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AstraZeneca: Impfungen in Deutschland nur noch ab 60 Jahren

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Von Cornelia Trefflich mit AP, dpa
Apothekerin Barbara Violo zeigt ein Fläschen des AstraZeneca-Impfstoffs gegen Covid-19
Apothekerin Barbara Violo zeigt ein Fläschen des AstraZeneca-Impfstoffs gegen Covid-19   -   Copyright  Nathan Denette/AP
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In Deutschland gilt für Corona-Impfungen mit dem Mittel von Astrazeneca künftig eine neue vorsorgliche Altersbeschränkung.

Wie die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beschlossen, solle das Präparat von diesem Mittwoch an in der Regel nur noch für Menschen ab 60 Jahren eingesetzt werden. Demnach sollen sich unter 60-Jährige "nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung" weiterhin damit impfen lassen können.

Die Länder sollen nun auch schon 60- bis 69-Jährige für das Mittel von Astrazeneca mit in ihre Impfkampagnen einbeziehen können. Dies gäbe die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden 3. Welle nun schneller zu impfen, hieß es. Derzeit laufen generell Impfungen in den ersten beiden Prioritätsgruppen, zu denen - bezogen auf das Lebensalter - Menschen ab 70 Jahre gehören.

Zuvor hatten Berlin, das Land Brandenburg und die Stadt München haben einen vorübergehenden Impfstopp mit AstraZeneca für unter 60-Jährige angeordnet. An diesem Dienstag Abend wollen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern über den zukünftigen Einsatz des Präparats beraten. Der Impfstoff sorgt immer wieder für negative Schlagzeilen, zuletzt wegen gehäuft auftretender Hirnvenenthrombosen vor allem bei Frauen, die möglicherweise im Zusammenhang mit einer AstraZeneca-Impfung stehen.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) sprach von einer Vorsichtsmaßnahme. Bevor Menschen unter 60 weiter mit dem Vakzin geimpft werden, wolle man Beratungen auf Bundesebene und auf Stellungnahmen von Fachleuten abwarten.

Zuvor war bekannt geworden, dass die Berliner Charité den AstraZeneca-Impfstoff für weibliches Personal unter 55 Jahren nicht mehr einsetzt. Von der Charité hieß es, dass man diesen Schritt gehe, weil weitere Fälle von Hirnvenenthrombosen bei jüngeren Frauen nach einer AstraZeneca-Impfung aufgetreten seien. An der Charité selbst hat es bislang keine Zwischenfälle mit dem Impfstoff gegeben. 16.000 Mitarbeiter:innen der Klinik sind bislang damit geimpft worden. Auch die Vivantes-Krankenhäuser in Berlin haben angekündigt, das Vakzin mit Verweis auf selten auftretende Fälle von Hirnvenenthrombosen nicht mehr an die eigene Belegschaft unter 55 Jahren verimpfen zu wollen.

In Deutschland sind bislang 31 Fälle von Sinusvenenthrombosen im Zusammenhang mit einer Corona-Impfung von AstraZeneca aufgetreten, zuletzt waren zwei Frauen in Nordrhein-Westfalen davon betroffen. In neun der aufgetretenen Fälle starben die Patient:innen an den Folgen der Blutgerinnsel in den Hirnvenen. Insgesamt haben 2,7 Millionen Menschen eine erste Dosis des Impfstoffs erhalten und 767 eine Zweitimpfung.

Kanada ist vorsichtig mit AstraZeneca-Impfstoff

Erst am vergangenen Montag hatte Kanada bekannt gegeben, dass es die Impfungen mit dem AstraZeneca-Impfstoff für Menschen unter 55 Jahren vorübergehend ausgesetzt, um zu überprüfen, inwiefern ein Zusammenhang mit selten auftretenden Blutgerinnseln steht.

Das _National Advisory Committee on Immunization (NACI) _ hatte die Pause aus Sicherheitsgründen empfohlen, die kanadischen Provinzen haben nun die Aussetzung bekannt gegeben.

"Es besteht eine erhebliche Unsicherheit über den Nutzen des AstraZeneca-Corona-Impfstoffs für Erwachsene unter 55 Jahren angesichts der möglichen Risiken", sagte Dr. Shelley Deeks, stellvertretende Vorsitzende des National Advisory Committee on Immunisation.

