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Coronavirus-Variante B.1.640.2 aus Marseille: Was hat es mit der Entdeckung auf sich?

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Von Alexandra Leistner
Behandlung einer Covid-Patientin in Marseille: Die Krankenhäuser in der Region sind an der Belastungsgrenze, Patient:innen werden in andere Regionen verlegt.
Behandlung einer Covid-Patientin in Marseille: Die Krankenhäuser in der Region sind an der Belastungsgrenze, Patient:innen werden in andere Regionen verlegt.   -   Copyright  Daniel Cole/AP

Marseille ist derzeit eine der am schwersten von der Pandemie betroffenen Regionen in Frankreich. Krankenhäuser sind bereits an ihrer Belastungsgrenze, mehr als 500 Menschen werden auf Intensivstationen behandelt. Erste Verlegungen in den Norden, nach Brest, Paris oder Metz haben bereits stattgefunden.

Gleichzeitig - oder vielleicht wegen der Berichterstattung - reden immer mehr Menschen über eine neue Variante, die in Marseille entdeckt wurde. Auf Twitter trendet #B16402, der Name der am Universitätsklinikum IHU entdeckten Variante.

Allerdings ist die Nachricht von dieser Entdeckung nicht neu. Die Forscher:innen veröffentlichten ihre Ergebnisse bereits am 9. Dezember - der entsprechende Tweet lässt sich einfach finden.

"Am IHU Méditerranée für Infektionskrankheiten wurde eine neue COVID-19-Variante entdeckt, die von Patienten aus Forcalquier stammt. Sie wurde als IHU-Variante bezeichnet und bei GISAID unter dem Namen B.1.640.2 hinterlegt", ist in dem Tweet zu lesen.

Allerdings gibt es weder eine Pressemitteilung noch genauere Details zu dem Verlauf oder anderen Erkenntnissen der Forschergruppe - lediglich das Bild des Virus aus einem Elektronenmikroskop.

Auch Informationen zum Verlauf der Erkrankung oder zur Verbreitung der Variante gab es nicht.

Am 29. Dezember veröffentlichten die Marseiller Wissenschaftler:innen dann ihre Vorabstudie in der Wisschenschaftszeitung medRxiv. Ein Begutachtungsverfahren (auch Peer-Review) von anderen Kolleg:innen steht aber noch aus.

In dem Manuskript zu der Entdeckung der neuen Variante heißt es, dass die Mutation bei 12 Personen aus derselben geografischen Region (Forcalquier im Hinterland von Marseille) nachgewiesen wurde und dass durch eine spezielle Form des PCR-Test (qPCR), mit der nach Mutationen gesucht wird, atypische Kombinationen entdeckt wurden.

Mehr Mutationen als Omikron?

Bei der Analyse der DNS des Virus habe man 46 Mutationen und 37 Deletionen gefunden, das wären mehr als bei der derzeit grassierenden Variante Omikron. Die Mutation N501Y, die die Marseiller Wissenschaftler:innen fanden, soll eine leichtere Bindung an menschliche Zellen ermöglichen und dadurch für schnelle Verbreitung verantwortlich sein. Einige der Mutationen befänden sich zudem im Spike-Protein.

Der Index-Fall, also die erste Person, die in der Gruppe an dem Virus erkrankte, sei zuvor aus Kamerun eingereist, weshalb die Forscher:innen vermuten, dass die Variante aus Kamerun stammt.

Die Wissenschaftler:innen aus Marseille gaben der Variante den Namen "IHU" nach dem IHU Marseille (Institut hospitalo-universitaire en maladies infectieuses de Marseille, Krankheits- und Universitätsinstitut für Ansteckungskrankheiten) an dem sie tätig sind.

Ko-Autor der Vorabstudie in Frankreich umstritten

Leiter des IHU und Ko-Autor der Studie ist der Mediziner Didier Raoult. Er war zu Beginn der Pandemie sehr präsent in französischen Medien aufgetreten, war dann aber wegen seiner Empfehlung des Malariamittels Hydroxychloroquin zur Behandlung von Covid-19 in die Kritik geraten.

Raoult wurde wegen des Falls von der französischen Ärztekammer verwarnt. Angesehene Wissenschaftler:innen, allen voran Dr. Elisabeth Birk, hatten auf Fehler in Studien von Raoult hingewiesen.

Diverse Studien haben belegt, dass Hydroxychloroquin – das auch von Donald Trump oder dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro als Wundermittel angepriesen wurde, nicht gegen das Coronavirus wirkt.

AP Photo/Daniel Cole
Professor Didier Raoult im Februar 2020 in seinem Büro am Uniklinikum La Timone in Marseille. Seine Tätigkeit dort ging Ende August 2021 zu Ende.AP Photo/Daniel ColeDaniel Cole

Auf Twitter gaben mehrere Wissenschaftler Entwarnung. Der Leiter der Computerbiologie am University College in London, Prof. François Balloux, sagte, es seien bisher nur etwa 20 Fälle der Variante bekannt und die Proben seien Anfang Dezember gesammelt worden. Die Variante "erklärt nicht den schnellen Anstieg der Fälle in Südfrankreich und hat nicht hunderte Menschen in Frankreich auf Intensivstationen befördert".

Dr. David Robert Grimes schrieb, Raoult sei so glaubwürdig in der Forschung wie Lance Armstrong fair im Sport gewesen sei.

"Didier Raoult hat es geschafft: Die neue Variante "IHU" - von der in Frankreich niemand spricht - lässt bereits die englischen Boulevardblätter und die amerikanischen Twitter-Epidemiologen erschaudern", schreibt der französische Journalist Vincent Glad.

Nach Angaben des Leiters der Intensivstation am Krankenhaus Marseille Nord, Dr Jean-Marie Forel, seien die meisten schweren Verläufe von Covid-19 Personen, die nicht geimpft sind. "Wir sehen auf unseren Intensivstationen viele Menschen, die nicht geimpft sind, wobei die schweren Formen hauptsächlich Nicht-Geimpfte betreffen. Und wir sehen immer jüngere Menschen, die 30, 40 oder 50 Jahre alt sind und die in einer Reihe von Fällen in unseren Abteilungen sterben werden", so der Mediziner gegenüber France Bleu.

Weil die Impfbereitschaft in der Region niedrig ist im Vergleich zu anderen Teilen Frankreichs, hatten am Wochenende 500 Medizinerinnen und Mediziner einen Aufruf zum Impfen gestartet. "Vertraut uns, lasst euch impfen", forderten sie die Bevölkerung auf.

"Wir wissen noch zu wenig, um etwas Brauchbares sagen zu können", erklärte der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach merkur.de, er sei aber mit Spezialisten im Austausch.

B.1.640.2 schon längst bekannt?

B.1.640.2 gehört zu einer Art Varianten-Familie, die seit November auf dem Radar der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist, wie die dpa berichtete. Darauf habe auch WHO-Epidemiologe Abdi Mahamud in Genf verwiesen.

B.1.640 wurde nach WHO-Angaben zuerst im September aus der Demokratischen Republik Kongo gemeldet und im November unter Beobachtung genommen, habe sich seitdem nach den vorliegenden Daten aber nicht erheblich ausgebreitet, sagte Mahamud. "Wir werden sie im Auge behalten."