffe der Fischereiaufsicht und der Küstenwache patrouillieren in dem Gebiet und setzen die Auflagen durch.

"Die einzigartige Artenvielfalt des Mittelmeers ist seit Jahrzehnten rückläufig", erklärt euronews-Reporter Denis Loctier. "Europäische Untersuchungen zeigen, dass die Fischpopulationen im Mittelmeer in den vergangenen 50 Jahren um ein Drittel zurückgegangen ist. Verschmutzung und Klimawandel spielen sicherlich eine Rolle - aber die Hauptursache für diesen Rückgang scheint die extensive Überfischung zu sein."

Der Schutz wichtiger Laichgebiete kann helfen, die Dinge umzukehren - vorausgesetzt, die Verbote existieren nicht nur auf dem Papier. Frühere Bemühungen, Jabuka zu schützen, sind gescheitert: Die Fischerei ging weiter, und die Bestände sanken auf ein gefährlich niedriges Niveau.

Das Abkommen kam zustande, als alle Parteien erkannten, dass wirksame Beschränkungen allen zugutekommt.

"Der größte Teil dieser Zone ist komplett für den Fischfang gesperrt - die Schiffe dürfen nur mit einer Sondergenehmigung in einen kleinen angrenzenden Bereich fahren", erklärt der leitende Fischereiinspektor Mario Škorjanec.

Regelmäßige Kontrollen der Fischtrawler

Der euronews-Reporter ist bei einer Patrouille dabei. Man stößt auf einen Fischtrawler, der seine Netze im erlaubten Bereich einholt, knapp außerhalb der unsichtbaren Begrenzung der "no-take zone". Dort findet man die besten Fänge. Die Fischereiinspektoren führen eine Routinekontrolle durch, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist. Ihr Schnellboot holt den Trawler schnell ein. Die Beamten werden an Bord gelassen.

Sie überprüfen einen Teil des Fangs: Fische in Laichgröße und Jungfische sind geschützt. Mit speziellen Instrumenten wird außerdem überprüft, ob das Fanggerät den Vorgaben entspricht:

"Die Vorschriften definieren die minimale Maschenweite", erklärt Mario Škorjanec. "Zu kleine Netzöffnungen wären ein Verstoß, und der Fischer müsste die Konsequenzen tragen."

Auch die Bootspapiere und das elektronische Logbuch, das eine detaillierte Aufzeichnung aller Fangfahrten enthält, werden überprüft. Die Fischer sind mit den Kontrollen einverstanden - sie sehen, dass die Beschränkungen funktionieren, denn sie haben wieder bessere Erträge. Trawler-Kapitän Zlatko Šepić:

"Wir fangen immer noch viel weniger Fisch als in den Neunziger Jahren. Aber im vergangenen Jahr haben sich die Fänge verbessert - vor allem bei Arten wie Seehecht. Das scheint eine Folge der Jabuka-Pit-Fangbeschränkungen zu sein."

Die Inspektoren legen ab, ohne irgendwelche Verstöße festgestellt zu haben - aber die Kontrolle geht weiter. Jedes Boot, das in diesem Gebiet arbeitet, ob groß oder klein, muss ein VMS - ein Schiffsüberwachungssystem - haben, das seine Echtzeit-Koordinaten an die Regierungsstelle in Zagreb sendet.

Überwachung der Fischereisperrzonen

Die Spezialisten der kroatischen Fischereidirektion haben eine Software entwickelt, mit der sie die Fischerboote verfolgen können. Ein Klick auf die elektronische Karte zeigt detaillierte Informationen über jedes Schiff, einschließlich seiner genauen Fahrtroute auf See. Eine Grenzüberschreitung in das Sperrgebiet wird erkannt.

"Das ist ein halbautomatisches System, das rund um die Uhr funktioniert", erklärt Fachreferent Misclav Sokol am Zentrum für Fischereiüberwachung . "Es bekommt alle Daten der VMS und elektronischen Logbücher. Wir bekommen Warnungen, wenn etwas nicht stimmt, und die Kollegen hier im Fischereiüberwachungszentrum melden das den Inspektoren."

In Zusammenarbeit mit dem Militär empfängt das Überwachungszentrum auch Live-Videos von Drohnen, die im Luftraum über dem Meer eingesetzt werden. Diese fliegenden Kameras können Fehlverhalten aus kilometerweiter Entfernung aufdecken und beweisen.