"Es besteht eine erhebliche Unsicherheit"

Hintergrund des Stopps sind neue Daten aus Europa, die, so Deeks, darauf hindeuten, dass das Risiko von Blutgerinnseln jetzt bei 1 zu 100.000 läge, also wesentlich höher als das zuvor angenommene Risiko von eins zu einer Million.

Sie erklärte, dass die meisten der Patienten in Europa, die ein seltenes Blutgerinnsel nach der Impfung mit AstraZeneca entwickelten, Frauen unter 55 Jahren betroffen hätten. Die entsprechende Sterblichkeitsrate unter denen, die die Gerinnsel entwickelten, läge bei bis zu 40 Prozent.

Dr. Joss Reimer von der Task Force für die Impfkampagne in Manitoba bestätigte, dass nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin im allgemeinen kein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel besteht. Allerdings seien vermehrt Hirnvenenthrombosen aufgetreten, eine seltene Art von Blutgerinnseln, vor allem bei jungen Frauen in Europa beobachtet wurden.

"Während wir immer noch glauben, dass die Vorteile für alle Altersgruppen die Risiken überwiegen, bin ich nicht zufrieden mit "wahrscheinlich". Ich möchte mehr Daten aus Europa, damit ich genau weiß, was diese Risiko-Nutzen-Analyse aussagt", erklärte Reimer.

Auf die Impfungen von AstraZeneca, die in mehr als 70 Ländern zugelassen sind, setzt auch das von den Vereinten Nationen unterstützte COVAX-Programm, das den Corona-Impfstoff in ärmere Länder verteilen soll. Auch Europa hat große Hoffnungen in den Impfstoff gesetzt, besonders, nachdem die Impfkampagnen schleppend angelaufen waren. Die Zweifel an dem Impfstoff kommen deshalb zur Unzeit.

Neue Kennzeichnung für AstraZeneca-Impfstoff in Kanada

In Kanada hat das Ministerium in der vergangenen Woche die Kennzeichnung des Impfstoffs ergänzt, die auf das seltene Risiko von Hirnvenenthrombosen hinweist. In Ontario, der bevölkerungsreichsten Provinz Kanadas, haben nur Personen ab 60 Jahren den Impfstoff von AstraZeneca erhalten.

Mark Mendelson, ein 63-jähriger Mann aus Toronto, der eine Herzoperation hinter sich hat, bereut es nicht, dass er sich vor zwei Wochen mit dem AstraZeneca-Impfstoff impfen lassen hat.

"Nehmen Sie, was Sie können", sagte Mendelson. "Ich hatte überhaupt keine Nebenwirkungen durch AstraZeneca. Ich befinde mich in einer besseren Position als all diejenigen, die überhaupt keinen Impfstoff bekommen."

In Europa waren die Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin im März vorübergehend gestoppt worden, weil mehrere Fälle von Hirnvenenthrombosen aufgetreten waren, die in zeitlichem Zusammenhang zu einer Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin standen. Die Impfungen wurden erst wieder aufgenommen, nachdem die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) den Impfstoff als sicher eingestuft hatte.

Kanada hat auf Pfizer und Moderna gesetzt

An diesem Mittwoch erwartet Kanada die Lieferung von 1,5 Millionen Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs aus den USA. Derzeit werden in dem nordamerikanischen Land die Impfstoffe von Pfizer/BioNTech und Moderna verimpft, von ersterem hatte es 76 Millionen Dosen bestellt und 44 Millionen von Moderna. Von AstraZeneca erhält Kanada gerade mal 20 Millionen Impfdosen.

Kanada erhielt seine erste Lieferung von AstraZeneca in diesem Monat - 500.000 Dosen aus Indien. Von den 194.500 Dosen, die die Provinz Ontario erhalten hat, bleiben etwa 10.000 übrig. Sie verfallen am 2. April.

Auch in Kanada kommt die Impfkampagne nicht schnell genug voran, unter anderem, weil es die Vakzine nicht selbst herstellt und damit auf die Lieferungen aus anderen Ländern angewiesen ist.