Die Drohnen und Schiffe für die Fischereikontrolle werden vom Europäischen Meeres- und Fischereifonds unterstützt. Die Bekämpfung der illegalen Fischerei ist ein wichtiges Ziel für die EU. Die Europäische Fischereiaufsichtsagentur (EFCA) koordiniert Inspektion, Überwachung und Kontrolle in den EU-Gewässern und arbeitet mit allen Ländern der Region zusammen, um die Gesamtsituation im Mittelmeer zu verbessern.

"Wir müssen den Datenaustausch sowie die Kontrolle der Schiffe verbessern, in dem wir Satellitenverfolgungssysteme installieren", sagt EFCA-Direktor Pascal Savouret . _"Man muss auch die Kontrollpläne und die Risikoanalyse verstärken und natürlich Kontrollmaßnahmen durchführen, in Zusammenarbeit zwischen den südlichen und nördlichen Mittelmeerstaaten."

Vielleicht haben die erfolgreichen Maßnahmen im Jabuka-Gebiet eine Vorbildfunktion für andere Teile des Mittelmeers.

Forscher am Institut für Ozeanographie und Fischerei Split analysierten Daten aus Meeresuntersuchungen, kommerziellen Anlandungen und internationalen Studien. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass sich die wichtigen Fischpopulationen schneller erholen als erwartet. Es scheint, dass der Schutz eines kleinen Teils des Meeres einen Übertragungs-Effekt (Spillover-Effekt) in der gesamten Adria ausgelöst hat.

"Diese Auflagen wurden nicht von oben erlassen - sie wurden von Fischern und Wissenschaftlern untereinander vereinbart", meint Nedo Vrgoč, Direktor des Instituts für Ozeanografie und Fischerei Split. "Jetzt sehen die Fischer diese Maßnahmen als ihre eigenen an. Früher war es schwer vorstellbar, aber heute kommen die Fischer zu unserem Institut und schlagen weitere ähnliche Maßnahmen vor - sie sehen, dass sie funktionieren."

Es ist eine Win-win-Situation: Die Artenvielfalt im Meer erholt sich, Verbraucher haben eine wachsende Auswahl an frischen Meeresfrüchten und die Industrie profitiert von den zunehmend reichhaltigen und wertvollen Fängen.

Die meisten Meeresfrüchte, die auf diesem Fischmarkt in Split verkauft werden, stammen aus dem Jabuka-Gebiet. Die Fischverkäuferin Ana Vučemilović schwärmt:

"Seit Jabuka geschützt wird, ist der Fisch aus dieser Gegend größer geworden. Schauen Sie sich diesen Seehecht an - solche großen Exemplare gibt es jetzt ziemlich oft. In der Vergangenheit war das selten. Oder dieser Seeteufel - auch die waren früher viel kleiner!"

Ein gesundes Meer ist für alle wichtig

Ein gesundes Meer ist für die Insel-Bewohner von entscheidender Bedeutung. Die Stadt Komiža auf der Insel Vis, etwa 70 km östlich von Jabuka, lebt vom Tourismus. Fischerei ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. Vor einigen Jahren waren die Fänge so gering, dass es sich nicht mehr lohnte, mit einem kleinen Boot aufs Meer hinauszufahren. Doch heute scheint der Pessimismus von damals verflogen zu sein:

"Es gibt neue Boote und neue Fischer. Immer mehr junge Leute wählen diesen Beruf - sie sehen jetzt eine Zukunft in der Fischerei", freut sich der Fischer Vinko Mardešić.

Jüngsten Studien zufolge würde der Schutz von nur fünf weiteren Prozent des Ozeans zu einem Anstieg künftiger Fangmengen um mindestens 20 Prozent auf globaler Ebene führen.

Schiffsbesitzer Joško Pedišic sagt: "Die besseren Fänge beweisen, dass wir Fischer, Wissenschaftler und die Verwaltung zusammenarbeiten können - nicht nur auf der kroatischen, sondern auch auf der italienischen Seite. Indem wir die Fischerei auf einen kleinen Teil des Meeres beschränken, bewahren wir den Fisch für künftige Generationen, für unsere Kinder."